Die Germanenstaffel ist zurück, die was?

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Seit dem Wochenende ist die Germanenstaffel zurück. Ein Grund zum Jubeln oder doch eher zum Hinterfragen, wofür so alles Geld in Tübingen ausgegeben wird?

Ein Jahr lebe und studiere ich jetzt hier in Tübingen, aber ich ahnte nicht, dass ich bisher einer Top-Sehenswürdigkeit beraubt wurde. Bis jetzt, denn endlich kenne auch ich sie: die Germanenstaffel. Am 02. April wurde die sanierte Germanenstaffel endlich eröffnet. Beginnend an der Gartenstraße Ecke Mühlstraße, führt die alt-neue Attraktion hinauf zum Österberg. Allerdings sind es bis zum Gipfel immer noch ein paar Meter – da deckt die Treppe nicht den gesamten Weg ab.

Foto: Frederik Schmitz

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Nach sechs Jahren wurde sie endlich fertig saniert – wobei neu gebaut eigentlich besser passen würde. Von der einst hölzernen Treppe hoch zum Österberg ist heute nichts mehr zu sehen. Dafür steht dort nun eine 117 stufige Betontreppe. Die Eröffnung wurde groß angekündigt – sogar bei Focus Online gab es eine Einladung dazu. Aber kann ich mich über die Germanenstaffel überhaupt freuen?

Ein echtes „Schnäppchen“

Immerhin kostete der ganze Spaß um die 900.000€. Ein ganz schön teures Unterfangen. Alternativen – ein Hängebrücke vom gegenüberliegenden Schulberg oder ein Aufzug – hätten, so die Pressestelle Tübingens, nie zur städtischen Planung gehört.

Die Historie der Planung lässt sich kurz fassen: Die erste Ausschreibung des Bauauftrags von 850.000€ scheiterte, denn das günstigste Angebot lag mit 1,15 Millionen Euro etwas höher. Erst beim zweiten Versuch fand sich dann eine Firma, die mit 835.000€ ein akzeptables Angebot vorlegen konnte. Doch deutsche Ausschreibungen wären keinen deutschen Ausschreibungen, wenn es nicht am Ende teurer würde. Aber mit finalen 900.000€ Baukosten bewegt sich ja alles noch im Rahmen. Ich erinnere an andere Großprojekte in Hamburg oder Berlin, die deutlich weiter über das finanzielle Ziel hinausschossen und auch noch immer hinausschießen. Aber natürlich, Tübingen ist nicht Berlin oder Hamburg.

900.000 €. Geld, das Tübingen wohl wegen einer momentan guten finanziellen Situation für die Sanierung aufbringen konnte. Aber hätte man von dem Geld nicht auch andere Dinge bezahlen können? Okay, der Weg zum Österberg wird kürzer – zumindest wenn man am Neckar startet.

Foto: Frederik Schmitz

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Aber – mal ganz ehrlich: Es war nach der Sperrung vor einigen Jahren auch kein Akt der Unmöglichkeit. Schließlich sind es ohne Germanenstaffel keine 500m mehr, die man zu bezwingen hat. Und ja, man hat so einen schönen Ausblick von der Treppe, aber gibt es nicht schon genügend Aussichtspunkte in Tübingen? Und ist ein weiterer wirklich 900.000€ wert? So ein Quatsch! Mir fallen da direkt ein paar ein, von denen man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt und die Umgebung hat.

Foto: Frederik Schmitz

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Wohnst du schon oder suchst du noch?

Vielleicht fehlt mir dafür aber auch die nostalgische Erinnerung an die gute alte Zeit, als man auch noch während des Aufstiegs die Aussicht genießen konnte und sich der Weg zur Schule auf dem Österberg verkürzte.

Als Student, der nun in einer Stadt lebt, in der bezahlbarer Wohnraum für Studenten Mangelware ist, hätte ich direkt eine Idee, wie ich die 900.000€ sinnvoller investieren würde…

Es gab doch im letzten Herbst den Skandal, dass neugebaute Flüchtlingsunterkünfte leer stünden und eine vorübergehende Nutzung als Wohnheime für Studenten an fehlenden Steckdosen und Küchenzeilen scheiterte. Zwar sind diese Bauprojekte Landessache, aber hätte Tübingen nicht das Geld nehmen können, um diese nachzurüsten und die Situation auf dem Tübinger Wohnungsmarkt zu entlasten – zumindest temporär? So Steckdosen wären ja auch eine nette Geste an die Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht suchen. Das wäre doch eindeutig sinnvoller gewesen – und hätte nur 500.000€ gekostet.

Mir hat diese Treppe nicht gefehlt und dafür fast eine Millionen Euro auszugeben, finde ich viel Geld. Oder wie wäre es mit einer Buslinie 2, die am Wochenende nicht nur bis zum Bahnhof, sondern auch zum Wohnheim Mühlbachäcker fährt? Und wenn ich mir die eine oder andere Stelle in der Innenstadt anschaue, könnte der Boden auch mal wieder saniert werden. Der wird nämlich auch wirklich gebraucht.

Der Germanenstaffel ist zurück und das für stolze 900.000€. Bei einer Länge von 117 Treppenstufen frage ich mich: aus Gold? Nein, aber sie ist trotzdem teuer! Geld, das viel besser für andere Dinge hätte genutzt werden können. Nur weil etwas mal da war, muss es nicht wieder dort hinkommen. Aussichtsplattformen gibt es nun weiß Gott genug. Dafür gibt es andere Baustellen.

Habt auch ihr Ideen, was man mit dem Geld in Tübingen verbessern könnte, dann diskutiert gerne mit!

Unsere cantalumne
Das ist ein Artikel unserer cantalumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben.
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Über

Frederik Schmitz

... ist Sinologie-Student (M.A) und China-Freak aus Düsseldorf, der seit 2016 in Tübingen lebt und studiert. Genau so lange (kurz ;) ) ist er auch beim Uniradio cantaloup.fm dabei.

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