Universität unterm Hakenkreuz

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Große, rot-weiß-schwarze Hakenkreuzflaggen hingen von 1933 bis 1945 vor und in der Neuen Aula der Universität Tübingen. Studenten hissten sie als erste – unerlaubt.

Viele Studenten, allen voran die Verbindungen, forderten und förderten den Nationalsozialismus an der Eberhard Karls Universität. Aber auch das zu einem Großteil nationalkonservative Lehrpersonal unterstützte den Umbau zur Führeruniversität, so Professor Hans-Joachim Lang in der Auftaktvorlesung der Studium Generale-Reihe „Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus“.

Studenten als treibende Kraft

“Die treibende Gruppe in der Universität waren die Studenten. Symbolisch stehen dafür Martin Sandberger und Erich Ehrlinger, die am Nachmittag des 7. März 1933 unerlaubt ein erstes Mal die Hakenkreuzflagge hissten. Abends ließ Rektor Simund die Fahne wieder einholen und am übernächsten Tag wurden sie von Studenten ein weiteres Mal aufgezogen, diesmal im stillschweigenden Einverständnis des Rektors und sogar über Nacht geduldet.”

Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten und zum Ende der Weimarer Republik prägten nationalkonservative Strömungen die Einstellungen der Tübinger Studentenschaft und des Lehrpersonals, sagt Professor Hans-Joachim Lang. Er ist Journalist, Historiker und Honorarprofessor am Tübinger Ludwig Uhland Institut. Intensiv hat er sich mit der Universität Tübingen im Nationalsozialismus auseinandergesetzt.

“Etwa 70 bis 80 Prozent der Tübinger Studenten waren Mitglied in einer der 48 Studentenverbindungen, von denen 35 ein eigenes Haus zur Verfügung hatten. Gegenüber den Nationalsozialisten verhielten sie sich, v.a. gegen Ende der Weimarer Republik, aufgeschlossen. „Es ist hier so, dass wir in allen Verbänden unsere Leute haben, auch in den katholischen Verbindungen“, bilanzierte im Februar 1932 Alfons Geromita, hiesiger Studentenführer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenverbandes. Fast alle studentischen Verbindungen begrüßten 1933 den Machtwechsel, verknüpften ihre politischen Hoffnungen mit dem Aufstieg von Adolf Hitler.”

Die Studentenverbindungen brachten später zahlreiche fanatische Nationalsozialisten hervor. Sie waren beteiligt an der Massenvernichtung von Juden, erzählt Professor Lang.

“Fast alle studentischen Verbindungen begrüßten 1933 den Machtwechsel, verknüpften ihre politischen Hoffnungen mit dem Aufstieg von Adolf Hitler.”

Prof. Dr. Hans-Joachim Lang

“Einige Tübinger Beispiele. Der Igel Herrmann Kuhhorst wurde Vorsitzender des Stuttgarter Sondergerichts. Christian Mergenthaler württembergischer Ministerpräsident von 33 bis 45, war Mitglied des Wingolf. Walter Stahlecker, Führer der berüchtigten SS-Einsatztruppe A der SS und Sicherheitspolizei Mitglied des Liechtenstein. Oder Eugen Steimle, der das Sonderkommando 7A in der Einsatzgruppe B und danach das Sonderkommando 4A leitete, ein Normanne. Oder Erwin Weinmann, an der Errichtung des KZ Theresienstadt beteiligt, und zeitweise Anführer des Sonderkommandos 4A der Einsatzgruppe C ein Gibelline. Alle diese genannten Einsatzgruppen und Sonderkommandos begingen Massenmorde an Juden durch Erschießen.”

Umbau zur Führeruniversität

Der strukturelle Umbau der Universität im nationalsozialistischen Sinne begann im April 1933. Am 21. April 1933 ernannte das württembergische Kultministerium den Volkskundler Gustav Bebermeier zum „Beauftragten mit besonderen Vollmachten an der Universität“.

“In den darauf folgenden Wochen begann er nahezu geräuschlos, einige personelle Veränderungen in die Wege zu leiten, und die Uni auf nationalsozialistischen Kurs zu bringen. Eingeschüchtert von der stürmischen politischen Entwicklung trat am 24. April 33 in einer Sitzung des Großen Senats August Hegler vom Amt des Kanzlers zurück, die Professoren Erich Kammke, Karl Sartorius und Wolfgang Stock verzichteten auf ihre Mitgliedschaft im kleinen Senat und Hans Teschemacher gab das Dekanat der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ab. In den ersten Monaten hat es die Universität als ihrem Wesen noch fremd abgelehnt, in den parteipolitischen Kampf einzutreten. Bei dem regulär erfolgten Rektoratswechsel am 2. Mai 1933 verteidigte der scheidende Paul Simund in Anwesenheit des NSDAP-Gauleiters und Staatspräsidenten Wilhelm Muhr sowie des Kultministers nur noch andeutungsweise die universitäre Selbstverwaltung. Doch davon sollte künftig keine Rede mehr sein. Mit Druck von oben und mit der Macht der anpassungswilligen Kräfte im Inneren der Universität vollzog sich binnen kürzester Zeit der Umbau der Ordinarienuniversität zur hierarchisch streng durchgekämmten Führeruniversität mit einer neuen Universitätsverfassung. Laut der bei der Rektorernennung das Reichserziehungsministerium das letzte Wort hatte. Kleiner und großer Senat durften keine Beschlüsse mehr fassen, Dekane wurden vom Rektor ernannt.”

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NS-„Führerrektor“ Hermann Hoffmann, 1937. Foto: MUT

Der ehemalige Tübinger Student und württembergische Ministerpräsident Christian Mergenthaler wählte künftig die Rektoren der Universität aus, allesamt auf Parteilinie der NSDAP.

“Mergenthaler suspendierte den Simund-Nachfolger Albert Dietrich nach einem halben Jahr und ersetzte ihn durch den erbötigen evangelischen Theologen Karl Fetzer, der sich bereits als Anhänger der Deutschen Christen profiliert hatte. Fetzer amtierte vom 11.Dezember 1933 an als der erste Führer-Rektor an der Tübinger Universität. Ihm folgte im März 1935 der Altphilologe Friedrich Focke, bei dessen Antritt der Große Senat bereits abgeschafft war. Am 1. September 1937 rückte der Psychiater Herrmann Hoffmann nach, ein ausgeprägter Antisemit und zuverlässiger Nationalsozialist. Für die Rektorengalerie ließ er sich, quasi als Ausweis seiner Systemtreue, in der Uniform eines SA-Obersturmführers portraitieren. Als letzten Führerrektor setzten die Nationalsozialisten den Eugeniker Otto Stickel ein. Er blieb bis 20. April 1945 im Amt, länger als sein Vorgänger, weil sich kein geeigneter Kandidat mehr gefunden hatte.”

Rassenbiologie als “Leitwissenschaft”

Die Forschung wurde systematisch ideologisiert. Rassenhygiene und Rassenkunde wurden zur neuen „Leitwissenschaft“, der sogenannten Rassenbiologie ausgebaut. Die Universität Tübingen gründete 1934 als erste Universität in Deutschland einen Lehrstuhl für Rassenkunde. Und die „Rassethematik“ wurde auch in den anderen Fachbereichen eingeführt, weiß Professor Hans-Joachim Lang:

“Die Inhalte griffen auch auf andere Fächer aus, wie man den Titeln einzelner Vorträge an der Eberhard Karls Universität entnehmen kann. Einige Beispiele für viele: Rasse und Religion, Versuch einer rassekundlichen Betrachtung der deutschen Dichtung, Musik und Rasse, Rasse und Erziehung, Rasse und Geographie, Kants Rassenbegriff und die moderne Rassenforschung, Philosophie und geistige Rassenkunde, Rassenleib und Rassenseele und so weiter.”

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Foto: MUT

Doch nicht in allen Fächer ließen sich Forschung und Lehre von der nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmen. So scheint es, als hätte die Physik sich dem Einfluss entziehen können:

“Die Physik beispielsweise gehörte zu den Feldern in der Universität, die sich offenbar nicht völlig auf Gleichstrom schalten ließen. Denn einer jener abseitigen Sonderwege des Fächerkanons hätte zu einer deutschen Physik führen sollen, die sich auf die beiden deutschen Physiknobelpreisträger Philipp Lennart und Johannes Stark stützte und insbesondere gegen die Relativitätstheorie und Quantenmechanik gerichtet war. Uwe-Dietrich Adam hält in seiner Untersuchung über die Universität Tübingen im Dritten Reich fest, dass der hiesige Lehrstuhlvertreter Ernst Back, der übrigens schon ehedem mit dem jüdischen Tübinger Physik-Professor Alfred Londé publiziert hatte, unbekümmert die Position Einsteins vertreten habe. Allerdings stützt er sich dabei ausschließlich auf die Nachkriegsdarstellung Backs.”

Beim übrigen Universitätspersonal wurden stark auf die politische Gesinnung geachtet. Entlassen wurden jedoch nur wenige Wissenschaftler, da in Tübingen ohnehin bereits vor 1933 wenige Juden zum Lehrpersonal gehörten, und politisch linke Wissenschaftler so gut wie nicht vertreten waren. Dennoch: Wer sich dem System nicht unterordnete, war den Repressionen der Nationalsozialisten ausgesetzt.

Rudolf Schierenberg, der 1932 in Tübingen mit einer staatswissenschaftlichen Studie promoviert hat, wollte sich bei den Historikern mit einer Arbeit über Preussen habilitieren. Als mehrfach die Gestapo bei ihm zu Hause in der Hölderlinstraße vorsprach, um ihn, den erklärten konservativen Nazi-Gegner über seine Kontakte zu Juden auszuhorchen, zog er 1934 die Emigration in die Niederlande vor, wo er die Habilitationsschrift abschloss, freilich, ohne sie je zu veröffentlichen. Als ihm 1943 ein niederländischer Polizist die bevorstehende Verhaftung verriet, reiste er mit falschem Namen nach Italien und tauchte bei Freunden unter.”

Der letzte jüdische Student

Ab dem Sommersemester 1933 durften jüdische Studierende die Mensa nicht mehr benutzen. Sie bekamen keine Stipendien oder sonstigen Unterstützungen mehr. Mit einem Fragebogen wurde erfasst, ob die Studenten arischer Herkunft waren, „Nicht-Arier“ wurden aus der 1933 gebildeten Deutschen Studierendenschaft ausgeschlossen.

“‘Es studieren also zusammengenommen zur Zeit hier 35 Nicht-Arier hier’, meldete Rektor Albrecht Dietrich am 19. Juni 1933 an das württembergische Kultministerium nach Stuttgart und differenzierte gemäß der neuen Richtlinie, dass von diesen 35 Studenten 25 unter die im Gesetz vom April 33 genannten Ausnahmen fielen. Nämlich 10 Kinder von Frontkämpfern und 15, deren Eltern oder Großeltern teilweise arisch waren.”

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Foto: MUT

Schon während des Sommersemesters 1933 gaben einige der noch verbliebenen jüdischen Studierenden ihr Studium auf. Unbekannt ist, wie viele Juden den Plan zu studieren wegen der Repressionen schon zuvor aufgaben, sagt der Historiker Hans-Joachim Lang.

“Letzter regulärer jüdischer Student war der Mediziner Ulrich Sander. Der Sohn des Stuttgarter Augenarztes Emil Sander hatte im Sommersemester 1933 sein Studium in Tübingen begonnen, verbrachte zwei Semester in Freiburg und kam im Sommersemester 1935 nach Tübingen zurück. Wegen der fehlenden Berufsperspektiven exmatrikulierte er sich nach dem Ende des Sommersemesters 35 und durfte, mit der Auflage, dass er sofort auswandere, noch das Physikum ablegen. Er bestand es am 31. November 35 mit der Note „sehr gut“. Nach einem Praktikum in einem Landwirtschaftlichen Betrieb am Bodensee emigrierte Sander im Februar S´36 nach Palästina. Von 1939 bis 1942 lebte Sander in einem Kibutz und schloss sich dann der British Army an. So kam er wieder nach Europa, um gegen das NS-Regime zu kämpfen. Am 2. Januar 1944 erschoss er sich in Italien, gerade mal 29 Jahre alt.”

Die Rolle des Universitätsklinikums

Das Universitätsklinikum führte zur Zeit des Nationalsozialismus Zwangssterilisationen an Menschen durch, bei denen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde. Eine Maßnahme, die von der Tübinger Klinikleitung schon vor 1933 gefordert worden war. Eines der Opfer war der Student Georg Mall.

Georg Mall war ein Tübinger Theologiestudent, bei dem im April 1933 eine Schizophrenie diagnostiziert wurde, die gemäß dem am 1. Januar 1934 in Kraft getretenen Erbgesundheitsgesetz die Zwangssterilisation zur Folge hatte. Ärzte waren bei Verdacht einer der im Gesetz beschriebenen Diagnosen beim Erbgesundheitsgericht anzeigepflichtig, worauf das Sterilisationsverfahren in Gang gesetzt wurde. Bereits im ersten Jahr wurden von den insgesamt 1606 Patientinnen und Patienten der Universitätsnervenklinik 578, das sind 36 Prozent, durch deren Ärzte angezeigt. Insgesamt wurden in den Klinken der Universität Tübingen in der Zeit des Nationalsozialismus mindestens 1158, vermutlich aber 1243 Personen aus eugenischen Gründen zwangsweise unfruchtbar gemacht. Einer von ihnen war der Theologiestudent Georg Mall, der nach einer vergeblichen Elektroschockbehandlung zuletzt 1940 in die Anstalt Weisenau eingewiesen wurde. Sein Bruder Gerhard Mall, in Tübingen ausgebildeter und in jenem Jahr an der Nervenklinik in Marburg praktizierender Psychater, schrieb damals die Bitte nach Weisenau, Georg Mall „intra muros“, also innerhalb der Mauern, der Euthanasie zuzuführen. Eine Bitte, die man in der Anstalt, Zitat: „Aus grundsätzlichen Erwägungen heraus“ für unerfüllbar hielt. Aber im Wissen um den üblichen Weg auch für unnötig. In Württemberg führte der zeitweise übliche Weg nach Grafeneck, wo der ehemalige Student Georg Mall im Dezember 1940 als einer von 10654 Patienten ermordet wurde.”

Die Leichen derer, die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen geworden waren, wurden teilweise noch an der Universität zu Lehrzwecken eingesetzt. Als Objekte für Präparate in der Medizinerausbildung, erzählt Professor Hans-Joachim Lang.

“Wie auch an anderen deutschen Universitäten wurden am anatomischen Institut bis 1945 zahlreiche Leichen von Opfern der NS-Justiz und von Kriegsgefangenen für Lehrzwecke bezogen und in Präparierkursen verwendet bzw. zu Dauerpräparaten für die Medizinerausbildung verarbeitet. Die Leichenreste wurden auf dem Gräberfeld X des Tübinger Stadtfriedhofs bestattet. Gedenktafeln erinnern heute an die Namen jener Männer und Frauen, deren Körper von Anatomen missbräuchlich verwendet wurden. Dagegen sind die meisten Opfer von Wissenschaftlern, die außerhalb von rechtsstaatlichen Bahnen forschten, namenlos geblieben. Teils aus berechtigten Gründen des Datenschutzes, weit überwiegend jedoch aus Desinteresse. In der Neuen Aula findet man die Namen studentischer Kriegstoten, nach den Namen der in den Konzentrationslagern ermordeten Tübinger Alumni sucht man dort vergeblich.”

Aufarbeitung der Vergangenheit

Mit ihren Verstrickungen in den Nationalsozialismus wollte sich die Universität Tübingen lange nicht auseinandersetzen. Schon am 1. August 1945 wurde die Universität wiedereröffnet. Erst 2002 berief der damalige Rektor einen Arbeitskreis „Universität im Nationalsozialismus“ ein, und die öffentliche Aufarbeitung kam in Gange.

Für das Jahr 2015 erklärte die Universität Tübingen ihre Rolle im Nationalsozialismus zum Jahresthema. Eine Studium Generale-Reihe setzte sich im vergangenen Semester mit der „Universität Tübingen, dem Nationalsozialismus und dessen Opfern“ auseinander, außerdem widmeten sich vier Ausstellungen dem Thema, unter anderem “Forschung – Lehre – Unrecht”.

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Lucas Eiler

... studiert Politikwissenschaft, Allgemeine Rhetorik und Medienwissenschaft. Seit dem Wintersemester 2013 arbeitet er für das Uniradio und betreut hier auch den Social Media-Auftritt mit.

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