Irak: Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge kommt aus Tübingen

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Verfolgt, gefoltert und versklavt vom IS. Hunderttausende im Nordirak flüchten vor diesem Schicksal. Etliche sind traumatisiert und brauchen psychologische Hilfe. Unterstützung kommt auch aus Tübingen.

“In der ganzen Region nur zwei Psychiater”

Ein Stück Baden-Württemberg im Nordirak – seit März gibt es das an der Universität in Dohuk, am Institut für Psychotherapie. Grund dafür ist, dass Baden-Württemberg den Aufbau des Instituts mit 1,3 Millionen Euro gefördert hat. Im neuen Master-Studiengang haben dort 30 Studierende ihre Ausbildung zu Psychotherapeuten begonnen. Das Konzept dafür haben Dozenten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und der Uni Tübingen entwickelt. So auch Martin Hautzinger, Psychologie-Professor in Tübingen. In dieser Form habe es im Nordirak bisher noch keine Psychotherapeutenausbildung gegeben, erklärt er:

„Der Bedarf ist riesig. Dort gibt es 900.000 Flüchtlinge, allein in dieser Region Dohuk. Und das ist nur eine von zehn Regionen von Kurdistan. Und die müssen versorgt werden. Sie sind zum Teil zwar ärztlich, somatisch versorgt, da gibt es aber – glaube ich – in der ganzen Region nur zwei Psychiater. Dadurch ist es eigentlich etwas, was dringend gebraucht wird.“

Acht Wochen Ganztagsunterricht im Jahr

Zumal die Flüchtlinge Krieg und Gewalt erfahren haben. Hilfe ist kaum da. Und immerhin drei Jahre dauert die Ausbildung zum Psychotherapeuten. Unter den Studierenden sind Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen und Krankenpfleger. Mehr als die Hälfte sind Frauen. Vorweisen mussten die Bewerber neben einem Bachelor-Abschluss auch klinische Vorerfahrung. Das liegt am praxisorientierten Aufbau des Studiengangs mit insgesamt acht Wochen Ganztagsunterricht im Jahr. Zwischen den Theorieblöcken findet die eigentliche Arbeit statt, erklärt Hautzinger:

„Wir wollen ja alle, dass sie in Einrichtungen arbeiten. Sie müssen Hausarbeiten machen, sie müssen lesen, sie müssen ihre Fälle untersuchen, Diagnostik, Fallkonzeption machen. Sie müssen Behandlungsplanungen machen. Also sie sollen möglichst rasch schon, so haben wir das Programm auch gestaltet, dass die in den Camps arbeiten können.“

Flüchtlingen vor Ort schnell helfen

Die Idee hinter dem Konzept ist, dass die Therapeuten den Flüchtlingen so viel schneller helfen können und die Traumatisierten in einer Umgebung behandelt werden, die ihnen vertraut ist. Idealerweise sollen die Absolventen dieses Studiengangs im Anschluss selbst Psychotherapeuten ausbilden können. Ob das direkt nach der ersten Phase, also in drei Jahren gelingt, kann Martin Hautzinger noch nicht einschätzen. In jedem Fall ist aber für die Studierenden nach ihrem Abschluss klar:

„Wenn sie im Master-Programm sind, müssen sie sich – da das ja kostenlos ist – verpflichten, nach Abschluss, vier Jahre noch dort im Land zu bleiben und ihre Kenntnisse auch tatsächlich Patienten oder der Universität dort zur Verfügung zu stellen.“

Nach dem ersten Studienjahr erwartet die Studierenden die Zwischenprüfung. Die ähnelt einer Fallkonferenz. Das bedeutet, die Studierenden müssen im Voraus Fallberichte einreichen, die sie dann mit den Prüfern besprechen. Neben den methodischen Grundlagen gehören auch Englischkenntnisse zu den Anforderungen. Das könnte für den ein oder anderen eine Hürde darstellen:

„Die Befürchtung, die ich jetzt für die nächste Zeit habe: vielleicht überfordern wir die Leute. Einmal schon sprachlich. Das Englisch, was verlangt wird – auch die Uni verlangt es – wir müssen einiges nachschulen. Also die sind jetzt parallel dabei, dass da Englisch-Kurse besucht werden müssen.“

Seminar-Sitzungen über Skype

Daneben sieht Professor Hautzinger in der Betreuung aus der Ferne ein Problem. Denn nach den zweiwöchigen Theorieblöcken sind Dozenten und Studenten nur übers Internet in Kontakt. Etwa einmal im Monat sind Skype-Konferenzen geplant. So können Behandlungen unter Anleitung geplant, besprochen und eventuelle Probleme gelöst werden. Denn die angehenden Therapeuten müssen innerhalb ihrer dreijährigen Ausbildung 600 Behandlungsstunden ableisten. Zum Studienprogramm gehören auch zwei Theorieblöcke, die in Tübingen stattfinden sollen. Der erste Aufenthalt in Tübingen ist im März 2018 geplant.

  • martin-hautzingerProf. Dr. Martin Hautzinger hat seit 1996 den Lehrstuhl für klinische Psychologie an der Uni Tübingen inne. Er forscht unter anderem über Depressionen, Angststörungen und Psychotherapie. An der Gründung des Instituts für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Uni Dohuk im Nordirak war er mit seinem Kollegen Jan Kizilhan maßgeblich beteiligt.

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Über

… studiert seit 2013 an der Uni Tübingen. Highlight ihres bisherigen Studiums war ihr Auslandsaufenthalt in Russland. Bei cantaloup.fm macht sie seit Anfang 2017 mit.

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