In Träumen nach den Sternen greifen

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Wir träumen vom eigenen Auto, der Wohnung, dem perfekten Job. Doch diese Dinge waren nicht immer wichtig.

Als Kinder wollten wir Tierärzte, Astronauten oder Balletttänzerinnen werden. In der Schule sollten wir möglichst viel lernen, um später einen guten Beruf ausüben zu können. Dann kam die Ausbildung oder das Studium. Jetzt wollen wir einen Beruf, mit dem wir gut leben können. Doch was braucht es zum Glück? Auto, Wohnung, Job sowie Freunde und Familie sind oft Antworten auf diese Frage. Doch das war nicht immer so.

Mit jahrhundertelangem Anlauf nach den Sternen greifen

Was braucht man für ein gutes Leben? Unsere Großeltern würden diese Frage anders beantworten als wir. Zu anderen Zeiten gab es andere Möglichkeiten. Doch wie kann man messen, wer ein gutes Leben führt und wer nicht? Der World Happiness Report der UN untersucht jährlich, in welchen Ländern die glücklichsten Menschen leben. Zwei der sechs Kriterien, um das Glück zu messen, sind zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt per Kopf und die Lebenserwartung. Doch gibt es überhaupt allgemeingültige Kriterien, um Glück zu messen? Die Vorstellung vom guten Leben hat sich auf jeden Fall mit der Zeit verändert. So sieht das Hermann Bausinger, 91 Jahre alt, ehemaliger Institutsleiter des Ludwig-Uhland-Instituts und früherer Kriegsgefangener:

“Also ich denke, dass die eigentliche Basis für die Glücksvorstellung die Realität ist, also die jeweilige Lebenssituation. Also ich kann aus meiner eigenen Erfahrung berichten, ich war in Kriegsgefangenschaft, also nicht im dreißig-jährigen Krieg, aber wenig später, da waren wir am Anfang in großen Lagern und es ging uns allen schlecht und wir hatten nicht genug zu Essen. Und die Folge war, dass in dem Zelt, in dem wir gelebt haben, das waren so dreißig Personen, dass da – also ich würde jetzt aus der Erinnerung sagen – zu siebzig oder achtzig Prozent über Essen gesprochen wurde. Glück ist in vielen Fällen auch einfach ein Gegenbild zu dem, was man tatsächlich hat und erreichbar ist.”

Die Basis für das gute Leben

Die Bedürfnishierarchie nach Maslow

Die Bedürfnishierarchie nach Maslow

Es bedarf also einer gewissen Basis, um spezifischere Wünsche zu haben. Das Nötigste muss vorhanden sein, um das alltägliche Überleben zu sichern. Wie Essen oder ein Dach über dem Kopf. Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat eine Bedürfnishierarchie aufgestellt. Sie ist wie eine Pyramide aufgebaut. Die Basis sind physiologische Bedürfnisse. Diese müssen erfüllt sein, damit der menschliche Körper überhaupt erst funktionieren kann. Also Essen und Wasser, saubere Luft zum Atmen und auch ausreichend Schlaf. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, folgt das Sicherheitsbedürfnis, sich nicht ständig in Gefahr zu befinden und eine sichere Unterkunft zu haben. Danach folgen die sozialen Bedürfnisse nach Geborgenheit und Kontakt zu Freunden und Familie. Erst dann sind Individualbedürfnisse wie Erfolg oder Unabhängigkeit von Bedeutung dran. An der Spitze steht die Selbstverwirklichung. Nach Maslow geht es hier um die Ausschöpfung des eigenen Potentials. Die jeweils obere Stufe der Pyramide wird erst dann zum Bedürfnis, wenn die untere Stufe erfüllt ist. Ähnlich beschreibt das auch Bausinger:

“Die jeweilige Lebenssituation ist die Basis der Glücksvorstellung, von mir aus der Ursprung. Nun hat sich die Lebensrealität drastisch verändert. Man kann davon ausgehen, dass die Mehrheit der Leute bis weit ins 19. Jahrhundert, zum Teil bis ins 20. Jahrhundert hinein, eigentlich eine Überlebensgesellschaft dargestellt hat. Es ist glaube ich klar, dass damit auch die Glücksvorstellungen andere sind, dass die bescheidener sind zunächst und dass sich das erst allmählich verändert hat. Also während früher die Leute, also auch relativ junge Leute, eigentlich ein glückliches Leben als relativ ruhig, als relativ gemütlich, abgeschlossen vorgestellt haben, ist da heute wesentlich mehr Tempo drin, sehr viel mehr Ereignis und Erlebnis, es muss eigentlich immer was los sein. Das ist ein Phänomen das nachweislich eigentlich mit der Industrialisierung aufgekommen ist.”

Mit mehr Freizeit steigt auch das Bedürfnis nach mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Nur wer Zeit und Mittel hat, kann sich mit Luxusgütern wie Fernreisen auseinandersetzen oder mit teuren Anschaffungen. Ist also die industrielle Revolution Auslöser für unsere ständige Jagd nach dem Glück? Bausinger benennt noch einen weiteren Grund:

Die Säkularisation als Antrieb für Träume

“Worüber wir bis jetzt noch nicht gesprochen haben, ist das schwierige Kapitel der Religion. Denn viele Leute haben jahrhundertelang eigentlich davon gelebt, auch bei uns, dass sie sich damit abgefunden haben, uns geht es relativ schlecht, aber irgendwann gelangen wir in den Himmel oder Paradies, wo es uns besser geht. Sie waren überzeugt, dass sie sich vielfach ducken müssen, dass sie das tun müssen, was von ihnen erwartet wird und weil sie sonst eine Höllenstrafe erleiden können oder zumindest keine große Chance haben, im Himmel zu landen. Das hört sich heute alles so bisschen nach Kinderbuch an, aber für die Leute war das eine innere Realität, mit der sie gelebt haben. Und ich denke das, also vor allen Dingen auch durch die Säkularisation, also den Rückgang des religiösen Einflusses, sich auch an den Vorstellungen von Glück und den Bedingungen von Glück sehr viel geändert hat. Weil den Leuten viele enge Stricke genommen wurden und viele Illusionen genommen wurden. Ich will nicht sagen, dass die Leute damit unbedingt glücklicher geworden sind, denn zum Teil haben die Leute mit ihrer Religion relativ glücklich gelebt.”

Der springende Punkt ist, dass man zunehmend aufgehört hat, sich vor einer unbekannten Macht zu beugen. Wer nicht mehr daran glaubt, für bestimmte Dinge in die Hölle zu gelangen, muss auch nicht tagtäglich daran arbeiten, um ins Paradies zu gelangen. Dann gibt es viel mehr zeitlichen Raum, um sich mit käuflichen Gütern und mit Vergnügen zu beschäftigen. Damit wird auch das Einkommen noch wichtiger, wenn es nicht mehr nur zum Überleben reichen muss. Sobald der soziale Status nicht mehr von Geburt an vorherbestimmt wird, sondern durch Leistung definiert wird, baut sich Druck auf, um sich Statussymbole wie Autos oder teure Kleidung leisten zu können. Oder sprichwörtlich ausgedrückt: Kleider machen Leute. Doch kann das wirklich glücklich machen und zum Happy End führen? Im Märchen ist das Glück erreicht, wenn der Held die Prinzessin heiratet und ins teure Schloss einzieht oder reich belohnt wird. Doch wie sieht das mit der Realität aus? Dazu Hermann Bausinger:

“Glück ist in der Vorstellung immer eine langfristige Angelegenheit, man denkt an einen glücklichen Zustand. Und im Märchen ist das ja auch sehr deutlich, da hört es auf wenn die zwei heiraten. Aber wie es weitergeht, da darf man nicht fragen. In Wirklichkeit ist das aber so, dass Glück eigentlich eine punktuelle Angelegenheit ist, dass auch Glücksempfindungen meistens sehr augenblicklich sind, also mit dem gelebten Augenblick zusammenhängen und nicht auf Dauer gestellt sind. Und insofern kann man also tatsächlich sagen, dass das Glück nicht für längere Zeit abrufbar ist. Arbeiten oder ums bisschen zu drehen, sowas wie Aktivität, etwas produzieren, das kann etwas Geistiges sein, das kann was Materielles sein, dass das doch so elementar zur menschlichen Konstitution gehört, das man sagen kann, ohne das geht’s nicht.”

Arbeit ist mehr als nur das halbe Leben

Der Mensch braucht Beschäftigung, um ein gutes Leben führen zu können. Die letzten Jahrhunderte war das die Arbeit, um das eigene Überleben zu sichern. Nun steuern wir zunehmend auf eine neue Ära zu, in der Roboter immer mehr Arbeit übernehmen. Was wird aus den Menschen, welche in dieser Zeit ihre Arbeit verlieren? Skeptiker sind sich unsicher, ob sie wirklich an anderer Stelle eine Arbeit finden. Schlussendlich wird das nach Hermann Bausingers Ansicht einen Wandel hin zu mehr Freizeitbeschäftigung nach sich ziehen. Diskussionen, wie man dann das Leben finanzieren kann, gibt es schon zu Genüge. Das arbeitsbasierte Leben wandelt sich, und so wird sich auch die Vorstellung vom guten Leben verändern. Doch wonach man strebt, wird wohl immer von der eigenen Lebenssituation abhängen. Wer Hunger hat, träumt vom Essen. Wer in Gefahr lebt, sehnt sich nach Sicherheit. Und wer all das hat, hat Platz für andere Träume. Und manche träumen sogar von den Sternen.

  • Hermann Bausinger, geboren 1926, war 1960-1992 Institutsleiter des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft. Er hätte auch an andere Institute gehen können, fand es aber in Tübingen zu schön. Er war kurz nach dem dreißig-jährigen Krieg Kriegsgefangener.
  • Der World Happiness Report der United Nations ist eine jährliche Erhebung. Dabei wird untersucht, in welchem Land die glücklichsten Menschen leben. Das wird anhand der folgenden Kriterien beurteilt:
    – das Bruttoinlandsprodukt per Kopf
    – die Lebenserwartung
    – soziale Unterstützung
    – Vertrauen, gemessen an der wahrgenommenen Abwesenheit von Korruption in Politik und Wirtschaft
    – gefühlte Freiheit beim Treffen von Lebensentscheidungen
    – Großzügigkeit, gemessen an kürzlich getätigten Spenden
  • Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft von cantaloup.fm und dem Museum der Universität Tübingen (MUT) zur Jahresausstellung 2017. Die Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des MUT, Ursprünge – Schritte der Menschheit, ist vom 20. Mai bis zum 3. Dezember 2017 geöffnet. Ursprünge möchte anhand von “Epochemarkern” die Entwicklung der Menschheit nachvollziehen. Die Themen der Ausstellung reichen von der Entstehung des aufrechten Gangs und den Ursprüngen von Kunst, Religion, Musik und Schrift bis hin zur Globalisierung.

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Über

Sandra Hirsch

... studiert seit 2015 Medienwissenschaft und empirische Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen und ist genauso lang bei cantaloup.fm.

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