Mit dem Flieger aus dem Bürgerkrieg nach Tübingen

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Der Tübinger Verein Studentenpaten Nahost ermöglicht jungen Menschen aus Bürgerkriegsländern ein Studium in Deutschland. Mit Studentenvisum müssen sie nicht mit dem Boot übers Mittelmeer flüchten.

Jetzt ist alles so idyllisch – hier, am Rand von Tübingen, wo es ländlich wird. Shadia Tarrak wohnt hier bei Familie Gehrig. Mit Mutter Sigrun, den Kindern Jan und Jule, drei Katzen und einem Hund.

Doch in Syrien, wo Shadia Tarrak herkommt, herrscht Krieg. Auch im Yarmouk Camp bekommt man das zu spüren. In diesem äußeren Stadtteil von Damaskus wohnen seit Jahrzehnten Palästinensische Flüchtlinge. Um sie kümmerte sich Shadia Tarrak lange als Sozialarbeiterin. 2015 belagerten zeitweise Islamisten des sogenannten Islamischen Staats den Stadtteil. Shadia erzählt:

“Wir haben im Yarmouk Camp gewohnt und es gab kein Essen, kein Wasser, ein Jahr. Und wir haben Blätter vom Baum gegessen. Viele Leute sind tot, weil es kein Essen gab. Und ich bin mit zwei Brüdern alleine gewesen, mein Familie in Damaskus und ich mit meinen zwei Brüdern in Yarmouk. Es gibt einen Kindergarten in Yarmouk und Kinder und jeden Tag haben die Kinder mir gesagt: ‘Oh Shadia, wir haben Hunger. Es gibt kein Essen.'”

“Ja, ihr könnt studieren.”

Dass Shadia und eine weitere junge Frau jetzt in Deutschland leben können, dafür hat der Tübinger Verein Studentenpaten Nahost gesorgt. Ziel des 2015 gegründeten Vereins: Jungen Menschen aus Bürgerkriegsländern eine Ausbildung in Deutschland ermöglichen. Und ihnen die riskante Flucht übers Mittelmeer ersparen, erklärt Sigrun Gehrig. Sie ist nicht nur Shadias Patenmutter, sondern auch Mitglied im Vorstand des Vereins.

“Jeder, der nicht ertrinkt, der kriegt die Chance, wenn er dann irgendwann schafft, hier anzukommen, aber warum müssen die Leute erst dieser Gefahr ausgesetzt werden, warum kann man denn nicht Leuten, die qualifiziert sind, die Abitur haben, wie die Shadia, gleich eine Chance geben und sagen: Ja, ihr könnt studieren.”

Mit dem Flugzeug nach Deutschland

Shadia Tarrak mit Sigrun Gehrig und Haushund Jack.

Shadia Tarrak in Tübingen mit Sigrun Gehrig und Haushund Jack.

Shadia konnte mit dem Flugzeug aus dem Libanon nach Deutschland fliegen. Mit einem Studentenvisum. Um das zu bekommen, musste sie von Syrien in die Deutsche Botschaft im Libanon reisen. Sigrun Gehrig hatte mit der deutschen Bürokratie zu kämpfen: Abiturzeugnis, Zulassungsbescheid der Uni Tübingen, Wohnraumbestätigung, 8.000€ auf einem Sperrkonto bei der Sparkasse Aachen, darum kümmerte sie sich.

“Man denkt, man arbeitet sauber die Liste ab. Aber wie schwer das denn wirklich ist, die Sachen alle beizubringen, denkt man gar nicht.”

In Tübingen ist für Shadia erst mal Deutsch lernen angesagt. Der Verein finanziert Intensivsprachkurse, nicht nur das geht ins Geld.

“Sagen wir mal 300 € pro Sprachkurs, für drei Wochen, das geht schnell vorbei. Dann muss man rechnen z.B. 150 € für die Immatrikulation, man muss rechnen 80 € für das Semesterticket, man muss rechnen Miete… Ich habe es jetzt nicht auf den Monat runtergebrochen, aber das sind schon immer wieder Beträge von ein paar 100 €, die regelmäßig kommen und das ist viel, wenn man das über Spenden finanzieren will.”

“Ich mache einen Kindergarten”

Neben dem Sprachkurs macht Shadia ein Praktikum im Kindergarten, jetzt hat sie sich auf eine Ausbildung zur Erzieherin beworben. Danach will sie soziale Arbeit studieren, am liebsten an der Uni Tübingen. Wenn die Situation in Syrien besser ist, möchte sie zurückkehren und weitergeben, was sie hier gelernt hat, sagt Shadia:

“In Syrien gibt es Kindergärten, aber das ist teuer, sehr teuer. Nicht jeder kann die Kinder in den Kindergarten schicken. Und einfach, zum Beispiel die Lehrerin schreibt und die Kinder wiederholen. Aber im Kindergarten in Deutschland, lernen die Kinder durch Spielen. Ja und das ist sehr, sehr schön. Ich liebe das und ich habe gesagt, wenn ich in Syrien zurück bin, mache ich einen Kindergarten wie in Deutschland.”

  • IMG_5552Shadia Tarrak arbeitete in Syrien als Sozialarbeiterin für die Organisation „Charity Commission for Humanitarian Aid for the Palestinian People“. Den Kontakt zu Stundentenpaten Nahost stellt eine befeundete Deutsch-Libanesin her, ihr soziales Engagement überzeugte den Verein.

  • IMG_5560Sigrun Gehrig ist Shadias Patenmutter und Schatzmeisterin des Vereins Studentenpaten Nahost. Auf die Idee für den Verein kam sie durch einen Schulfreund, der in Berlin den Verein Flüchtlingspaten Syrien gegründet hat. Auch dieser Verein bringt Menschen aus Bürgerkriegsländern nach Deutschland, mit etwas anderem Konzept.

Der Verein Studentenpaten Nahost wurde im November 2015 gegründet. Jungen Menschen aus Bürgerkriegsländern ermöglicht der Verein eine legale Einreise nach Deutschland und bietet ihnen Unterstützung bei Studium oder Berufsausbildung. Neben Shadia Tarrak hat der Verein noch eine junge Frau nach Deutschland geholt. Weitere sollen folgen – wenn es die Vereinskasse wieder zulässt.

Wer den Verein unterstützen möchte, kann das über betterplace.org oder mit einer Spende an:

Studentenpaten Flüchtlinge Nahost e.V.
Konto: DE52 6415 0020 0002 7175 35
BIC: SOLADES1TUB

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Über

Lucas Eiler

... studiert Politikwissenschaft, Allgemeine Rhetorik und Medienwissenschaft. Seit dem Wintersemester 2013 arbeitet er für das Uniradio und betreut hier auch den Social Media-Auftritt mit.

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