Orgelrenovierung – Uni Tübingen trifft die falschen Töne

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Seit 2012 wurden 200.000 Euro für die Renovierung der Weigle-Orgel gesammelt. Dank der Entscheidung des Tübinger Unidekanats: alles für die Katz!

Vor fünf Jahren wurde eine Initiative ins Leben gerufen, um die Weigle-Orgel im Festsaal der Universität Tübingen zu renovieren. Die Orgel ist seit 1972 stillgelegt und sollte nun, im Zuge des Bachfests 2018 in Tübingen, feierlich eingeweiht werden. Die Universität stimmte dem Projekt 2013 zu, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass 240.000 der 300.000 benötigten Euro über Spenden eingehen würden.

Jetzt verkündete Ingo Bredenbach, Mitbegründer der Initiative und Bachfest-Organisator, die Entscheidung des Unirektorats – das Aus für das Projekt. Denn anscheinend hätte die Summe bis Ende 2016 bereitstehen müssen. Zu diesem Zeitpunkt waren es jedoch nur 200.000 Euro.

Die Universität führt den Spendenbetrag als alleinigen Entscheidungsgrund an. Laut den Initiatoren äußerten die Verantwortlichen der Universität in Gesprächen noch andere Beweggründe. Wie „eine ungewollte Zunahme von Konzertveranstaltungen“, „Lärmbelästigung durch die Orgel” und die „neu entdeckten, zusätzlichen Bau- und Folgekosten“. Gerade bei den ersten beiden Punkten wird zu Recht kritisiert, dass die Universität diese Folgen von Anfang an erwarten und einbeziehen konnte.

Entscheidung mit Signalwirkung!

Im Prinzip ist es aber irrelevant, was nun genau die Beweggründe für die Entscheidung sind. Denn durch den Stopp der Renovierung sendet das Uni-Rektorat eine Botschaft an alle Spender und engagierten Unterstützer: mangelnde Wertschätzung!

Wir befinden uns in Zeiten, in denen es nicht einfach ist, an Spenden und Sponsoren zu kommen. Es ist zwar paradox, da es sehr viele Topverdiener gibt und es gerade in Baden-Württemberg äußerst viele gut aufgestellte mittelständische Unternehmen gibt, aber so ist der Stand der Dinge. Selbst ein Volleyball-Bundesligaverein wie der TV Rottenburg muss jedes Jahr aufs Neue um ausreichende Gelder kämpfen. Von den Jugendabteilungen der kleinen Vereine wollen wir gar nicht erst anfangen zu reden. Gerade auch die Universitäten jammern ständig über fehlende Gelder und Etatlücken.

Grundsätzlich lässt sich darüber streiten, welche Projekte von den Universitäten oder dem Staat finanziert werden sollten. Es lassen sich immer Befürworter und Gegner finden. Nur in diesem Fall wurde keine Initiative gegründet, die von der Universität verlangt, die Orgel als kulturelles Gut auf eigene Kosten zu renovieren. Das hätte man durchaus auch machen können, da Tübingen eine Stadt ist, die im intellektuellen und kulturellen Raum einen hohen Anspruch hat. Folglich kann die Aufgabe der Universität, als öffentliche Einrichtung, darin gesehen werden, diesem Anspruch gerecht zu werden und den Bedürfnissen der Bürger nachzukommen.

Stattdessen haben sich etliche Personen dazu bereit erklärt, dieses Projekt zum Wohle der Allgemeinheit zu finanzieren und viel Zeit und Arbeit zu investieren. Es fanden Benefizkonzerte statt, es wurden Patenschaften für Orgelpfeifen erworben und in der Benefizreihe „12 nach 12“ musizierten Organisten satte 64 Mal. Neben der enormen Summe von 200.000 Euro, zeigt dieses Ausmaß an Eigeninitiative und Einsatzwillen, wie groß das Interesse der (kulturell und musikalisch angehauchten) Bürger an diesem Projekt ist.

Daneben muss klargestellt werden, dass es sich bei der Orgel um das Eigentum der Universität handelt. Sie erhält damit eine 300.000 Euro teure Renovierung zum Preis von 60.000 Euro. Der Mehrwert des Saals wird gesteigert und die Universität hat ein weiteres Prunkstück, mit dem sie werben kann. Umso unverständlicher ist die Entscheidung, dieses Geschenk nicht anzunehmen.

Hinzu kommt, dass das Projekt in beidseitigem Einvernehmen gestartet wurde, jetzt aber abrupt von einer Partei beendet wird. Es zeugt von mangelnder Kommunikationskompetenz sowie fehlendem Willen seitens der Universität. Denn Bredenbach sieht keine Probleme hinsichtlich der Realisierung der Renovierungskosten.

Alles zurückdrehen?

Wer jetzt denkt, dass das Geld eben einfach wieder zurückgegeben wird, befindet sich auf dem Holzweg. Denn dieser Prozess ist alles andere als einfach. Zunächst lassen sich die Spender der Benefizkonzerte und der Benefizreihe kaum im Einzelnen identifizieren, geschweige denn die Spendenbeträge von diesen. Daneben können beim Finanzamt bereits geltend gemachte Spenden gar nicht zurückgenommen werden. Deshalb wurde „ein Konzept erarbeitet, wie die Gelder umgewidmet und für ähnliche kulturelle Belange eingesetzt werden können“. Das hört man als Spender natürlich äußerst gerne. Eine zweckgebundene Spende für eine Sache, die einem am Herzen liegt, soll zweckentfremdet werden. Da dies ohne die Einwilligung der Spender gar nicht rechtens ist, muss jetzt zuerst die Einwilligung aller Spender eingeholt werden. Sehr effizient.

Würde die Stadt die nun entstehenden Kosten für den Abbruch des Projektes und die damit verbundenen Probleme berechnen, wären die fehlenden 40.000 Euro wahrscheinlich nicht mehr weit weg. Wenn dann noch der Betrag für das Berechnen der Kosten addiert wird, ist die Summe wohl erreicht.

Da kann dem Unirektorat nur gratuliert werden. Denn mit einer einzigen Entscheidung so viel Chaos und Aufwand zu verursachen, ist aller Ehren wert. Wütende Initiatoren, geprellte Spender und ein riesiger Rattenschwanz bezüglich der Spenden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Entscheidung unter Berücksichtigung aller Faktoren getroffen wurde. Der entstehende Aufwand erscheint im Verhältnis zu den noch fehlenden 40.000 Euro einfach zu groß. Insbesondere, da in den letzten fünf Jahren 200.000 Euro gesammelt wurden, also 40.000 Euro pro Jahr. Würde die Renovierung jetzt beginnen, hätten die Verantwortlichen fast die doppelte Zeit zur Verfügung, den letzten Teil der Summe zu generieren.

Da die Unsinnigkeit der Entscheidung recht offensichtlich ist, fallen auch die Leserbriefe im Schwäbischen Tagblatt entsprechend aus. Die Kommentare reichen von „Peinlichkeit“ und „Affront“ über „Aprilscherz“ und „Skandal-Nachricht“ bis hin zu „kleingeistigen Krämerseelen“ und „Schildbürgern“.

Unsere cantalumne
Das ist ein Artikel unserer cantalumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben.
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Über

Daniel Anhorn-Weckesser

...studiert Sportmanagement am IfS in Tübingen. Neben der Tätigkeit bei Cantaloup, ist er als Fußballtrainer im Jugendbereich tätig.

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