Die Universität Tübingen ist eine Exzellenz-Universität. Wer hier studiert, der bekommt das „ständig“ vorgebetet. Fragt sich nur, wie lange noch.

Seit der zweiten Vergaberunde der Exzellenzinitiative 2012 ist Tübingen offiziell eine Eliteuniversität. Zusammen mit zehn weiteren deutschen Universitäten trägt sie diesen Titel, der mit einer ordentlichen finanziellen Förderung einhergeht. Die fünfjährige Sonderförderung brachte Tübingen zusätzliche Drittmitteleinnahmen von circa 90 Millionen Euro. Gefördert wird in Tübingen die Graduiertenschule LEAD, das Exzellenzcluster CIN (Werner Reichardt Centrum für integrative Neurowissenschaften) und das Zukunftskonzept „Research – Relevance– Responsibility“.

Foto: Public Domain Photos - Money 100 EURO (CC Attribution License)

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90 Millionen Euro, das ist viel Geld – und das fließt nahezu ausschließlich in die Forschung an der Universität. Als Studentin der Geisteswissenschaften habe ich also nicht sonderlich viel davon, dass die Neurowissenschaften mehr Geld für ihre Forschung bekommen. Klar, mehr Geld für die Forschung zieht schlussfolgernd keine schlechtere Lehre nach sich – aber sie verbessern diese auch nicht. Denn die mit dem Exzellenz-Geld neu eingestellten Professoren und Mitarbeiter kommen eben vorrangig wegen der Forschung – und nicht wegen der Lehre. Für meine Vorlesungen und Seminare ist es dementsprechend uninteressant, ob sie in einer Exzellenz-Universität stattfinden oder nicht.

Bleibt Tübingen eine Exzellenz-Universität?

Exzellenz-Universität – das ist nichtsdestotrotz ein schöner Titel, auch für eine Studentin, die demnach von sich sagen kann, dass sie an einer Elite-Uni studiert hat. Aber es ist auch ein Titel auf Zeit. 2017 beginnt die Bewerbungsphase, wer sich für die nächsten sieben Jahre als Exzellenz-Universität bezeichnen darf und den finanziellen Zuschuss erhalten wird. Dass alles glatt läuft und beim Alten bleibt, ist aber nicht wahrscheinlich. Denn die Ausschreibung sieht für den kommenden Zeitraum anders aus als bisher: Graduiertenschulen werden nicht mehr gefördert und für den Titel der Exzellenzuniversität sind zwei geförderte Forschungscluster Voraussetzung. Für die Universität Tübingen sind das keine guten Aussichten. Schließlich fällt die Graduiertenschule weg – das ist der Bereich, in dem eine weitere Förderung möglich gewesen wäre. Hinzu kommt, dass aktuell nur ein Cluster gefördert wird. Um Exzellenz-Uni zu bleiben, müsste also noch ein Forschungsbereich dazukommen – sofern beide gefördert werden würden.

Im Jahresbericht für 2016, den Rektor Bernd Engler gestern (28. März 2017) vorgestellt hat, fällt der Kommentar zum zukünftigen Exzellenz-Status auch dementsprechend vorsichtig aus. Anstatt sich überzeugt zu zeigen, verweist die Uni lieber auf die „drastische Verschärfung der Konkurrenz in einem bereits zuvor hochkompetitiven Wettbewerb“ – oder anders gesagt: ‚So gut sind wir halt doch nicht‘. Mit sechs Forschungsclustern bewirbt sich die Uni Tübingen, wieder mit dabei ist das CIN. Dass sich das seit 2005 geförderte Institut noch einmal behaupten kann, ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Konkurrenz um die Forschungsgelder ist groß, nur 50 Forschungscluster werden gefördert. Es ist gut möglich, dass bei der nächsten Vergabe ein aktuell nicht unterstütztes Projekt Vorrang bekommt.

Hat die Uni eine Exzellenz-Strategie?

Zugeben, dass der Wettbewerb dieses Mal nur ein Glücksspiel ist, will die Uni natürlich nicht. Stattdessen behauptet sie lieber, dass sie „hervorragend aufgestellt“ sei. Auf mich wirkt die „enorme thematische Breite“ der beantragten Forschungscluster aber eher wie ein Zeichen für die Verzweiflung der Uni. Natürlich ist es einerseits ein gutes Zeichen für Tübingen, wenn von fast jeder Fakultät ein Forschungscluster zur Auswahl steht. Gleichzeitig wirkt genau das aber auch erzwungen, fast so, als könnte es sich die Universität nicht leisten, irgendein möglicherweise exzellentes und förderbares Forschungsprojekt aus dem Spiel zu lassen. Aber zu viel Bewerben kann ja nicht schaden – und wer weiß, vielleicht haben sie ja Glück und jemand hat Mitleid mit der krampfhaft exzellenten Universität.

Damit sie sich später nicht eingestehen müssen, mit ihrer eigenen Exzellenz-Werbung zu hoch gegriffen zu haben, greift die Uni Tübingen im Jahresbericht sogar zum Superlativ: Die Bewerbung sei der „härteste Wettbewerb, dem die Universität jemals ausgesetzt war“. Der „härteste Wettbewerb“ – was für eine Argumentation! Nicht etwa anspruchsvoll oder problematisch oder fordernd – nein, er ist einfach der härteste. Dann kann man nachher auch wunderbar so tun, als läge das Scheitern am Wettbewerb und nicht am Bewerber. ‚Klar waren wir exzellent, aber das war halt der härteste Wettbewerb, da können wir ja nichts dran ändern.‘

Für mich ist es offensichtlich: Die Universität Tübingen hat das Konzept von Exzellenz noch  nicht ganz verstanden. Exzellent sein bedeutet nämlich, zu den Besten zu gehören. Nicht nur, zu den Besten gehören zu wollen. Da kann die Uni noch so großartig von ihrer eigenen Exzellenz tönen, die Realität ist dann doch eine andere. Und wer weiß, vielleicht täte es den Elite-Predigern in Tübingen ganz gut, mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren zu müssen. Denn so schön es klingt, zu den besten hundert Universitäten weltweit zu gehören, das untere Ende (Platz 89) ist nun mal das untere Ende.

Braucht es den Exzellenz-Status überhaupt?

Überhaupt scheint mir fraglich, inwiefern der Exzellenz-Status für die Uni überhaupt notwendig ist. Klar, das Geld ist natürlich eine Sache für sich, 90 Millionen sind schließlich kein Taschengeld. Aber andererseits ist das Geld auch für die Forschung bestimmt, die Lehre spielt dabei keine Rolle. Da kann der Titel noch so schön sein und die Uni behaupten, dass das Geld sehr wohl auch der Lehre zu Gute kommt. Denn es kann nicht sein, dass ich fünf Monate oder länger darauf warte, bis mein Dozent meine achtseitige Hausarbeit korrigiert hat. Dann hat er offensichtlich nicht genügend Zeit für seine Studenten. Und die Lösung ist doch eigentlich einfach: Wenn es mehr Dozenten gäbe, die in der Lehre tätig sind, dann würde die Forschung auch nicht zu kurz kommen – denn es gäbe schließlich mehr Forschende.

Andernfalls bedeutet der Exzellenz-Titel letztendlich nur eine geförderte Forschung und einen nach außen klingenden schönen Status. Solange es der Lehre nicht zugutekommt, kann ich als Studentin auf den Titel der Exzellenz-Universität gut verzichten.

Was denkt ihr? Was haltet ihr von dem Status der Universität Tübingen als Exzellenz-Universität? Glaubt ihr, dass die Uni exzellent bleiben wird oder haltet ihr diesen „Elite-Status“ sowieso für unnötig? Schreibt uns einen Kommentar und diskutiert mit.
Das ist ein Artikel unserer cantalumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben.
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Über

Charlotte Geißler

... ist seit Anfang 2016 bei cantaloup.fm und auch im Social-Media-Team tätig. Ihre Begeisterung für das Schreiben und für den Journalismus kann sie hier praktisch umsetzen.

2 Kommentare

  1. Interessant wird ja sein, wie man mit den Forscher*innen umgeht, die man für die Bewerbungen und auch bereits ins CIN geholt hat. Wie finanziert man diese weitere, wenn Drittmittel und Exzellenz fehlen? Schließlich kommt keine hochkarätige Wissenschaftlerin auf eine befristete Stelle.
    Wenn der Uni Geld fehlt, weil sie zu hoch pokert, zahlen das am Ende die Studierenden. Dann muss mal wieder an der Lehre gespart werden – d.h. wenig profitable Fächer (Drittmittelschwache) werden eingestampft und es gibt Sparauflagen für im besten Fall alle; insbesondere die Geisteswissenschaften wären hier stark betroffen.

    Was in der Forschung passiert und wie sich diese finanziert (und wie sehr die Uni darauf setzt) geht also auch uns Studierende etwas an. Wenn Bund und Länder lieber “Exzellenz” fördern und den Wettbewerb zwischen den Universitäten zum Überlebenskampf machen wollen, dann bleiben die Nicht-Exzellenten auf der Strecke zurück. Dabei braucht Wissenschaft eine langfristige, feste und sichere Finanzierung, keinen Kampf auf Leben und Tod alle 7 Jahre.

    Aber das ist jetzt nur meine Meinung.

    • Charlotte

      Sehe ich ebenfalls kritisch. Mit der zusätzlichen Förderung konnte sich die Uni einiges leisten, sollte die aber wegfallen, bleiben die Kosten aber natürlich trotzdem bestehen. Dass dann gespart werden muss, ist ja eigentlich offensichtlich. Und dass eher an den Fächern gespart wird, die vermutlich keine “Exzellenz-Chancen” haben und daher eigentlich wirklich nichts dafür können, leider auch. Damit das nicht passiert, müssen die Forschungscluster alle 7 Jahre “exzellent” sein, langfristige Forschung fällt raus und da stimme ich dir zu, so sollte Wissenschaft eigentlich nicht funktionieren.

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