Abgestaubt: Ein zweites Leben für Hausarbeiten

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Die Leserschaft der meisten Hausarbeiten ist wohl vielen Fällen geringer als die Seitenzahl der Arbeit. Das studentische Projekt Tintenklex will das ändern. 

Im Rahmen ihres Projektmoduls entwickelten Kevin Kromphorn und Tamara Elsner ein neues Veröffentlichungsmedium für die Hausarbeiten ihrer Kommilitonen.

„Geschafft!“ Glück, Erleichterung und vielleicht auch ein bisschen Stolz – diese Mischung empfinde ich, wenn ich nach wochenlanger Recherche und Schreibmarathon endlich eine Hausarbeit abgeben kann. Und dann? Der Dozent liest oder überfliegt die Hausarbeit, benotet sie und das war’s. Die Zukunftsprognose: Verstauben im Regal oder versauern auf der Festplatte. Tamara Elsner und Kevin Kromphorn, beide Masterstudenten der Literatur- und Kulturtheorie, bieten den Hausarbeiten eine neue Bühne. Die beiden veröffentlichen sie in ihrer Online-Zeitschrift „Tintenklex“. Warum, erklärt Tamara:

„Ich denke, das weitet einfach das Denken aus. Also man ist immer sehr schnell drin in seinem Fach und das eigene Fach ist dann das tollste und das größte und man beschäftigt sich eigentlich nur damit. Und das hat natürlich auch seine Berechtigung, ganz klar. Wir können nicht alle Experten auf jedem Gebiet sein. Aber ich denke es ist trotzdem wichtig, auch mal rechts und links zu schauen: Was machen die anderen eigentlich? Weil das sehr viele Impulse geben kann, finde ich, für die eigene Arbeit auch im eigenen Fach.“ 

Mozart, Wandschmuck und Rassismus

Die Online-Zeitschrift bietet also den berühmten Blick über den Tellerrand. Die erste Ausgabe erschien im Februar diesen Jahres. Man kann sie auf der Webseite von Tintenklex herunterladen.

Mozart, Wandschmuck, Rassismus – die Themen der Hausarbeiten sind vielfältig. Die Autoren studieren zum Beispiel Internationale Literaturen, Anglistik oder Rhetorik. Es gibt nur ein Kriterium, das eine Hausarbeit erfüllen muss: Die Note darf nicht schlechter als 2,0 sein. Obwohl es sonst eigentlich keine Hürden gibt, kommt eine Fachrichtung kaum vor: Schreiben Naturwissenschaftler keine Hausarbeiten? Tamara Elsner sagt:

„Wirklich ganz klassisch Biologie, Chemie oder so kommt leider nicht so viel. Ich denke, das Potenzial wäre auf jeden Fall da, man müsste die Leute vielleicht ein bisschen mehr motivieren, mehr anschubsen.“

Denkanstöße zum Weiterlesen

Denn für die Veröffentlichung ist dann doch noch mehr zu tun als die Arbeit einzureichen: Die Autoren machen aus ihrer Hausarbeit ein Essay, damit den Inhalt auch jemand versteht, der vom Thema vorher noch keine Ahnung hatte. In der Tintenklex findet man also keine hochgestochene Fachliteratur, sondern einen ersten Einblick in eine Fachrichtung, in eine andere Art zu denken. Für Tamara gab es diesen Denkanstoß bei einem Essay über Briefe von Mozart, der in der ersten Ausgabe erschien:

„Da hatte ich noch nie drüber nachgedacht. Mozart war für mich ein Musiker. Dass der vielleicht auch geschrieben hat und dass das dann in dem Sinn auch für die Literaturwissenschaft interessant sein kann. Deshalb trifft die Arbeit eigentlich ganz gut, was wir so machen wollen, dieses über den Tellerrand rausschauen, vielleicht auch mal sich überraschen lassen, was andere so machen. Also würde ich eher sagen, dass unsere Essays vielleicht eine Inspiration sein können, oder auch Hinweise, wo man noch weiterlesen kann.“

Die Idee zu Tintenklex kam Tamara und Kevin während des Projektmoduls ihres Studiengangs. Hier sollen die Studierenden mit einem eigenen Projekt Erfahrungen in der wissenschaftlichen Praxis sammeln.

Eigentlich würde dafür eine Ausgabe der Tintenklex genügen. Doch das reichte den beiden nicht, eine zweite Ausgabe ist schon in Arbeit, wie Tamara berichtet:

„Als wir es gemacht haben, da hatten wir eigentlich so viel Freude dran, dass für uns eigentlich schon während dem Projekt selbst klar war, als es noch offiziell lief, dass wir es gerne weiterführen würde. Wir hatten auch durchaus schon Anfragen von Leuten, die gefragt haben ob sie bei uns mitmachen können – das heißt das wäre so eine Perspektive zu sagen, wenn wir jetzt nicht mehr an der Uni sind, dass es dann vielleicht von anderen fortgeführt wird.“

  • Foto: Jana Storek

    Foto: Jana Storek

    Tamara begann nach ihrem Bachelor in Germanistik und Medienwissenschaften Literatur- und Kulturtheorie im Master zu studieren. Gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Kevin Kromphorn hat sie Tintenklex gegründet.

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Über

Leoni Schmidt-Enke

... studiert Rhetorik und Internationale Literaturen. Mit Schirm, Charme und Aufnahmegerät ist sie seit Mai 2017 bei cantaloup.fm dabei.

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