Flüchtlingsfußball: Wie aus einem Alt-Philologen-Kick ein Integrationskick wurde

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„Wir schaffen das.“ So prognostizierte es die Kanzlerin 2015. Doch wie? Eine Aktion von gelungener sportlicher Integration in Tübingen.

„Clash of Cultures“. In diesem Ausdruck scheint sich die Angst vieler Mitmenschen wiederzufinden. Die Auseinandersetzung mit dieser Angst, zu der uns die Kanzlerin mit „Wir schaffen das!“  aufgerufen hat, lässt sich mit einem Wort beschreiben: Integration. Die Silvesternacht 2015 in Köln zeigte unserer Gesellschaft, dass grade die Integration eine Herausforderung für beide Seiten ist. Und ebenso wurde deutlich, dass man diesen Begriff nicht nur im luftleeren Raum stehen lassen kann, sondern mit Inhalt, oder besser mit Taten, füllen muss.

Zwischen Freibad und B28

Auf eine besondere Art geschieht dies jeden Freitagnachmittag auf dem Kunstrasenfeld zwischen Freibad und der B28 in Tübingen. Fabian erzählt, wie es dazu kam:

“Wir spielen jeden Freitag auf dem Platz am Neckar in Tübingen. Ursprünglich war das einfach ein Kick der klassischen Philologie, also Altphilologen-Fußball. Das hat dann alles nicht so funktioniert und dann wurde das eher zum Kick mit ein paar Freunden und es hat sich so eine feste Gruppe herausgebildet. Und dann kamen auch irgendwann ein paar Flüchtlinge dazu.”

Fabian ist das Bindeglied zwischen den langjährigen Kickern und etwa fünf bis zehn Flüchtlingen, die sich regelmäßig zum Fußballspielen treffen. Die Entstehungsgeschichte ist leicht erklärt. Ihre Wurzeln liegen in der KHG, die katholische Hochschulgemeinschaft, die in Tübingen unter anderem ein Wohnheim betreibt. Nachdem sich der erste Kontakt etwas verlaufen hatte, traf Fabian zufällig einen der Flüchtlinge in der Altstadt.

Foto_Kunstrasen

Der Kunstrasenplatz – zwischen Freibad und B28.

“Vielen ist einfach langweilig”

“Was mir ein bisschen klar geworden ist bei dem ursprünglichen Fußballprojekt mit den Flüchtlingen ist, dass vielen einfach super langweilig ist; weil sie nicht arbeiten, wenig Kontakte haben und die Sprachbarriere macht es auch nicht unbedingt einfacher um Anschluss zu finden. Und dass dann sowas wie zusammen Fußball spielen oder eine Fußballgruppe zu haben, wo man einfach hingehen kann, schon voll wichtig ist für die Jungs. Und so ist es ja am Ende cool für beide Seiten, auch für uns ist es sicherlich eine Bereicherung.”

Als eine Bereicherung sieht es auch der 23 jährige Omar. Er ist einer der Flüchtlinge, die größtenteils im vergangenen Jahr aus Syrien nach Deutschland geflohen sind. Omar selbst stammt aus Damaskus, wo Fußball durchaus kein Fremdwort ist, erzählt Omar:

“Wir spielen gerne Fußball, aber nicht oft, nicht wie in Deutschland. Ich spielte dort einmal im Monat und hier spiele ich zweimal die Woche. Ich habe ein bisschen Freizeit und da spiele ich gerne mit den deutschen Freunden und denen aus Syrien. Ich finde, dass es sehr interessant ist, mit den anderen zu sprechen, die Sprache zu lernen und Spaß zu haben.”

Deutsch lernen im Spiel

Hilft denn Fußballspielen, um sich in einer völlig neuen Kultur und Umgebung zu orientieren? Auf jeden Fall, findet Omar:

“Natürlich, denn wir sprechen mit den Mitspielern, mit den Freunden und die erklären uns alles auf Deutsch, wie wir zum Beispiel stehen müssen oder zu wem wir einwerfen müssen. Und die Worte, die alle beim Fußballspielen sagen, die lernen wir sehr schnell. Wenn wir zum Beispiel ein Fußballspiel im Fernsehen gucken, dann verstehen wir, was der Mann sagt. Das hilft uns natürlich sehr in der deutschen Sprache.”

Integration funktioniert hier also auf eine besondere Art und Weise. Denn es ist nicht nur sportlicher Enthusiasmus. Fußball ist nämlich ein Weltsport, bei dem jeder Spieler gleichberechtigt ist und sich an dieselben Regel hält. Das einzige, was auf dem Platz die Spieler unterscheidet sind die Sprachfähigkeiten. Die einen sprechen arabsich, die anderen sprechen deutsch. Doch das Spiel funktioniert durch die Kommunikation mit Hand und Fuß, also auch ohne deutschen Sprachkurs. Und wenn man die Sprache letztendlich lernt, findet sie auf dem Kunstrasen sofort Anwendung.

Omar möchte übrigens mit seinen Sprachkenntnissen später Nachrichtentechnik in Reutlingen oder in Stuttgart studieren. Mit einer Zukunft hier, besonders in der Nähe von Tübingen, will Omar noch lange Teil dieser sportlichen Integrationsarbeit bleiben.

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Oskar Burmann

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