Semesterferien – der Traum der Studierenden

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Semesterferien. Klingt wie Ferien vom Semester. Wie Schulferien, in denen die Schüler machen konnten, was sie wollten. Alles nur ein Wunschbild?

Die Vorstellung sieht so aus: Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres genießen, gemütlich ausschlafen, in den Urlaub fahren. Man hat Zeit all die Dinge zu tun, für die es in der Vorlesungszeit nicht reicht, seine Freunde zu besuchen zum Beispiel. Oder einfach zu entspannen. Ich mache ja am liebsten von allem etwas: Mindestens eine Woche Urlaub, ein paar Kurztrips, die Eltern besuchen. Endlich mal das WG-Zimmer ausmisten und all die Sachen aufräumen, die unter dem Semester liegen geblieben sind. Ein gutes Buch einfach nur zum Vergnügen lesen. Was kann man nicht alles machen, wenn man mal wieder Zeit hat. Also, wenn man denn tatsächlich Zeit hätte.

Alles nur ein Traum

Spätestens nach der letzten Prüfung platzt der Traum von wochenlanger Freizeit auch schon. Dieses Semester habe ich vier Wochen für eine Hausarbeit und nochmal drei Wochen mehr für die Zweite. Dazwischen arbeite ich, denn der Vermieter hätte gerne die Miete – pünktlich. Praxiserfahrung ist wichtig für die spätere Bewerbung, darauf achten Arbeitgeber neben dem Abschluss. Deshalb sollte ich mich dringend auch für ein Praktikum bewerben. Und meine Eltern fragen auch schon, wann ich denn endlich wieder zu Besuch komme.

Vorlesungsfreie Zeit

Manche denken immer noch, ich hätte nach den Klausuren zwei Monate Ferien. Doch diese Ferien heißen “vorlesungsfreie Zeit”. Die meisten Studierenden bekommen den begrifflichen Unterschied zu spüren. Einige stehen in Laboren, die anderen machen ein Praktikum, gehen arbeiten oder schreiben an mehreren Hausarbeiten – oder machen alles auf einmal. Das beobachte ich auch bei meinen Freunden und Mitbewohnern. Eine Freundin – geisteswissenschaftlich Studierende – arbeitet einen Großteil der vorlesungsfreien Zeit, damit sie das nicht als zusätzliche Belastung unter dem Semester machen muss. Nach Feierabend und am Wochenende schreibt sie ihre Hausarbeiten, am Ende geht sie noch kurz in den Urlaub und dann direkt wieder an die Uni. Manche Studierende in meinem Umfeld sind seit Jahren nicht verreist, weil Hausarbeiten und Geldverdienen die vorlesungsfreie Zeit ausgefüllt haben. Diejenigen in meinem Bekanntenkreis, welche die vorlesungsfreie Zeit hauptsächlich zum Entspannen nutzen und wirklich nichts für die Uni erledigen müssen, bilden die Ausnahme.

Die Konsequenzen, die wir tragen

Ich behaupte, ein Student hat weniger Freizeit als der durchschnittliche Arbeitnehmer. Klar, die Präsenzzeit an der Uni lässt sich nicht mit Arbeitszeiten vergleichen. Aber wir müssen selbst dafür sorgen, dass wir Urlaub nehmen können und hart dafür arbeiten, damit wir mal ein, zwei Wochen frei machen können. Das scheint der Preis der Freiheit zu sein, sich die Zeit so einteilen zu können wie man möchte.

Die Erwartung, doch bitte mit Mitte zwanzig einen Abschluss, gute Arbeitsproben sowie jahrelange praktische Erfahrung zu haben, geistert konstant im Hinterkopf herum. Also rennt man fröhlich im Hamsterrad mit, um später irgendwie Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, damit sich das Lernen und die Mühe auch lohnt.

Doch wer oder was ist Schuld an dieser Misere? Vielleicht die Studierenden selbst, wegen eines schlechten Zeitmanagements. Aber ich bezweifle, dass so viele so unorganisiert sind. Ich würde auch von mir selbst behaupten, eine eher organisierte Person zu sein. Mit Stress habe ich weniger ein Problem, solange er auch irgendwann wieder aufhört und ich mal Luft holen kann. Liegt es dann am straffen Studienplan und den Aufgaben, die in der vorlesungsfreien Zeit erledigt werden müssen? Oder daran, dass mittlerweile so viele einen Studienabschluss machen? Immerhin hat sich die Zahl der Absolventen laut Statistischem Landesamt in Baden-Württemberg zwischen 1995 und 2015 mehr als verdoppelt – der Konkurrenzdruck ebenfalls. Bei diesen Zahlen plagt einen das Gewissen, wenn man in den Urlaub geht statt Praxiserfahrung zu sammeln.

Ich glaube, es ist eine Mischung. Würde sich die Zahl der Hausarbeiten in Grenzen halten und müssten Studierende wie ich sie nicht jedes Semester schreiben, würde das schon helfen. Oder wenn die Klausuren im Semester lägen und nicht in der vorlesungsfreien Zeit oder gar am Ende davon. Bei der Praxiserfahrung würden Praxissemester Abhilfe schaffen, das fehlt zum Beispiel meinem Studiengang gänzlich. Ich denke, eine etwas bessere Balance von Theorie und Praxis kann die Studierenden entlasten.

Was meint ihr, braucht es einen Wandel hin zu einer vorlesungsfreien Zeit mit mehr Entspannung und weniger Druck oder sind die Studierenden selbst dafür verantwortlich? Schreibt uns einen Kommentar!
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Über

Sandra Hirsch

... studiert seit 2015 Medienwissenschaft und empirische Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen und ist genauso lang bei cantaloup.fm.

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