Digitale Schlachten

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Ist der Cyberwar eine echte Bedrohung für die Menschheit oder bloß Science-Fiction? Werden wir Zeitzeugen vom Ursprung einer neuen Kriegsform?

Seit dem 12.05. wurden neue Diskussionen über Sicherheit im Internet angeheizt. Ein Cyberangriff, der wohl mindestens 150 Länder betraf, legte unter anderem Krankenhäuser und die deutsche Bahn flach. Die Angreifer machten die auf den Computern gespeicherten Dateien unbrauchbar und verlangten ein Lösegeld. Dies ist jedoch nicht die einzige Situation, in der das Internet zu einer Bedrohung für den Menschen werden kann.

Krieg ist ein grausames Phänomen, das den Menschen seit 15.000 Jahren begleitet. Vom Speer über das Schwert bis hin zur Atombombe erweitern wir laufend unser Tötungsrepertoire, werden immer erfinderischer in unserer Gewalt. Dass auch das Internet zu einer Gefahr für den Menschen werden kann, zeigt sich schon im sogenannten Dark Web, wo man Drogen, Kinderpornos und sogar Auftragsmörder findet. Verbinden sich Krieg und digitale Netzwerke miteinander, nennt man das Cyberwar. Der könnte verheerende Folgen für den Menschen haben. Immerhin ist fast alles mit dem Internet verknüpft. Der Tübinger Wissenschaftsethiker Andreas Baur-Ahrens hat sich mit dem Thema Cyberwar auseinandergesetzt:

Also krasses Beispiel, die Stromversorgung, die zusammenbrechen könnte, und dann sieht man natürlich schon, ohne Strom passiert relativ wenig. Banken natürlich, der ganze Zahlungsverkehr, Kommunikation ist natürlich ein Punkt, also Kommunikation nicht nur als Basis für alle möglichen anderen Sachen, sondern auch mit wem kann ich telefonieren, wie kann ich Einsatzpläne verfügbar machen? Das sind natürlich Sachen, die dann in Mitleidenschaft gezogen werden können. Je nachdem, es ist natürlich sehr schwer zu beantworten, weil es natürlich ganz verschieden Arten von Angriffsszenarien gibt.

Die digitale Vernetzung unserer Gesellschaft macht uns auch verwundbar. Deswegen müssen sich Wissenschaftler, Hacker und Militär mit dieser neuen Form der Kriegsführung auseinandersetzen:

Außenministerin Von der Leyen rief im April 2017 eine neue Cybereinheit für Deutschland ins Leben. Auch das Pentagon rüstet sich für die Gefahren und listet das Cyberspace neben Land, Luft, Wasser und Weltall als einen möglichen Kriegsschauplatz.

Dabei ist der Begriff Cyberwar selbst noch ziemlich unklar.

Cyberkrieg, Cyberkriminalität und Cyberterrorismus und Cybersabotage kann man eigentlich schwer auseinanderhalten. Problematisch ist es eben insofern, zu unterscheiden, weil die Mittel nicht klar sind. Man kann zum Beispiel Panzer zu wenig anderen Sachen einsetzen als zur Kriegsführung. Die Möglichkeiten die bei Cyberattacken verwendet werden, werden auch bei ökonomischen Attacken, also wirtschaftlichen Attacken gegen andere Unternehmen, oder auch von privaten Akteuren eingesetzt. Es sind die gleichen Mittel, die auch von Staaten oder Terroristen eingesetzt werden können, um Konten von Anderen abzuräumen und an Informationen von Konkurrenten zu kommen oder eben auch an Informationen von anderen Staaten zu kommen. Von daher ist es relativ schwierig. Grundsätzlich würde man sagen, es ist die Nutzung von Informationstechnik zur Führung eines Krieges.

Foto: 7th Army Training Command - 170508-A-DN311-034 (CC Attribution License)

Foto: 7th Army Training Command – 170508-A-DN311-034 (CC Attribution License)

Bei einer sogenannten Cyberattacke wird der Gegner über digitale Netzwerke angegriffen. Die Attacken können verschiedene Formen annehmen: Trojaner, Würmer oder Viren sind die bekanntesten. Sie finden bereits regelmäßig im Internet statt und bilden eine reale Bedrohung für jeden.

Foto: Andrew_Writer - DSC00228 (CC Attribution License)

Foto: Andrew_Writer – DSC00228 (CC Attribution License)

Dabei ist egal, ob man selbst das Internet nutzt, denn Wirtschaft, Gesellschaft und Staat tun es. Für einen Angriff über das Internet benötigt man keine Waffe, allein der Zugang reicht aus. Somit kann jeder Zivilist mit dem richtigen Know-How zum Hacker werden. Und Profis können sogar Einfluss auf die Politik nehmen. Im Jahre 2009 fand die wohl bekannteste Attacke auf das iranische Atomprogramm statt, die als Stuxnet bezeichnet wird:

Das Stuxnet bezeichnet eigentlich eine Form von einem Computerwurm, der eingesetzt worden ist, um das iranische Atomprogram zu sabotieren. Das ist ein Wurm, der sich nicht über das Internet sondern zum Beispiel USB-Sticks oder so weiterverbreitet hat und der sich explizit auf die Urananreicherungsanlagen, die von Siemens produziert worden sind, die im Iran verwendet werden, zugeschnitten worden ist und der dort verdeckterweise die Parameter manipuliert hat, sodass man sie aber auch nicht erkennt im normalen Betrieb, sodass dann die Zentrifugen kaputtgehen, in den iranischen Atomanlagen. Das ist der Stuxnet-Wurm.

An Stuxnet ist beängstigend, dass er das iranische Atomprogramm massiv schädigte. Aber auch, dass ein im Jahre 2009 entdeckter Computerwurm schon so komplex war. Laut New York Times wurde der Wurm in Kooperation vom israelischen und amerikanischen Geheimdienst entwickelt.

Auch wenn sich manche Cyberattacken auf staatlicher Ebene abspielen, stellen sie noch keine Kriegshandlung dar. Die Angriffe alleine können beispielsweise keine physische Gewalt am Menschen begehen. Computer selbst sind keine Waffen, können aber zu solchen werden. Das macht es allein schon begrifflich schwierig, hier von einem Krieg zu reden. Dass ein Cyberwar ausbricht, hält Andreas Baur-Ahrens deswegen für unwahrscheinlich:

Man kann Krieg mit Mitteln der Informationstechniken führen, aber es ist eigentlich kein extra Krieg. Es fehlen zum Beispiel zum einen, dass es einen instrumentellen Charakter hat, dass man also politisch etwas durchsetzen möchte, oder dass man den Gegner darüber informiert, was man durchsetzen möchte und dass man wirklich ihm direkt Schaden, auch teilweise physischen und tödlichen Schaden zuführt. Das trifft auf einen Cyberangriff nicht zu. Was es aber eben gibt, ist die Verwendung von Informationstechnik für ökonomische Zwecke als auch Sabotage und Spionage im staatlichen Sinne. Das auf jeden Fall.

Gerade weil es beim Cyberwar an physischen Schäden mangelt, betrachten manche den reinen Cyberwar auch als sogenannte humane Kriegsmethode. Ein Krieg ohne Tote, ist das nicht eine Idealvorstellung? Baur-Ahrens sieht genau in dieser Verherrlichung die Gefahr:

Es gibt Leute, die sagen, man könnte mit Cyberangriffen chirurgisch gegen einen vermeintlichen Gegner vorgehen und dann sauber bestimmte Sachen ausschalten. Ich halte davon nichts, weil man nicht klar abschätzen kann, was die Folgen davon sind. Das ist auch eine der Besonderheiten von informationsgestützter Kriegsführung. Man kann, nachdem man einmal eine Attacke lanciert hat, nicht mehr kontrollieren, was damit passiert. Man kann nicht kontrollieren, welche Computer befallen werden, und man kann eigentlich militärische Ziele kaum erreichen ohne zivile Akteure oder Systeme in Mitleidenschaft zu ziehen. Das andere ist natürlich auch, zählt ein Cyberangriff als Grund für eine konventionelle Gegenantwort? Und die Nato ist mittlerweile fast dazu übergangen zu sagen, ja, wenn ein Cyberangriff auf einen Mitgliedsstaat passiert, wie auch immer man den dann feststellen kann, dann dürfen auch konventionelle Mittel eingesetzt werden um den zu beantworten.

Ein reiner Cyberkrieg bleibt also vorerst Science-Fiction. Digitale Angriffe können aber durchaus zum Ausbruch eines normalen Krieges führen. Die Gefahren der digitalen Revolution für Gesellschaft und Staat sind real.

  • Foto Andreas Baur-AhrensAndreas Baur-Ahres ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften. Seine Interessensgebiete sind kritische Sicherheitsstudien, Cybersecurity, Privatheit und Datenschutz, Big Data und Science & Technology Studies.
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Foto: Museum der Universität Tübingen MUT/Valentin Marquardt

Das Museum der Universität Tübingen widmet sich bei seinem Jahresthema den Ursprüngen der Menschheit. Ein Teil der Ausstellung wird den Ursprung des Krieges präsentieren, wo unter anderem das Sturmgewehr G-36 zu sehen sein wird. Wird die Menschheit in der Zukunft Kriege ohne konventionelle Waffen führen können?

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Über

Sarah Mohrat

... studiert seit 2016 in Tübingen. Kultur, Bücher und Religion sind ihre großen Leidenschaften, die sie bei Cantaloup tatkräftig mit einbringt.

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