Winfried Kretschmann – der Ministerpräsident und die Weltethos-Rede

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Als Redner der zwölften Weltethos-Rede steht Winfried Kretschmann in der Reihe mit Tony Blair, Helmut Schmidt und Desmond Tutu. Was für ein Mensch ist er?

Am 17. Februar wird der Ministerpräsident von Baden-Württemberg die zwölfte Weltethos-Rede halten. Die erste Rede hielt Tony Blair im Jahr 2000, es folgten unter anderem ein Bundespräsident, zwei Friedensnobelpreisträger und der Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaft.

Sie alle beschreibt das Weltethos-Institut als „herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln Stellung zur Weltethos-Thematik beziehen. Das Weltethos-Projekt geht davon aus, dass es Werte und Normen gibt, die überall in der Welt geteilt werden. Ein Beispiel für solch eine Norm ist die Goldene Regel, andere Menschen so zu behandeln, wie man gerne selbst behandelt werden würde. Die Redner betrachten das Vorhandensein und die Notwendigkeit der gemeinsamen Werte und Normen aus ihrer eigenen Perspektive. Kretschmanns Rede wird den Titel „Zusammenhalt in Zeiten des Umbruchs“ tragen. Ein Blick auf den Menschen dahinter.

Schwabe, Christ, Sohn ostpreußischer Flüchtlinge und erster grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg – Winfried Kretschmann lässt sich nicht in eine einzelne Schublade stecken, auch nicht in der Politik. Doch der Reihe nach.

Der Sohn ostpreußischer Flüchtlinge
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.) und Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha (l.) bei der Regierungspressekonferenz am 29. November 2016 in Stuttgart © Staatsministerium Baden-Württemberg

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.) und Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha (l.) © Staatsministerium Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann ist der erste seiner Familie, der im Schwabenland geboren wurde. Seine Eltern flüchteten aus Ostpreußen, ein älterer Bruder starb dabei noch als Säugling.
Im Ländle hatte die Familie Hürden zu überwinden. Einer von Kretschmanns Brüdern konnte erstmal nicht Ministrant werden, Grund waren sprachliche Barrieren. Kretschmann kann das nachvollziehen: Sprache sieht er bei der Integration als etwas Essentielles an, ohne gehe es nicht. Die Flucht und Erfahrungen seiner Familie sind für ihn ein Argument, weshalb die Geflüchteten, die aktuell zu uns kommen, gefördert und gefordert werden sollen. Das heißt in seinen Worten:

Wir geben einen Vertrauensvorschuss, wir investieren in die Zukunft der Menschen, die zu uns kommen, wir leben eine Willkommenskultur. Aber wir erwarten im Gegenzug Leistungsbereitschaft, Anstrengung, Verantwortungsbereitschaft und Integrationswillen.

Der Kommunist

Während seiner Studienzeit an der Uni Hohenheim in Stuttgart kandidierte Kretschmann zweimal für kommunistische Gruppierungen. Sein Plan war, Biologie und Chemie zu unterrichten und wie sein Vater Lehrer zu werden. Der Verfassungsschutz meldete diese Kandidaturen dem Oberschulamt, was Kretschmann beinahe seine berufliche Zukunft kostete.  Durch Anhörungen konnte er überzeugen, dass er kein in Augen des Verfassungsschutzes schädliches Gedankengut an die Schüler weitergeben würde. Kretschmann selbst nennt seine kommunistische Phase heute einen ‚fundamentalen politischen Irrtum‘, spricht von einer ‚kommunistischen Sekte‘. Ihm sei das nicht wissenschaftlich genug durchdacht. Noch heute gibt es die Protokolle und Unterlagen zum Untersuchungs-Verfahren, dem sogenannten ‘Radikalen-Erlass’. Darunter findet man auch Wahlplakate und Flyer seiner Unterstützer. Kretschmann hat diese der Stuttgarter Zeitung übergeben.

Sein Fall ist nicht einzigartig, viele konnten aufgrund der sogenannten Radikalen-Erlasse nicht ihren Berufen nachgehen, wie Kretschmann selbst. Sie demonstrierten in Stuttgart für eine politische Aufarbeitung des Verfahrens. Doch Kretschmann gab Ende 2014 bekannt, dass die Thematik zu ‚forschungsaufwändig und komplex‘ sei und sich in seiner Legislaturperiode hier nichts tun wird. Seitdem hat man nichts mehr davon gehört.

© Staatsministerium Baden-Württemberg

© Staatsministerium Baden-Württemberg

Der Christ

Sich selbst bezeichnet er als „praktizierenden Katholiken“, dabei hat er einen kritischen Blick auf die Kirche. So stört er sich etwa daran, dass die Kirche Irrtümer nicht zugeben kann und dass sie sich zu sehr auf Themen wie die Verhütungsfrage konzentriert. Erfolge des Evangeliums sieht Kretschmann im Sozialstaat und in der durch das Grundgesetz garantierten Menschenwürde.

Der Politiker

Seine Liebe zur Natur führte Winfried Kretschmann 1979 zu der bundesweiten Partei der Grünen. 1979/1980 gründete er mit Gleichgesinnten die baden-württembergische Landesgruppe. Seither gilt er als liberal-konservativer Vordenker seiner Partei. Damit eckt er auch regelmäßig an, zum Beispiel, wenn es um die Vermögenssteuer geht. Gegen diese hat sich Kretschmann deutlich ausgesprochen und eine Debatte entfacht. Die Grünen haben sie auf ihrer Agenda stehen und möchten sich im kommenden Wahlkampf auch wieder dafür einsetzen, dass ‚Superreiche‘ stärker versteuert werden.

In seiner Online-Sprechstunde bezieht Kretschmann dazu eine deutlich entgegengesetzte Position:

Die Vermögenssteuer ist abgeschafft worden durch das Bundesverfassungsgericht. Sie ist als verfassungswidrig erklärt worden, weil sie so wie sie konzipiert war, den Ansprüchen von Gleichheit nicht entsprochen hat. Das Bundesverfassungsgericht verlangt, dass wir Vermögen oder Erbschaften prinzipiell gleich besteuern – egal ob das Privatvermögen oder Betriebsvermögen ist. Deswegen glaube ich, das kriegt man nicht hin, deswegen bin ich ein Gegner. Weil wenn es zum Schluss dann doch dazu führt, dass wir unsere Betriebe damit belasten, dann gefährden wir unsere Betriebe.

Die Differenzen innerhalb der Partei kommen auch zu einem gewissen Teil von der inneren Spaltung der Partei in zwei Lager – die Realos, zu welchen Kretschmann gezählt wird, und die Linken (Fundis) auf deren Seite etwa Jürgen Trittin steht. Im Gegensatz zu seiner Partei, welche die gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet, unterstützt Kretschmann vor allem die klassische Eheform. Erst kürzlich sprach er sich für eine weitere Kanzlerschaft Merkels nach den Bundestagswahlen im Herbst aus, obwohl die Grünen einen Kurswechsel befürworten.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l.) und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (r.) © Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der Europäischen Union/FKPH

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l.) und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (r.)
© Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der Europäischen Union/FKPH

Trotz aller parteiinternen Differenzen wurde er im Mai 2011 zum ersten grünen Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes gewählt und 2016 wiedergewählt. Sein Kurs sieht vor, aus Baden-Württemberg einen führenden Standort für Industrie 4.0 zu machen und die Entwicklungen zu unterstützen. Sein erklärtes Ziel ist es, durch moderne Industriepolitik die Wirtschaft ökologisch zu erneuern. Das funktioniert laut IG-Metall-Chef Zitzelsberger aber nicht sonderlich gut. Baden-Württemberg sei zwar gut in der Herstellung, nutze aber die neuen Techniken kaum, wie er der Stuttgarter Zeitung berichtete.
Anscheinend kommen die Grundsätze des Grünen-Politikers – Transparenz und Offenheit – gut an: 2011 wurde er vom Magazin ‚Politik & Kommunikation‘ mit dem Titel ‚Politiker des Jahres‘ ausgezeichnet.
Eine gesunde Streitkultur ist ihm wichtig:

Respekt und Klarheit, das ist das ganz Wichtige. Wir müssen schon streiten, aber der Streit muss zivilisiert sein, denn zivilisierter Streit hält die Gesellschaft zusammen, unzivilisierter treibt sie auseinander.

Der Mensch Winfried Kretschmann

Der grüne Ministerpräsident, ein Naturfreund, der keine Angst vor Konfrontationen hat und auch mal gegen den Strom schwimmt. Was haben wir also von seiner Weltethos-Rede zu erwarten? „Zusammenhalt in Zeiten des Umbruchs“ lautet das Thema. Das klingt optimistisch, und auch in der Vergangenheit gab Winfried Kretschmann sich hier optimistisch:

Wir nehmen die Herausforderungen unsrer Zeit an, denn wir wissen, dass es Aufgaben sind, die zwar nicht mit einem Schlag, dafür aber mit Beharrlichkeit und Zähigkeit Schritt für Schritt gelöst werden können.

  • c Staatsministerium Baden-Württemberg

    © Staatsministerium Baden-Württemberg

    – 17.05.1948 Geburt in Spaichingen (bei Tuttlingen und Villingen-Schwenningen)
    – 1970-1975 Lehramtsstudium in Hohenheim
    – 1973-1975 Mitglied in der Hochschulgruppe ‚Kommunistischer Bund Westdeutschland‘
    – 1977 zweites Staatsexamen
    – seit 1979/80 Mitglied der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“, Mitbegründer der Grünen Baden-Württemberg
    – seit 12.05.2011 neunter Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der erste von den Grünen gestellte Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes
    – 12.05.2016 wiedergewählt

  • – Die Feststellung, dass allen Weltreligionen und philosophisch-humanistischen Ansätzen dieselben Werte und Normen zugrunde liegen
    – Geht zurück auf den katholischen Theologen Hans Küng, dieser gründete 1995 das Weltethos-Institut in Tübingen
    – Die Idee hinter dem Institut ist, dass die Gesellschaft keinen gemeinsamen Wertekanon finden muss, denn es gibt schon einen. Sie muss nur immer wieder daran erinnert werden, insbesondere in Zeiten der Digitalisierung
    – Das ‚Projekt Weltethos‘ soll Bewusstsein schaffen für diese gemeinsamen Werte, die auch den Weltethos-Reden zugrunde liegen – sie sind da, aber oftmals werden sie vergessen oder nicht beachtet. Das möchte das Projekt ändern
    – Mehr unter: http://www.weltethos.org
  • findet statt:
    -am Freitag, 17. Februar 2017
    -um 18.15 Uhr, Einlass eine Stunde früher
    -im Festsaal der Neuen Aula
    -Eberhard Karls Universität Tübingen, Geschwister-Scholl-Platz, 72074 Tübingen
    -mit Videoübertragung in den Audimax der Neuen Aula ist vorgesehen
    -freie Platzwahl

    Nach der Rede wird es einen Dialog mit dem Präsidenten der Stiftung Weltethos Eberhard Stilz geben

Archiv-Ton-Mitschnitt von Kretschmann zum Thema Integration © Landtag Baden-Württemberg
alle anderen Archiv-Ton-Mitschnitte von Kretschmann © Staatsministerium Baden-Württemberg

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Über

Sandra Hirsch

... studiert seit 2015 Medienwissenschaft und empirische Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen und ist genauso lang bei cantaloup.fm.

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