„Go with the flow“ – Ein Interview mit der Tape Art-Künstlerin LaMia

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LaMia ist eine international anerkannte Künstlerin aus Berlin. Wir haben uns über Street Art, Klebeband und ihren eigenen Ursprung unterhalten.
Die Künstlerin LaMia ist ein Mitglied der Tape Art Crew TAPE OVER, bei der mittlerweile acht Künstler zusammenarbeiten und die von ihr gegründet wurde. Das New York’s Print Magazine listet sie als eine der „15 Best New Visual Artists 2016“. Die Kunstform Tape Art, der sich LaMia bedient, nutzt das Klebeband als Material um Installationen und Werke zu gestalten.

LaMia, die Ausstellung vom Museum der Universität Tübingen dreht sich ja um das Thema Ursprünge. Wo würdest du denn selbst den Ursprung für deine Kunst sehen?

LaMia: Oh, interessante Frage. Mit der Tape Art hat alles bei mir vor ungefähr sieben Jahren angefangen. Als ich in meinem Studium war, ich habe Kommunikationsdesign studiert. Und da habe ich dann für ein Uniprojekt eine Kiste Klebeband gekauft und bin auf die Straße gegangen und habe ein paar Street Art Pieces gemacht.
Und ja, das war so der Ursprung von allem. Das hat mir so gut gefallen, ich habe gemerkt, das ist mein Ding und habe dann einfach nicht mehr aufgehört zu kleben.

LaMia und MR GALLE kleben für die Vernissage im Museum der Universität Tübingen / Foto: Frank Duerr

LaMia und MR GALLE kleben für die Vernissage im Museum der Universität Tübingen / Foto: Frank Duerr

Also gab niemanden, der dir einen Impuls gegeben hat?

LaMia: Doch, es gab einen Impuls. Bei einer Internetrecherche habe ich Bilder gesehen von dem australischen Tape Art-Künstler Buff Diss. Der kommt aus der Graffiti-Szene. Das ist auch der Ursprung von Tape Art, das ist sehr interessant, da es eigentlich aus dem Graffiti kommt. Die Sprayer haben sich auch Bereiche abgeklebt, um scharfe Kanten zu haben und haben dann das Klebeband wieder weggenommen. Und Buff Diss zum Beispiel oder auch schon andere sind jetzt dazu übergegangen dann nur noch das Klebeband zu benutzen.

Heißt das, du hast dich auch schon im Graffiti probiert?

LaMia: Ich male, fotografiere, zeichne und baue gerne, also alles Mögliche. Aber gesprayt habe ich nie, ich bin dann gleich zum Klebeband übergegangen.

 

Berlin ist ja schon auch eine Stadt, in der sehr viel gesprayt wird, eine Stadt, die sehr viel mit Street Art zu tun hat. Würdest du sagen, die Stadt hat dich auch inspiriert?

LaMia: Ich bin Berlinerin. Ich bin geboren in Berlin und Berlin ist auf jeden Fall so ein Schmelztiegel für das Kreative überhaupt und für die kreative Szene und es ist auch eine Street Art-Hochburg. Die Stadt inspiriert mich wahnsinnig. Alle Menschen, die man trifft, von der ganzen Welt, kommen dort hin um dort zu arbeiten und zusammenzuarbeiten, also Kollaborationen zu machen mit anderen Künstlern. Das ist für mich auch sehr wichtig.

Du hast ja auch schon ganz viele verschiedene Projekte gemacht, also auf der Straße in Berlin oder mit Mercedes.

LaMia mit einer Rolle Klebeband in der Hand / Foto: Frank Duerr

LaMia mit einer Rolle Klebeband in der Hand / Foto: Frank Duerr

LaMia: Ich habe schon sehr viel Verschiedenes gemacht und auch mittlerweile schon über die ganze Welt verteilt. Das ist Wahnsinn, wenn man das mit dem Reisen verbinden kann. Und es stimmt schon, die Bandbreite ist ziemlich groß. Ich mache künstlerische freie Arbeiten, Ausstellungen auf Festivals und auch kreative Markenkommunikation. Mit der Tape Art eine Marke oder ein Produkt in Szene zu setzen, habe ich ja gelernt in meinem Studium und das macht mir auch Spaß.

Gibt es denn ein Projekt, was dein Lieblingsprojekt war oder ist jedes irgendwie individuell?

LaMia: Jedes Projekt ist spannend, es ist immer wieder was Neues. Eines meiner Lieblingsprojekte war ein Elektro Festival in der Schweiz in den Bergen über Davos, „ab und zu Schatzalp“ hieß es. Und dort haben Sie mit unseren französischen Visual-Partnern zusammengearbeitet und ein Tape Art-Video-Mapping-Projekt gemacht. „deep seas“ heißt das. Wir arbeiten viel mit anderen Künstlern zusammen, auch mit Malern, mit Sprayern, viel mit Visual-Künstlern, weil die Kombination von Tape und Licht ist einfach Wahnsinn. Die Kunstwerke werden durch das Licht zum Leben erweckt und es entsteht was ganz neues, interessantes.

Ist sowas dann auch in der Ausstellung zu sehen?

LaMia: Ja, wird man. Es gibt ein Kunstwerk, was mit LED-aktivem Tape gestaltet wird.

Da kommen dann blaue LED Strahler drauf, das leuchtet dann sehr intensiv. Und es gibt ein anderes, das heißt „Industrial Revolution“, das wird auch von einem unserer französischen Visual Partnern mit Video Mapping bespielt. ONDÉ heißt die Visual Crew, mit der wir sehr gerne zusammenarbeiten, sehr oft.

Video: Lamia Michna (TAPE OVER)

Wie habt ihr beide euch denn für die Ausstellung inspiriert? Habt ihr euch zusammen Ausstellungsstücke angeguckt, oder wie habt ihr das gemacht?

LaMia: Ich habe natürlich das Konzept vorher bekommen und auch Fotos von Ausstellungsstücken. Ich war aber auch zu einer Location-Besichtigung hier und habe mich ganz viel mit Frank Duerr, dem Kurator, ausgetauscht. Wahnsinnig inspirierendes Thema, also unglaublich vielfältig.

Gab es irgendein Ausstellungsstück, dass dir besonders gut gefallen hat? Irgendwas, was für dich besonders rausgestochen hat?

LaMia: Ich finde den Ursprung der Schrift wirklich besonders. Diese Keilschrift eines dieser erhaltenen Bruchstücke werde ich auch mit einer Installation in Szene setzen, highlighten quasi. Das hat mich besonders inspiriert. Ganz spannend ist auch die Maori Schnitzerei – sehenswert. Und noch vieles mehr, also das ganze Konzept und wie das zusammengestellt ist, gefällt mir sehr gut.

Was, würdest du sagen, ist das Besondere an Tape Art im Vergleich zu anderer Kunst?

Die scharfen Kanten werden auch in diesem Kunstwerk sehr deutlich

Die scharfen Kanten werden auch in diesem Kunstwerk sehr deutlich / Foto: Oliver Schaub

LaMia: Das Besondere an Tape Art bzw. Tape das Material… Es hat eine ganz besondere Wirkung, einen ganz besonderen Stil, weil man sehr grafisch arbeiten kann und es sehr linear ist, also sehr scharfe Kanten hat. Anders als Farbe, mit der Verläufe möglich sind, oder die man verwischen kann. Das ist bei Tape nicht so, dadurch hat es einen ganz speziellen Charakter. Und das Besondere ist, dass es halt noch eine Kunstform ist, die sich noch entwickelt, und das sehr stark die letzten Jahre. Und man kann die Leute damit überraschen. Die Leute kommen auch hin, wenn ich etwas gestaltet habe, und fassen das an, weil sie sich fragen, wie ist das gemacht, und das fasziniert mich total. Dass so viele Leute es noch gar nicht kennen und dass man sie überraschen kann.

Als du klein warst wolltest du auch schon immer was mit Kunst, Malen oder in die Richtung machen?

LaMia: Ich habe da gar nicht soweit geplant aber ich habe mich auf jeden Fall schon immer kreativ irgendwie ausgetobt. Sollte wahrscheinlich genauso kommen, wie es gekommen ist. Go with the flow, sage ich immer.

Was machst du denn außer deiner Tape Art noch gerne? Bleibt dir überhaupt noch Zeit für andere Hobbys?

LaMia: Ich fotografiere sehr gerne. Fotografie ist noch so eine meiner großen Leidenschaften.

LaMias lässt sich für ihre Tape Art gerne auch von der Natur inspirieren

LaMia lässt sich für ihre Tape Art gerne auch von der Natur inspirieren / Foto: Lamia Michna (TAPE OVER)

Auch deine eigene Kunst oder allgemein was dir über den Weg läuft?

LaMia: Bei TAPE OVER arbeite ich dokumentarisch fotografisch sehr viel. Aber auch richtig künstlerische Fotografieprojekte. Ich würde auch gerne noch eine Ausstellung Ende dieses Jahres machen. Eine Fotoausstellung. Die ist so ein bisschen in Planung, mal schauen.

Klingt spannend. Weißt du schon, wo die stattfinden soll oder ist es bisher nur eine Idee?

LaMia: Ist nur eine Idee. Aber ich habe zum Beispiel auch beim Surfcity Festival gerade ein Foto ausgestellt von mir bei einer Gruppenausstellung. Ich habe auf Plexiglas ein Kunstwerk getaped. Das wurde dann vor einem nackten Körper präsentiert und davon habe ich ein Foto gemacht. Also was ich ganz gerne mag sind Ebenen und verschiedene Sachen zu verbinden, so habe ich quasi aus einem Tape Art-Kunstwerk noch ein weiteres Kunstwerk kreiert.

Bei diesem interaktiven Kunstwerk von LaMia, ausgestellt im MUT, dürfen sich auch die Besucher mal mit dem Klebeband probieren / Foto: Hanna Diedrichs gen. Thormann

Bei diesem interaktiven Kunstwerk von LaMia, ausgestellt im MUT, dürfen sich auch die Besucher mal mit dem Klebeband probieren / Foto: Hanna Diedrichs gen. Thormann

Was für Tipps würdest du den jungen Künstlern heute geben?

LaMia: Gute Frage. Auf sich vertrauen und mutig sein. Ich glaube, Mut ist eine sehr wichtige Sache heutzutage. Man sollte versuchen sich nicht von anderen in irgendwelche Systeme reinstecken zu lassen. Also zum Beispiel: Ich habe ja auch Kommunikationsdesign studiert und wurde dazu ausgebildet, eine Führungsposition in der Werbeagentur zu haben. Und das muss dann aber nicht der festgesetzte Weg sein, da gibt’s noch 10.000 andere Möglichkeiten und man soll einfach seinem Herzen und seinem Bauchgefühl folgen und dann wird alles gut. Dann wird es spannend, auf jeden Fall.

  • Durch einen Vortrag über ihre künstlerische Arbeit im Cinegrafie Kolloquium in Dortmund wurde Frank Duerr auf sie aufmerksam, der Kurator für das Museum der Universität Tübingen ist. Für dessen Ausstellung „Origins“ war sie mit ihrem Crewmitglied MR GALLE in Tübingen und hat dort unterschiedliche Kunstwerke gestaltet. 

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Über

Sarah Mohrat

... studiert seit 2016 in Tübingen. Kultur, Bücher und Religion sind ihre großen Leidenschaften, die sie bei Cantaloup tatkräftig mit einbringt.

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