Tod den Hausarbeiten! Oder doch nicht?

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Hausarbeiten dominieren die vorlesungsfreie Zeit. Nicht nur für Studierende bedeuten sie einen Kraftakt, sondern auch für korrigierende Dozenten. Brauchen wir diese Art der Prüfungsleistung überhaupt?

In der Nacht vom 2. auf den 3. März wird in die Tasten gehauen: Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten steht an. Endlich anfangen, endlich fertig werden – Hausarbeiten takten die gesamte vorlesungsfreie Zeit, wenn man Geisteswissenschaften studiert.

Gehören Hausarbeiten abgeschafft?

Der Schul- und Religionspädagoge Christoph Tipker forderte auf Spiegel Online die Abschaffung von Hausarbeiten. Diese seien eine Qual sowohl für Studierende beim Schreiben, als auch für Dozierende bei der Korrektur. Wenn man Tipkers Schilderungen liest, könnte man denken, dass stressgeplagte Studierende nach der Abgabe allesamt halbtot ins Delirium fallen. Hausarbeiten, so Tipker, „rauben den Studenten die Luft zum selbstständigen Atmen“. Aber sind sie nicht auch eine Möglichkeit im starren universitären Umfeld voller vorgefertigter Klausurfragen und zurechtgestutzter Vorträge ein oft selbstgewähltes Thema zu bearbeiten?

Klar, die Verfasser einer Hausarbeit bewegen sich in einem bestimmten formellen Rahmen. Jedoch genießen Studenten hier sowohl bei der Recherche als auch bei den folgenden deskriptiven, empirischen und analytischen Schritten die volle Verantwortung – und Freiheit. Während sich Studierende bei der Vorbereitung auf eine Klausur lediglich an die ILIAS-Folien und die Pflichtliteratur halten müssen, erfordern und bieten Hausarbeiten mehr Freiraum. Das gleiche gilt für Vorträge: In einem festen Zeitrahmen müssen Studierende die wichtigsten Aspekte eines (meist umfassenden) Themas auf den Punkt bringen. Das Wissen wird wiedergegeben, viel Zeit um es zu vertiefen bleibt nicht.

Eine gute Alternative zu Klausuren und Gruppenvorträgen

Meiner Meinung nach eignen sich Studierende bei der intensiven Behandlung eines meist selbstgewählten Themas mehr Expertise an. Somit sind Hausarbeiten eine gute Alternative zum „Bulimie-Lernen“ für Klausuren. Hier lernen Studierende kurzfristig auch den trivialsten Inhalt einer Vorlesung, um die Antwort auf jede mögliche Frage hastig aufs Papier schreiben zu können. Kurz danach ist das alles vergessen. Die Themenvielfalt von Klausuren, so meine Erfahrung, lässt detailliertes Wissen über ein spezifisches Thema nicht zu. Das gleiche Bild zeigt sich mir bei nervenaufreibenden Gruppenarbeiten für Vorträge.

Nach meiner Erfahrung ist in einem selbsterarbeiteten, seitenlangen Text der Leistungsnachweis leichter zu überprüfen, als in einem 30-minütigen Vortrag mit vier anderen Kommilitonen oder einer Klausur, die selektive, oft schwer nachvollziehbare Fragen beinhaltet.

Nach dem Bologna-Prozess: Das Studium als immer schneller werdendes Geschäft

Und ja, das Fertigstellen einer guten Hausarbeit nimmt oft mehr Zeit in Anspruch als das Lernen auf eine Klausur. Wenn viele Studierende mit ihrem Zeitmanagement in die Bredouille kommen, lohnt sich ein Blick auf ihre Vorgaben.
Das nach dem Bologna-Prozess immer schneller drehende Studiumskarussel lässt offenbar den Blick auf das Wesentliche verschwimmen. Das Studium und der folgende Berufseinstieg sollen so reibungslos und schnell wie nur möglich erfolgen. Studierende, die ihren BAFöG-Anspruch oder auch bestimmte Stipendien nicht verlieren wollen, müssen in Regelstudienzeit durch das Studium zu hecheln. Zusätzlich sind viele Fristen in den jeweiligen Prüfungsordnungen verankert. Verlängerte Laufbahnen oder gar Karriereknicks sind dabei nicht eingeplant. Dann aber fehlt oft die Zeit für Hausarbeiten, d.h. für vertiefte Reflexionen über Sachthemen in wohlformulierten Texten, und am besten vier davon pro Semester. Wenn Studierende überlastet sind, liegt das nicht am Prinzip der Hausarbeiten, sondern an systemisch begründet straffer werdenden Zeitplänen.

Tipker kritisiert langweilige, deskriptive und kaum innovative Hausarbeiten. Nun, dann hat er kein Glück mit den Studierenden, die womöglich den Inhalt von Hausarbeiten mit dem von selten wissenschaftlichen Zeitungsartikeln verwechseln. Die bloße Rezension von und Diskussion über Fachliteratur, die Tipker alternativ bevorzugt, würde im besten Fall den Bereich des Deskriptiven abdecken, aber jegliche Eigenverantwortlichkeit vermissen lassen. Eine intensive Beschäftigung mit einem spezifischen Thema befeuert das kaum. Viel Interesse und Potenzial geht dabei verloren.

Hausarbeiten als Training für höhere Aufgaben

Bleibt der Übungsaspekt. Spätestens mit der Bachelor-Arbeit wird das wissenschaftliche, d.h. quellenbasierte Schreiben bewertet. Die Wertung ist dabei so entscheidend, dass es sich bei der Abschlussleistung nicht um ein Debüt handeln sollte. Auch in der wissenschaftlichen Karriere ist es wichtig, seine Forschungsergebnisse entsprechend belegen, benennen und beschreiben zu können. Die Reputation vieler Wissenschaftler hängt von ihren Artikeln ab. Da kann man nicht früh genug mit dem Üben anfangen.

Studierende sollten sich also auch weiterhin an der Herausforderung messen lassen, wissenschaftliche Hausarbeiten zu schreiben. Die Forderung Tipkers, innovativer, analytischer und spannender zu schreiben, können wir uns zu Herzen nehmen. Vielleicht haben dann auch die Dozierenden mehr Spaß bei der Korrektur. Denn auch wenn die Hausarbeiten in irgendeiner Schublade verstauben, so nehmen Studierende doch das Wissen durch wochenlanges Lesen und Schreiben mit – und so soll es ja sein.

Wie denkt ihr darüber? Sind Hausarbeiten eine wichtige kreative Prüfungsform? Oder seid ihr eher der Klausurentyp? Schreibt uns einen Kommentar und diskutiert mit!

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Über

Mark Schoder

... studiert im zweiten Semester Ethnologie und Politikwissenschaft. Was er mit dieser Fächerkombination für Perspektiven hat, weiß er selbst noch nicht ganz.

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