“Hitlers heimliche Helfer” Buchrezension

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Warum sympathisierte der europäische Adel mit den Nazis? Welche Rolle spielten deutsche Adelige als Botschafter für die Nazis im Ausland? Darum geht’s in diesem Buch.

Es gab europäische Adelige, die in der Zeit von 1914 bis 1945 als Geheimdiplomaten aktiv waren.  Autorin Karina Urbach stellt drei Fälle näher vor: Max von Hohenlohe half dabei, britische Diplomaten auf einer betont „unpolitischen“ Rundreise durch das Sudetenland für die deutsche Außenpolitik zu gewinnen.  Seine entfernte Verwandte Prinzessin Sophie von Hohenlohe warb in England hochrangige Adelige für die Nazis an. Und Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg versteckte für die Nazis Waffen auf seinem Schloss.

                              

Politisches Stimmungsbarometer

Zu Beginn des Buchs wird die Frage erörtert, warum es nützlich war, Adelige anstelle von Politikern für diplomatische Missionen einzusetzen. Die nachvollziehbare Argumentation:  Aufgrund internationaler Eheschließungen besaßen die Adeligen zahlreiche Verwandte in ganz Europa. Sie konnten Besuche in fremden Ländern machen, ohne dass man ihnen politische Absichten unterstellte. Sie konnten als „politisches Stimmungsbarometer“ dienen. Das war vor allem in der Zeit unmittelbar ab September 1939 wichtig, als die offiziellen diplomatischen Verbindungen auf Eis lagen. Die Adeligen hatten oft einflussreiche Kontakte in Politik und Wirtschaft und wurden schon aufgrund ihres Adelstitels zu wichtigen politischen Empfängen eingeladen.

Für Macht und Einfluss
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Foto: Theiss Verlag

Warum traten viele Aristokraten freiwillig in den Dienst der Nazis? Laut Autorin taten die wenigsten es aus finanziellen Gründen. Meist waren Antisemitismus, Antikommunismus und die Angst vor dem sozialen Abstieg dafür verantwortlich. Die Aristokratie war fassungslos angesichts der Ermordung und Vertreibung russischer Verwandter in Folge der Oktober-Revolution. Die führte zu einer Art Angst vor dem Kommunismus. Da ein Großteil der Adeligen traditionell antisemitisch eingestellt war, glaubten sie, dass Kommunismus und Juden in Verbindung stehen müssten, so schlussfolgert Urbach. Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Aristokratie massiv an politischem Einfluss verloren. Deshalb hofften viele darauf, dass Hitler genauso wie Mussolini in Italien Diktatur und Monarchie verbinden würde. Das hätte ihnen wieder zu Macht und Einfluss verholfen. Der Adel handelte also eigennützig in der Hoffnung wieder an die Macht zu gelangen.

Ein bewährtes Konzept – ohne roten Faden

Die Kombination von Adel, Liebe, Krieg und Intrigen hat schon so manchem Buch zum Erfolg verholfen. Hier fehlt aber der „rote Faden“ durch das Buch. Oft wird vom Thema abgeschweift, indem Nebenpersonen beschrieben werden.  Der wesentliche Inhalt hätte auch auf 200 Seiten weniger gepasst. Schade, dass die Autorin der Zeit vor Hitlers Herrschaft ganze 160 Seiten widmet.  Das wäre auch auf zehn Seiten möglich gewesen und hätte meiner Meinung nach den Fokus mehr auf den wesentlichen Inhalt gelegt. Eine Schwäche des Buches ist auch, dass subjektive Memoiren der Akteure häufig die einzige Quelle sind. Deren Zuverlässigkeit ist fraglich. Die Antwort auf die Frage, wie nahe die Windsors den Nazis standen, bleibt die Autorin schuldig. Zu Beginn des Buches wird die Hoffnung geweckt, mehr darüber zu erfahren. Nach und nach erfahren wir aber, dass die entsprechenden Akten im königlichen Archiv unter Verschluss liegen. Stattdessen wird man über weitaus weniger bedeutende Adelige informiert, deren Nähe zu den Nazis schon lange bekannt war.

Schwere Kost

Hitlergruß unterm Hakenkreuz: Die Neue Aula zu Zeiten des Nationalsozialismus. Foto: MUT

Der Schreibstil im Buch macht deutlich: Hier handelt es sich um Forschungsliteratur für Historiker. Der Text ist komplex und reich an geisteswissenschaftlichen Fachbegriffen. Nicht zu vergleichen mit leicht zu lesender Einführungsliteratur im Grundstudium Geschichte. Die Recherche ist zwar sehr gründlich, aber der Schreibstil ließ meine Freude am Lesen schnell schwinden.  Was mir beim Lesen große Schwierigkeiten bereitet hat, ist die große Anzahl verschiedener Adeliger. Die werden oft nur kurz erwähnt. Leser ohne Vorwissen über die Adelsfamilien des 19. und 20. Jahrhunderts kommen hier schnell an ihre Grenzen.
Eine Ahnentafel für die Hauptpersonen wie Carl Eduard oder Max von Hohenlohe wäre ein nützliches Extra gewesen.

Fazit:

Drei Melonen
Dieses Buch ist schwere Kost. Nur was für Leute, die sich für den Adel interessieren.
  • Karina Urbach lehrte unter anderem in Bayreuth, London und Princeton als Professorin für Geschichte.

Das Buch Hitlers heimliche Helfer von Karina Urbach ist am 15.September 2016 im Theiss Verlag erschienen und kostet 29,95€.

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Über

Kai Hartmann

studiert Geschichte weil es auch in der Zukunft eine Vergangenheit gibt. Er ist seit Februar 2016 bei cantaloup.fm.

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