Aufrecht geht der Mensch

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Der aufrechte Gang ist eines der Hauptmerkmale des Menschen. Wie kommt das? Warum laufen wir nicht wie andere Säugetiere – auf allen vieren?

Wir tragen Schuhe, hängen Regale in Augenhöhe an die Wand und sitzen auf Stühlen. Dass unser Alltag so aussieht, liegt daran, dass wir Menschen aufrecht gehen und stehen. Was für uns selbstverständlich klingt, ist ein bis heute erforschter Jahrmillionenprozess.

Am Anfang war das Gehen

Der Anfang allen Gehens war vor acht Millionen Jahren in Afrika. Lange vor Homo erectus oder Homo sapiens. Die im Regenwald Afrikas lebenden Menschenaffen gingen zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich noch auf allen vieren. Sie konnten sich zwar aufrichten, aber Gehen war nunmal in ihrem Lebensraum nicht notwendig. Notwendig wurde das erst als sich ihre Lebenswelt veränderte. Wie der aufrechte Gang und der moderne Mensch entstanden sind, erforscht Friedemann Schrenk. Er ist Paläoanthropologe aus Frankfurt am Main:

“Vor ungefähr zehn bis acht Millionen Jahren, ist folgendes passiert: Einerseits gab es eine globale Klimaabkühlung und andererseits ist der afrikanische Graben entstanden. Und beides zusammen hat dazu geführt, dass dieser tropische Regenwald sich sehr stark zurückgezogen hat – nämlich auf das Gebiet, wo er heute ist, also in Äquatornähe. So, und um diesen heutigen tropischen Regenwald ist etwas entstanden, was bis heute das größte zusammenhängende Ökosystem der Welt ist, nämlich das sind die afrikanischen Savannen. Allerdings waren da am Anfang nicht Gräser hauptsächlich zu finden, sondern das waren Buschsavannen, Baumsavannen und es haben sich dort auch sehr viele Gewässer herausgebildet.”

Grafik: Privat

Der zeitliche Ablauf der Menschwerdung. Grafik: Charlotte Geißler

Es ging ums Essen

Die Veränderung der Umwelt ließ die bisherigen Nahrungsquellen verschwinden, also die Früchte des tropischen Regenwalds. Die Menschenaffen mussten einen Ersatz finden. Ihre neue Nahrung fanden sie in den zahlreichen Gewässern der Savanne.

“Das ist eigentlich der Kern der sogenannten Ufer-Hypothese, die heute eigentlich die gängigste Hypothese zum aufrechten Gang ist. Dass nämlich diese Menschenaffen Nahrung in Gewässern gesucht haben, nicht schwimmen können, sich aber aufrichten können und dadurch, sozusagen, watend in den Gewässern den aufrechten Gang praktiziert haben. Und im Laufe von zigtausend Generationen haben dann diejenigen, die dann den aufrechten Gang perfektioniert haben, in der evolutiven Weiterentwicklung einen Selektionsvorteil gehabt, indem sie nämlich da Nahrung suchen konnten.”

Die neue Nahrung der watenden Menschenaffen war zudem noch mit Omega-3-Fettsäuren angereichert. Das begünstigte das Gehirnwachstum.

Der Beginn der Menschwerdung

“Insofern steht heute fest, der Beginn der Menschwerdung war nicht etwa das große Gehirn, das wir heute haben, sondern das Aufrechtgehen auf zwei Beinen.”

F. Schrenk bei einer Ausgrabung, Foto: N. Bachmann

F. Schrenk bei einer Ausgrabung, Foto: N. Bachmann

Der aufrechte Gang ist somit buchstäblich der erste Schritt in Richtung des modernen Menschen. Schrenk bezeichnet die gehenden Menschenaffen daher als Vormenschen. Wann unsere Urahnen noch Affe oder schon moderner Mensch sind, ist aber nicht ganz einfach festzulegen. In Fachkreisen sogar höchst umstritten.

“Es gibt Kollegen, die sprechen von Menschen, sobald der aufrechte Gang entstanden ist. Es gibt aber auch Kollegen, die sprechen von Menschen erst dann, wenn Kunst und Musik erfunden wird, also erst vor 40 000 Jahren. Also ich würde sagen, Menschenaffen sind die, die im tropischen Regenwald leben, wenn sie sich in die Savanne ausbreiten und den aufrechten Gang haben spricht man von Vormenschen. Und dann vor ungefähr zweieinhalb Millionen Jahren entstehen dann die Urmenschen, das ist dann eigentlich der Beginn der kulturellen Evolution.”

Die kulturelle Evolution

Ursprüngliche und heutige Verbreitung des afrikanischen tropischen Regenwalds und Fundstellen frühester Homininen im Ober-Miozän. Rot: Verlauf des Afrikanischen Rifts (Grafik: Friedemann Schrenk)

Ursprüngliche und heutige Verbreitung des afrikanischen tropischen Regenwalds und Fundstellen frühester Homininen im Ober-Miozän. Rot: Verlauf des Afrikanischen Rifts (Grafik: Friedemann Schrenk)

Kulturelle Evolution – das meint nicht die Kultur von Kunst und Musik. Gemeint ist stattdessen die Kultur im Sinne von Werkzeugnutzung. Auch hier hängt die Entwicklung mit dem Klima zusammen: Während einer Eiszeit vor ungefähr zweieinhalb Millionen Jahren entwickelten die Früchte harte Schalen. Mit Steinen konnten die Vormenschen die Schalen knacken. Diese Entdeckung machte sie laut Schrenk zu Urmenschen. Möglich war das Nutzen von Werkzeugen auch nur, weil unsere Vorfahren dank des aufrechten Ganges die Hände frei hatten – ein praktischer Nebeneffekt.

“Man liest manchmal, der aufrechte Gang sei entstanden, um die Hände zu benutzen. Das ist natürlich Quatsch. Da wird Ursache und Wirkung verwechselt. Der aufrechte Gang ist enstanden und hatte eine Folge, nämlich die Befreiung der Hände von der Fortbewegung. Und das führt zur kulturellen Evolution und das dann zu Sprache und das ist eigentlich das, was wir heute sind.”

Gehen ist daher also nicht nur ein auffälliges Merkmal des Menschen – es ist auch der Ursprung der Menschheit an sich.

Zu Ende gegangen?

  • Der moderne Mensch hat viele Methoden erfunden, wie er das Gehen umgehen kann. Foto: Privat
  • Statt zu Fuß zu laufen, fährt er mit dem Auto... Foto: Privat
  • oder Bus... Foto: Privat
  • und Bahn zur Arbeit. Foto: Privat
  • Statt der Treppe nutzt er die Rolltreppe... Foto: Privat
  • oder den Lift. Photo: "Lifts" by Matt Brown, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • Den Tag verbringt er im Büro... Photo: "The Office" by three6ohchris, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • und abends auf der Couch. Photo: "Couch Potato" by Matt Reinbold, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • Tatsächlich beträgt die durchschnittliche tägliche Gehstrecke eines Deutschen laut einer Studie von M. Hofmeister nur 400 Meter. Photo: "Walking" by Moyan Brenn, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • 1950 gingen wir noch durchschnittlich 10 Kilometer pro Tag. Photo: "walking" by David McDermott, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • Es scheint, als ob die zunehmende Industrialisierung und Motorisierung das Gehen vermeidbar macht. Photo: "i-580 traffic jam" by Steven Damron, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • Dabei empfehlen Mediziner, täglich mindestens eine halbe Stunde spazieren zu gehen, um fit zu bleiben. Photo by Ilmicrofono Oggiono, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • Immerhin: Zum Kühlschrank müssen wir immer noch zu Fuß. Photo: "Fridge" by Richard Kelland, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
  • Es ist also abzuwarten, ob wir auch noch diese tägliche Bewegung abschaffen - oder ob das Gehen weiterhin wichtig für die Nahrungsbeschaffung bleibt. Photo: "burger eating contest - the final" by shira gal, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Die Ausstellungsstücke der Jahresausstellung des MUT

  • Rekonstruktion von Lucy (Australopithecus afarensis) (Größe ca. 1,20m, Alter ca. 2,9 Ma) (Grafik: Claudia Schnubel)

    Rekonstruktion von Lucy (Australopithecus afarensis) (Größe ca. 1,20m, Alter ca. 2,9 Mio. Jahre),Grafik: Claudia Schnubel

    • Gefunden 1974 in Äthiopien
    • Australopithecus afarensis „Lucy“ (benannt nach “Lucy in the sky with diamonds”)
    • Alter: ca. 3 Millionen Jahre
    • zu 35% vorhandenes Skelett, durch eine Seitenspiegelung lassen sich ca. 60% rekonstruieren; auffällig sind die langen Arme und kurzen Beine: lange Beine haben sich erst später entwickelt, um den Energieverbrauch zu, Homo erectus (vor 2 Millionen Jahren) hatte Beine und Gang wie die heutigen Menschen
    • „Lucy“ war der erste Beweis dafür, dass der aufrechte Gang älter als 2 Millionen Jahre ist und die Grassavannen-Hypothese (aufrechter Gang um über die Gräser sehen zu können, die es in der Grassavanne zu der Zeit gab) nicht stimmen kann
  • Älteste Fußabdrücke der Vormenschen von Laetoli, Tanzania (Länge der Strecke ca. 20 m, Alter 3,6 Ma) (Grafik: Claudia Schnubel)

    Älteste Fußabdrücke der Vormenschen von Laetoli, Tanzania (Länge der Strecke ca. 20 m, Alter 3,6 Ma), Grafik: Claudia Schnubel

    • Gefunden 1978 in Tansania in Laetoli/Garusi
    • Fußsspuren des Australopithecus afarensis
    • Alter: ca. 3,6 Millionen Jahre
    • Perfekt erhaltene Fußspuren mehrerer aufrecht gehender Vormenschen (vermutlich drei Individuen, der eine in den Spuren des anderen); der Gang ist sehr ähnlich wie heute, der Körperschwerpunkt lag aber noch anders
    • Die im Matsch hinterlassenen Abdrücke wurden mit vulkanischer Asche zugedeckt und sind daher auch radiometrisch datierbar
  • Gebiss-Bruchstück eines Vormenschen (Australopithecus afarensis), Foto: Museum der Universität Tübingen MUT/Valentin Marquardt

    Gebiss-Bruchstück eines Vormenschen (Australopithecus afarensis), Foto: Museum der Universität Tübingen MUT/Valentin Marquardt

    • Gefunden in den 1930ern in Laetoli/Garusi, einer der ersten Funde von Vormenschen in Afrika (erster Fund 1924)
    • Alter: ca. 3,6 Millionen Jahre
    • Erst nach dem Fund von „Lucy“ erkannte Tübingen, dass der Oberkiefer ebenfalls zu einem Australopithecus afarensis gehört
#ursprünge
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft von cantaloup.fm und dem Museum der Universität Tübingen (MUT) zur Jahresausstellung 2017. Die Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des MUT, Ursprünge – Schritte der Menschheit, ist vom 20. Mai bis zum 3. Dezember 2017 geöffnet. Ursprünge möchte anhand von “Epochemarkern” die Entwicklung der Menschheit nachvollziehen. Die Themen der Ausstellung reichen von der Entstehung des aufrechten Gangs und den Ursprüngen von Kunst, Religion, Musik und Schrift bis hin zur Globalisierung.

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Über

Charlotte Geißler

... ist seit Anfang 2016 bei cantaloup.fm und auch im Social-Media-Team tätig. Ihre Begeisterung für das Schreiben und für den Journalismus kann sie hier praktisch umsetzen.

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