Teuer, teurer, Tübingen

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Zwischen billigen, dunklen Löchern und unerschwinglichen WG-Zimmern kämpfen Studenten um ein bezahlbares Zuhause. Muss das sein? Ein Kommentar.

Mein WG-Zimmer ist eigentlich ein Schnäppchen. 16 Quadratmeter in fast zentraler Lage für rund 300 Euro warm. So lebt es sich eigentlich ganz gut – noch dazu in einer ziemlich schönen Altbauwohnung. Zwar mit der Betonung auf “alt”, aber mit Charme. Viel Charme hat zum Beispiel der Boiler, denn für warmes Wasser in der Küche möchte er erst mal den Hahn im Bad aufgedreht haben. Auch sehr charmant sind die Wasserflecken an meiner Wand. Kurz nach Einzug waren sie plötzlich da, es roch muffig, der Vermieter versprach sich zu kümmern. In der Zwischenzeit sind sie getrocknet.

Am meisten Charme hat aber unsere Klingel. Mehr als ein schwarzes Loch findet man da, wo sie sein sollte, nicht. Aber ich kann mich nicht beschweren, nicht hier in Tübingen.

Andere Städte – andere Mietpreise

Wenn ich dann aber mit meinen Freunden rede, die in anderen Städten studieren, werde ich doch ein klitzekleines bisschen neidisch. Die eine Bekannte studiert in Ilmenau, Thüringen. In dem kleinen, aber sonst ganz netten Städtchen hat sie eine 1 ½ Zimmer-Wohnung ganz für sich alleine. Die Wohnung ist zwar nicht riesig, bietet aber genug Platz für eine Wohnküche mit ausziehbarem Sofa, auf dem es sich auch gut schlafen lässt. Und zwar für nur zwanzig Euro mehr im Monat als mein Zimmer in einer Vierer-WG kostet. In das passt definitiv keine große Couch. Und ein Bad für vier Leute kann morgens ganz schön zu Hektik führen.

Ein guter Freund von mir studiert in Aalen, auch keine Metropole und lange nicht so schön wie Tübingen, dafür mit erschwinglicheren Wohnungs- und Zimmerpreisen. Mit allem drum und dran zahlt er ungefähr 350 Euro im Monat, hat das Bad für sich allein in seiner Ein-Zimmer-Wohnung. Die ist mehr als doppelt so groß wie mein Zimmer. Castings musste er keine mitmachen. WG-Zimmer findet man über wg-gesucht.de in Aalen auch für viel weniger Geld. Ein 23 Quadratmeter-Zimmer in einer Dreier WG in Innenstadtnähe bekommt man schon für 300 Euro. Wesentlich mehr Platz als bei mir im Zimmer, aber zum selben Preis. Ein WG-Zimmer für mehr als 400 Euro findet man bei der Suche kaum.

Teure WG-Zimmer – keine Ausnahme

Das teuerste WG-Zimmer in Tübingen, von dem ich bisher gehört habe, kostet 600 Euro warm. Es ist zwar größer als meines, und befindet sich in einer schöneren Lage, aber es ist genauso weit zur Uni und zum Supermarkt. Offenbar verkauft sich die Innenstadtlage gut, denn hier sind Mietpreise um die 400 Euro warm pro Monat für ein WG-Zimmer keine Seltenheit.

Natürlich, Ausnahmen gibt es immer, aber hohe Preise sind doch eher die Regel. Das musste ich auch schon bei meinen eigenen WG-Suchen feststellen. Dreimal bin ich seit Studienbeginn umgezogen, hunderte Male den Wohnungs- und WG-Markt verflucht. Egal zu welcher Zeit man sucht, man hat immer viel Konkurrenz. Die hohe Nachfrage scheint hohe Mietpreise zu legitimieren, denn irgendwer mietet die Wohnung oder das Zimmer dann am Ende immer. Selbst dann, wenn der Vermieter sich nicht wirklich um das Objekt kümmert. Am Ende nimmt man, was man kriegen kann.

Viertteuerste Stadt Deutschlands

Tübingen hat seinen vierten Platz im bundesweiten Mietspiegelindex also mehr als verdient. Es herrscht große Wohnungsnot, das treibt die Preise nach oben. Vor einem Jahr drohte Oberbürgermeister Palmer mit hohen Geldstrafen für diejenigen unter den Hausbesitzern, die ihre Immobilien leer stehen lassen oder zweckentfremden. Letzten Oktober entschied der Gemeinderat, jeden Leerstand der länger als sechs Monate dauert, mit bis zu 50.000 Euro Bußgeld zu bestrafen.

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Foto: benjaminberger111 – Stop (CC Attribution-NonCommercial-ShareAlike License)

Aber wer trägt die Schuld an der Misere?

Die Stadt hat in den letzten Jahren durchaus neuen Wohnraum gebaut, wie zum Beispiel das Mühlenviertel (2010), die Alte Weberei in Lustnau (2016) oder auch der Alexanderpark (2012). Weitere Bauprojekte sind auch schon in Planung. Doch der Tübinger Wohnungsmarkt scheint sich nicht zu entspannen. Der Wohnbaubericht zeigt an, dass zwischen 2011 und 2013 die Einwohnerzahl stärker gestiegen ist als die Anzahl der Wohngebäude. Daten über den Zeitraum danach gibt es nicht.

Seit dem 01. November 2015 gilt auch in Tübingen die Mietpreisbremse, welche die Mietsteigerung deckeln soll. Das heißt: Bei Neuvermietung einer Wohnung darf der Mietpreis die ortsübliche Vergleichsmiete um maximal zehn Prozent übersteigen. Wenn aber vorher die Mieten schon hoch waren, ändert das an der Situation eben leider gar nichts. In einer Studentenstadt wie Tübingen gibt es auch viel öfter Neuvermietungen. Wenn wir vom Bachelor-Student in Regelstudienzeit ohne Tübingen-interne Umzüge ausgehen, alle drei Jahre. Neue Verträge, höhere Mieten und die Durchschnittsmiete steigt fröhlich weiter.

Bald nur noch für gut Betuchte

Fakt ist: Für das Studium in eine Stadt wie Tübingen oder München zu ziehen, wird schon bald nur noch den gut Betuchten vorbehalten sein. Der Wohnungsbau geht zu langsam voran und die Situation nutzen Vermieter, Makler und Immobilienfirmen aus, immerhin bietet sich hier ja ein wunderbares Geschäft. Sicher, auch hier gibt es Ausnahmen – immerhin wohne ich (noch) in einer, aber günstiger Wohnraum ist rar und die Situation entschärft sich nicht.

Es wird dringend Zeit, Lösungsansätze zu finden, damit der Wohnraum nicht nur weiterhin bezahlbar bleibt – sondern auch wieder günstiger wird. Um das zu erreichen, müsste etwas gegen die akute Wohnungnot unternommen werden. Im März sind die sechs Monate vorbei, in denen leerstehende Wohnungen und Häuser wieder genutzt werden sollen. Ob die Geldstrafen einen Effekt haben, wir werden sehen.

Sollten wir Mieter also fordern, dass bei Wieder-Vermietung die Miete nicht erhöht werden darf, außer es wurden Sanierungsmaßnahmen vorgenommen? Braucht es strengere Regulierungen, oder könnte ein wesentlich stärkerer Wohnungsbau die Lösung sein?

Was ist eurer Meinung nach notwendig, damit sich die Lage endlich entspannt? Welche Erfahrungen habt ihr auf dem Tübinger Wohnungsmarkt gemacht? Schreibt uns einen Kommentar.
Das ist ein Artikel unserer noch namenlosen Kolumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben. Habt ihr einen Namensvorschlag? Dann kommentiert diesen Beitrag oder schreibt uns!
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Über

Sandra Hirsch

... studiert seit 2015 Medienwissenschaft und empirische Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen und ist genauso lang bei cantaloup.fm.

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