Ich bin nicht nur eine Matrikelnummer!

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Wie gut Studierende an Universitäten betreut werden – dazu hat wohl jeder Studi seine eigene Meinung. Genügend Statistiken gibt es auch. Was die bringen? Ein Kommentar.

Irgendwie hat es ja schon etwas Aufregendes, sich in einem überfüllten Hörsaal mit 100 oder gar 500 anderen Erstis zu tummeln. So ganz anders ist die Atmosphäre als man sie in der Schulzeit gewohnt war. Viel anonymer fühlt es sich an, viel unwichtiger kommt sich der ein oder andere unter zig unbekannten Leuten vor.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Wie zum Beispiel dann, wenn man nicht in bester Verfassung ist und einfach nur dem Redner ganz vorne am Vorlesungspult lauschen möchte. Und vor allem ist so eine Vorlesung durchaus eine effektive Möglichkeit, sehr vielen Studierenden ein neues Thema näherzubringen.

Für mich hört der Spaß aber dann auf, wenn Hörsäle so überfüllt sind, dass man auf den Treppenstufen Platz nehmen muss. Wenn in Seminarräumen derart viele Studierende sitzen, dass sich die Dozentinnen und Dozenten erst gar nicht die Mühe geben, Namen zu merken. Wozu denn, wenn man sie auch mit „Sie da! Nein, die Person neben Ihnen“ ansprechen kann. Die Anwendbarkeit dieser Strategie ist spätestens dann ausgeschöpft, wenn es darum geht, die Mitarbeit der Studierenden zu bewerten. Ich empfinde es auch schon als Missstand, wenn Dozenten erst Wochen später auf E-Mails reagieren – wenn überhaupt. Oder wenn man monatelang auf die Bewertung einer Hausarbeit wartet. Enttäuscht muss man am Ende feststellen, dass überhaupt nichts angestrichen oder angemerkt ist und auch sonst keinerlei Feedback zu finden ist. Bis auf die Note, natürlich.

Wie solche Szenarien überhaupt zustanden kommen können? Womöglich sind die meisten Dozenten mit der steigenden Zahl an Studierenden überlastet. Dann könnte man ihnen das alles gar nicht übelnehmen oder ihnen mangelndes Engagement vorwerfen.

Schlechtes Betreuungsverhältnis an Universitäten?

Dem Statistischen Bundesamt zufolge belegte Baden-Württemberg im Jahr 2015 Platz 10 des bundesweiten Rankings zum Betreuungsverhältnis an Unis, mit etwa 208.000 Studierenden verteilt auf 3.500 Professorinnen und Professoren. Das Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden wäre dann 1:59.

Zum Vergleich: In ganz Deutschland betrug im selben Jahr der Durchschnitt von Studierenden pro Professor/in 67. Zwischen 2005 und 2010 waren es in der Bundesrepublik fast konstant 60 Studierende pro Universitäts-Prof. Seitdem hat sich das Betreuungsverhältnis also verschlechtert. Und das obwohl sich die Anzahl der Professuren in den vergangenen Jahren erhöht haben soll.

Wie es an der Uni Tübingen aussieht

Der Studentenstatistik der Uni Tübingen ist zu entnehmen, dass im Wintersemester 2016/2017 rund 28.000 Studierende eingeschrieben waren. Insgesamt hat die Uni verteilt auf sieben Fakultäten etwa 450 Professuren. Das ergäbe also ein Betreuungsverhältnis von circa 1:62. Dieses Ergebnis wäre zwar ein wenig schlechter als der baden-württembergische Durchschnitt, aber noch immer besser als der bundesweite.

Ein Schnitt allein sagt aber nicht viel über das Betreuungsverhältnis in den jeweiligen Fakultäten und Studiengängen aus. Deshalb finde ich es falsch, sich nur auf dieses Ergebnis zu stützen, wenn es darum geht, die Betreuungssituation einzuschätzen. Letztlich gibt so eine Zahl nur einen groben Richtwert an, den man kontextabhängig bewerten sollte.

„Traue niemals einer Statistik…“

Ich habe manchmal das Gefühl, dass Berechnungen wie die des Betreuungsverhältnisses nur zu voreiligen Schlussfolgerungen führen, die dann nicht weiter hinterfragt werden. So können Politiker auf diesen Index zurückgreifen, um auf die zu hohe Zahl der Studierenden hinzuweisen. Auf der anderen Seite können ihn Universitäten verwenden, um aufzuzeigen, dass zu wenig in Forschung und Lehre investiert wird.

Das mag alles stimmen. Nur die Angabe über das Betreuungsverhältnis sagt das aber nicht aus. Folgende Fragen gehen mir durch den Kopf: Wie viele wissenschaftliche Mitarbeiter/innen arbeiten im Schnitt überhaupt an einem Lehrstuhl? Welche Aufgaben übernehmen sie? Dozieren sie beispielsweise größtenteils, wie ist dann das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Studierenden? So könnte man das tatsächliche Betreuungsverhältnis besser bestimmen. Dann sollte man solche Zahlen auch auf die einzelnen Fakultäten und Studiengänge herunterbrechen. Gibt es da gravierende Unterschiede? Wenn ja, woran liegt das und wie könnte man diese aus dem Weg räumen? Findet man eventuell einen Zusammenhang zwischen der Zahl an Studienabbrechern und einem schlechten Betreuungsverhältnis?

Im Laufe meines Studiums war es eher die Ausnahme, dass ich ein Seminar bei einer Professorin oder einem Professor hatte. Meist hatte ich mit Dozenten zu tun, die eventuell noch parallel zu ihrer Lehrtätigkeit an ihrer Doktorarbeit schreiben. Selbst sie müssen sich nicht selten pro Semester um mindestens 30 bis 40 Studierende kümmern. Dabei gibt es ja an einem Lehrstuhl mehrere solcher Dozenten. Da kann ich das Betreuungsverhältnis der Uni Tübingen von 1:62 intuitiv nicht ganz nachvollziehen, wenn sich dieser Index doch nur auf die Professuren bezieht.

Ich möchte von Dozentinnen und Dozenten nicht nur als Nummer wahrgenommen werden. Wie wir beim Betreuungsverhältnis sehen, sollte man sich eh nicht von Zahlen blenden lassen.

Wie seht ihr das? Fühlt ihr euch gut betreut? Oder habt ihr den Eindruck, regelrecht durch das Studium gespült zu werden? Schreibt uns einen Kommentar und diskutiert mit!
Quellen:

Das ist ein Artikel unserer noch namenlosen Kolumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben. Habt ihr einen Namensvorschlag? Dann kommentiert diesen Beitrag oder schreibt uns!

Magdalini Chatsatrian … studiert seit 2013 an der Uni Tübingen. Highlight ihres bisherigen Studiums war ihr Auslandsaufenthalt in Russland. Bei cantaloup.fm macht sie seit Anfang 2017 mit.

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cantaloup.fm

Studentisches Ausbildungsmedium für crossmedialen Journalismus an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

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