Tod dem Papierschein!

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Die Universität Tübingen hält Prüfungsleistungen der Studenten teilweise noch immer auf Papierscheinen fest. Eine Zumutung für alle Beteiligte.

Unser Campus-Portal soll durch ein neues System ersetzt werden. Vor einem Jahr gab die Universität Tübingen den Namen hierfür bekannt: „Alma“ heißt der zukünftige Nachfolger des Campus-Systems als elektronisches Vorlesungsverzeichnis und Notensystem. Stück für Stück soll Alma das alte Portal ablösen. Dabei ist noch nicht mal das Campus-Portal in allen Studiengängen vollständig angekommen. Studenten aus den verschiedensten Studiengängen laufen immer noch ihren Papierscheinen hinterher.

Ich bin dieses Semester von der Uni Mainz nach Tübingen gewechselt, eine der ältesten und besten Universitäten, wie man mir sagte. Dass aber auch das ganze System der Uni Tübingen veraltet ist, hat nichts mit ihrem Alter, sondern mit ihrer Rückständigkeit zu tun. Die Universität Tübingen ist eine der wenigen Universitäten, die es tatsächlich noch nicht geschafft hat, das Schein-System für Studenten und Dozenten vollständig auf eine elektronische Version umzustellen. Stattdessen hantiert man noch mit schriftlichen Papierscheinen, die vom Dozenten mit dem Stift ausgefüllt werden. Während ich mich in Mainz über das veraltete Online-System aufgeregt habe, hat Tübingen es noch nicht mal geschafft, vollständig ein Online-System zu etablieren. Papierscheine und die Campus-Plattform laufen parallel nebeneinander her.

Was denn nun – Papierschein oder Campus-Portal?

Ich studiere Literatur- und Kulturtheorie, einen interdisziplinären Studiengang, bei dem ich viele verschiedene Kurse aus den unterschiedlichsten Fachbereichen belegen kann. Von Medienwissenschaft campusportalüber Rhetorik bis Biologie darf ich Kurse besuchen. Das scheint für das Prüfungsamt der Philosophischen Fakultät zu viel zu sein: Schriftlich wurde mein gesamter Studiengang dazu aufgefordert, sich lieber einzeln per Mail bei den Dozenten anzumelden. Eine Belastung, für Studenten und auch Dozenten, die ihr Postfach vollgestopft bekommen. Weil das zu viel Aufwand ist, lassen die Dozenten einen Zettel durch den Kurs gehen, auf dem man sich für seine Prüfung einträgt. Viel zu viel Stress, der ganz einfach vermeidbar wäre.

Die verschiedenen Systeme, bei dem man sich teils elektronisch, teils per Papierschein anmeldet, sind unübersichtlich. Wenn ich mir nicht alles aufschreibe, vergesse ich schnell, wo ich mich wie angemeldet habe, ob ich einen Papierschein brauche, wo ich den Papierschein abhole, und wann ich ihn abholen kann. Eigentlich sollten meine Dozenten mir eine E-Mail schreiben, wenn die Papierscheine abholbereit sind. Aber welcher Dozent achtet schon darauf, wann er welche Hausarbeit korrigiert hat?  Manche Dozenten sehen auch schlicht die Notwendigkeit nicht, die Studenten darüber zu unterrichten.

Wie komme ich an meinen Papierschein?

Also werde ich zum Dauergast im Sekretariat oder bei den Dozenten und belästige die Mitarbeiter dort regelmäßig mit meiner Fragerei. Dafür muss ich in der vorlesungsfreien Zeit auf die Sprechzeiten achten, die mit etwas Glück auf der Webseite des Dozenten zu finden sind. Bin ich dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, bedeutet es noch lange nicht, dass dasselbe für den Dozenten zutrifft. Trotz angeblicher Sprechzeit hält sich der Dozent, bei dem ich meinen Schein abholen will, nicht in seinem Büro auf.
Man könnte meinen, dass mein Studiengang hier die Ausnahme bildet. Aber auch die Fachbereiche Philosophie, Geschichte, Islamwissenschaften und Mathematik etwa geben noch Papierscheine aus. Natur- und Geisteswissenschaften sind vom Phänomen des Papierscheins gleichermaßen betroffen.
Die Uni Mainz ist mit ihrem funktionierenden Online-System übrigens auch keine Ausnahme. Hamburg, München, Bamberg, Konstanz und zahlreiche weitere deutsche Unis haben den Sprung vom Papier ins Internet geschafft. Wenn ich meinen Papierschein dann endlich in der Hand halte, muss
ich nur noch dafür sorgen, ihn nicht zu verlieren. Meinen Notenschnitt, was ich bereits belegt habe und welche Klausuren mir noch fehlen, muss ich mir selbstständig zusammensuchen.

Hier stößt auch Campus an seine Grenzen, unübersichtlicher geht es kaum. Das Portal in Mainz rechnete meinen Schnitt automatisch aus und in einer Übersicht konnte ich einsehen, welche Kurse noch fehlten. Zusätzlich wimmeln irreale Ängste in meinem Kopf, dass beispielsweise meine Wohnung am letzten Tag meines Studiums abbrennt, und alle Papierscheine gleich mit. Zwei Jahre Arbeit (und ganz nebenbei meine Wohnung) wären damit hinüber.

Bietet der Papierschein auch Vorteile?

Aber von diesen Horrorszenarien mal abgesehen, haben die Papierscheine doch auch einen Vorteil. Einen ziemlich unfairen sogar. Ich muss einen Papierschein beim Prüfungsamt nicht abgeben. Wenn die Prüfung zu schlecht ist, lasse ich den Zettel einfach verschwinden, zerreiße ihn oder mische ihn meinem Hund unter das Essen. Ich kann jede Prüfung so oft machen wie ich will. Das ist gut für mich, aber unfair für andere Leute, bei denen merkwürdigerweise über das Campus-Portal alles glatt zu laufen scheint.

Da stellen sich mir doch ein paar Fragen: Wieso ist unsere Uni nicht dazu in der Lage, das Campus-Portal richtig zu bedienen? Warum machen wir es Studenten, Dozenten und dem Studiensekretariat unnötigerweise so schwer? Gibt es nicht genug Personal im Prüfungsbüro? Oder sind der Uni Tübingen gleiche Bedingungen für alle Studiengänge letzten Endes egal?

Wie denkt ihr darüber? Nervt euch der Papierschein? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und diskutiert!

Das ist ein Artikel unserer noch namenlosen Kolumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben. Habt ihr einen Namensvorschlag? Dann kommentiert diesen Beitrag oder schreibt uns!
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Über

Sarah Mohrat

... studiert seit 2016 in Tübingen. Kultur, Bücher und Religion sind ihre großen Leidenschaften, die sie bei Cantaloup tatkräftig mit einbringt.

2 Kommentare

  1. Ich bin Fan des Papierscheins. Ich möchte meine Prüfungsergebnisse nicht einem Server des Prüfungsamts überlassen oder einem Vertipper der Professor*innen, die dann für bessere oder schlechtere Noten sorgen, sondern diese selbst in der Hand halten (und selbst davon ein Backup vorhalten). Außerdem bedeutet der Papierschein auch persönlichen – menschlichen – Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden. Somit wird aus der Prüfung – bei der aus mir eine Zahl (meine Note) wird – wieder ein Mensch. Im Idealfall zumindest.

    • Annika Petrasch
      Annika Petrasch um

      An sich verstehe ich dich da durchaus, Bernd. Natürlich hat jedes System seine Vor- und Nachteile. Durch den Papierscheint wahrt man aber auch nur dem Anschein nach einen persönlichen Kontakt, denn zumeist läuft es doch nach dem Motto “Ihre Papierscheine liegen jetzt im Sekretariat bereit” ab. Persönlicher Kontakt gleich Null.
      Außerdem sind wir in einem Zeitalter angelangt, wo sich vieles auf solchen Plattformen abspielt. Dass da Fehler passieren können – klar. Das kann aber auch bei der Eintragung auf dem Papierschein geschehen.
      Außerdem erspart das auch lästiges Rennen zum Prüfungsamt, den Zuständigen dort eine Menge Arbeit und mir als Studentin deutlich Nerven.

      Was tatsächlich aber nicht sein kann, ist diese Art von Mischform, die nur noch mehr Probleme verursacht. Und dass die Universität nicht dazu in der Lage ist, sich dahingehend richtig auszustatten, darf ich inzwischen seit vier Jahren verfolgen. Und da ist keine Besserung in Sicht.

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