Wie Waffen für Globalisierung stehen

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Die deutsche Kolonialgeschichte wird zurzeit neu aufgerollt. Kein leichtes Unterfangen, wie das Projekt “Schwieriges Erbe” zeigt.

Die Frage, wem Ausstellungsstücke in Museen eigentlich gehören, ist oft schwer zu beantworten. Zum einen ist die Herkunft der Sammlungen unzureichend dokumentiert. Zum anderen beanspruchen Völkergruppen die Stücke als kulturelle oder religiöse Artefakte für sich. Besonders das ethnologische Museum muss sich mit diesen Problemen auseinandersetzen.

Das “Schwierige Erbe”

Globalisierung photo

Foto: BioDivLibrary – n178_w1150 (CC Attribution License)

Seit April 2016 gibt es im Rahmen der Tübinger Exzellenzinitiative den Exploration Fund „Schwieriges Erbe“. Exploration Funds fördern finanziell die Erforschung neuer Themenfelder. Im Projekt „Schwieriges Erbe“ arbeiten Wissenschaftler der Uni Tübingen zusammen mit dem Stuttgarter Lindenmuseum die deutsche Kolonialgeschichte auf.

Vor diesem Hintergrund gerät die Institution der ethnologischen Museen zunehmend in die Kritik. So fordern beispielsweise zahlreiche Initiativen eine Neubefragung und einen ethischen Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten. Gleichzeitig ist das Museum gefragt, die Probleme des Kolonialismus darzustellen. Der Besitz von Gegenständen dieser Zeit ist nicht nur schwierig, weil ihre Aneignung unter ungleichen Machtverhältnissen erfolgte. Die Objekte werden heute nämlich immer noch unter diesen Bedingungen ausgestellt.

Deshalb muss anders über ihren Besitz und ihre Rolle nachgedacht werden, die sie in der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte spielen. Hier setzt das “Schwierige Erbe” an, erklärt Jan Hinrichsen, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts:

Innerhalb der Verflechtungen unserer Gegenwart mit der kolonialen Vergangenheit steht immer wieder das ethnologische Museum als Institution im Kreuzfeuer der kritischen Stimmen, weil es dort um die Frage der Legitimität des Besitzes von kulturellen Objekten geht, die mithin kolonialen Hintergrund haben.

Die Frage nach der Legitimität ist nur sehr schwer zu beantworten. Denn über die Ursprünge kolonialer Sammlungen und deren Entstehung ist erschreckend wenig dokumentiert:

Das ist unter anderem ein Phänomen der Zeit. Dokumentationen wissenschaftlicher Sammlungen um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sind zum Teil einfach anders organisiert als heute. Zum Teil hat das aber auch was mit der Unsichtbarkeitmachung von kolonialer Vergangenheit zu tun und es sind im Moment viele Projekte am Werk, die sich der sogenannten Provenienzforschung widmen – also der Frage: Wie kann man eigentlich Sammlungsbestände erschließen? Was wissen wir heutzutage über diese Sammlungen?

312 Speere und ihre ungewisse Geschichte

Das können die Besucher des Unimuseums Tübingen begutachten, in der Ausstellung „Ursprünge – Schritte der Menschheit“. Dort sind im Bereich „Ursprung der Globalisierung“ unter anderem über 300 Speere ausgestellt. Die stammen aus der ethnologischen Sammlung der Universität Tübingen. Die Speere stehen exemplarisch für das „schwierige Erbe“.

Uns war es wichtig, dass wir zum einen keine Entwicklungsgeschichte erzählen und zum anderen, dass wir einen kritischen Kommentar auf diesen Ausstellungsbereich legen.

Foto: Oliver Schaub

Foto: Oliver Schaub

Diese 312 Speere – was wir über sie wissen ist, dass wir wenig über sie wissen und das Wenige, das wir über sie wissen ist, dass sie zum großen Teil aus ehemaligen deutschen Kolonialgebieten stammen. Wir haben Objekte, da steht dabei: “Ostafrika?” Und das ist die einzige Angabe, die wir zu diesem Objekt haben und das nicht zweimal, fünfmal, zehnmal, sondern 312 Mal.

Wo besteht der Zusammenhang zwischen den Speeren und der Globalisierung? Im Vergleich zu anderen Ausstellungsstücken wie früheren Weltkarten und veranschaulichten Handelsrouten nehmen die Speere eine Sonderstellung ein. Dazu Gabriele Alex, Ethnologie-Professorin an der Uni Tübingen und Antragstellerin des „Schwierigen Erbe“ Projekts:

Die Speere sind eine ganz besondere Objektform, weil sie verschiedenen Funktionen gedient haben. Zum einen war die Sammlung von Speeren Entwaffnung, das war Teil einer kriegerischen Handlung. Und dann wurden die Waffen zu Museumsgegenständen, die etwas aussagen sollten über die Kultur derer, die sie mal benutzt haben. Und diese Aussagen sind miteinander verwoben. Das Entwaffnen, das Sich-Untertan-Machen, beinhalten zusätzlich Aussagen darüber, wie die unterschiedlichen Gruppen sich zueinander positionieren – jedenfalls aus der Sicht der Sammler oder der Eroberer oder der Kolonialisten.

Ein Ursprung der Globalisierung

Die Speere sollen „Globalisierung“ aus einem kolonialistischen Blickwinkel heraus verdeutlichen. Einerseits geht dem Entwaffnen ein Kontakt von Völkergruppen voraus. Zum Beispiel vor Verhandlungen zwischen Völkern – oder bei Eroberungen durch die Kolonialmächte. Andererseits werden Konzepte wie die Idee von verschiedenen Nationalstaaten mit festen Grenzen im Kolonialismus neu bewertet. Denn die Menschenbewegungen der Kolonialzeit und Übernahme von Landflächen können wir durchaus als globale Expansionsschritte bezeichnen.

Es ist aber schwierig, der Globalisierung auf die Schliche zu kommen. Dafür ist der Begriff zu unscharf und es finden sich zahlreiche historische Ereignisse:

Ich glaube die Suche nach dem Ursprung der Globalisierung – das ist interessant, das ist ein interessantes Denkmoment. Aber es liefert keine wirklichen Antworten. Ist es der Kolonialismus? Ist es das Internet? Sind es die Kriege, ist es die Seefahrt? Wo will man den historischen Moment setzen? Wo ist die Skala dafür?

Das Museum der Universität Tübingen möchte in der „Ursprünge“-Ausstellung diese Fragen ein Stück weit zum Ausdruck bringen. Der Besucher wird sein eigenes Verständnis von Globalisierung durch neue Denkansätze erweitern können. Begrüßenswert, findet Gabriele Alex:

Interessant ist, was wir mit Globalisierung verbinden: Warum ist es ein Phänomen? Was ist die Ablösung? Was ist das, was abgelöst wird durch die Idee einer globalen Welt? Wo sehen wir Globalisierung, wo sehen wir sie nicht? Das sind interessante Fragen und das ist auch ein tolles Konzept für eine Ausstellung, weil es einem wirklich diese Denkräume erschließt und die Objekte und Inhalte neu ordnen lässt.

  • Foto: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen

    Foto: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen

    Jan Hinrichsen von der Abteilung für Ethnologie der Universität Tübingen ist seit April 2016 der Koordinator des Exploration Fund „Schwieriges Erbe“.

  • alexGabriele Alex ist Professorin an der Abteilung für Ethnologie der Universität Tübingen und die Co-Antragsstellerin des Exploration Fund „Schwieriges Erbe“.

  • Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft von cantaloup.fm und dem Museum der Universität Tübingen (MUT) zur Jahresausstellung 2017. Die Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des MUT, Ursprünge – Schritte der Menschheit, ist vom 20. Mai bis zum 3. Dezember 2017 geöffnet. Ursprünge möchte anhand von “Epochemarkern” die Entwicklung der Menschheit nachvollziehen. Die Themen der Ausstellung reichen von der Entstehung des aufrechten Gangs und den Ursprüngen von Kunst, Religion, Musik und Schrift bis hin zur Globalisierung.

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David Frey

... ist seit 2011 an der Uni Tübingen und studiert gerade Medienwissenschaft im Master-Studiengang. Er arbeitet seit 2016 für cantaloup.fm mit und gesteht ein, viel zu spät dazugekommen zu sein. Dafür ist er jetzt mit umso mehr Elan dabei.

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