Nachgehakt: Hakenkreuze an der Festsaaldecke

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Kaum zu glauben, dass sich an manchen Stellen der Universität Hakenkreuze finden. Doch so einfach können sie nicht entfernt werden.

Verdächtige Symbole an der Festsaaldecke

Der Musiker beginnt zu spielen. Eine sanfte, ruhige Melodie durchdringt den Festsaal der Neuen Aula. Berauscht von der Musik, lässt der Zuhörer seine Blicke schweifen: Von den unzähligen Pfeifen der Festsaal-Orgel über die Kronleuchter hin zu den Hakenkreuzen …

Hakenkreuze?! In dem Saal, in dem die Uni ihre Erstis begrüßt, Alumni verabschiedet, Ehrengäste empfängt und Festakte feiert? Die Festsaaldecke wird von einem goldenen Holzmuster durchzogen, das sehr stark an das Erkennungssymbol der Nationalsozialisten erinnert. Die Muster sind miteinander verbunden, sodass man schon zweimal hinsehen muss, um die Symbole zu erkennen.

Bei genauem Hinsehen wird es deutlich: An der Decke befinden sich Hakenkreuze. Foto: cantaloup.fm

Bei genauem Hinsehen wird es deutlich: An der Decke befinden sich Hakenkreuze.
Foto: cantaloup.fm

Verfassungsfeindliches Symbol

Das Hakenkreuz ist in Deutschland verboten. Verfassungswidrig. Es sei denn, man verwendet es etwa zur „staatsbürgerlichen Aufklärung“, zur Berichterstattung, in Kunst oder Wissenschaft. Das regelt Paragraph 86 im Strafgesetzbuch. Aber sind es nun Hakenkreuze an der Festsaaldecke oder nicht? Und vor allem: Was haben die da zu suchen?

Prof. Ernst Seidl ist Leiter des Museums der Universität Tübingen. Er hat sich 2015 in einer Ausstellung mit der NS-Vergangenheit der Uni beschäftigt. Die Holzverzierungen an der Festsaaldecke stellen Hakenkreuze dar, sagt er. Sie stammen aber nicht aus der NS-Zeit.

Prof. Dr. Ernst Seidl:

Die eigentliche Neue Aula ist ja ein spätklassizistischer Bau von 1841 folgende. Und dann wurde vor 1933, meines Wissens 1928-32, dieser hintere Anbau angefügt mit dem Festsaal.

So kurz vor der Machtergreifung 1933 ist es nicht auszuschließen, dass die Hakenkreuze auf den Nationalsozialismus anspielen. Immerhin war die Uni Tübingen ganz vorne mit dabei, die Rassenideologie Hitlers pseudowissenschaftlich zu stützen. Sie war schon vor der Machtübernahme 1933 quasi frei von Nicht-Ariern. Und das Hakenkreuz benutzten die Nationalsozialisten schon seit 1920. Kann es dann überhaupt anders gemeint sein, die Decken so zu zieren? Laut Prof. Seidl wollte man mit den Hakenkreuzen an deren ursprüngliche Bedeutung erinnern.

Prof. Dr. Ernst Seidl:

Das Hakenkreuz ist ein antikes – oder in den verschiedenen Religionen des südlichen Vorderen Orients von Indien bis in den antiken Mittelmeerraum ein relativ häufig gebräuchliches – Glückszeichen.

Mord und Grausamkeit

Die Universität nähme damit Bezug auf das Wissen der Antike, aus der sich die modernen Wissenschaften entwickelten. Die Neue Aula selbst ist ein klassizistischer Bau. Die Anlehnung an antike Bauwerke ist ein Merkmal für diesen Stil.

Die meisten Leute denken beim Hakenkreuz nicht an Glück, sondern an Grausamkeit, Mord und Krieg durch die Nazis. Dass die Festsaaldecke vom Nationalsozialismus geprägt ist, ist laut Seidl nicht belegt. Einerseits gab es die Nationalsozialisten nicht erst 1933, sondern früher. Andererseits kam dieser Einfluss zunächst nicht von Seiten der Universität:

Prof. Dr. Ernst Seidl:

Es ist aber wiederum so, dass die Universität Tübingen, die ja Auftraggeberin dieses Baus war, von der Universitätsleitung her zunächst gar nicht so pro NS war. Das war ja – in Anführungszeichen – eine „revolutionäre“ Bewegung, die eher von den jüngeren Menschen ausging. Die Studierenden waren da ganz stark hinterher. Das heißt, es ist vielleicht nicht ganz wahrscheinlich, dass die Universitätsleitung so etwas in dem Kontext Nationalsozialismus gemacht hat, sondern eher als pseudo-antikisierende Schmuckform.

Die genaue Bedeutung ist nicht eindeutig. Somit werden die Hakenkreuze noch weiterhin den Festsaal zieren.

Es bleiben Spuren

In der Uni sind noch mehr Hakenkreuze zu finden. Etwa im Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft. Gegründet im Jahr 1933, hieß es damals noch Institut für deutsche Volkskunde. Die Erforschung des deutschen Volkes war für das NS-Regime von großer Bedeutung.

Prof. Dr. Thomas Thiemeyer:

Die Idee für so ein Institut war, dass es die Arteigenheit des deutschen Volkes belegt und historisch herleiten kann. Deshalb auch der Rückgriff ins alte Germanien – Die historischen Wurzeln dessen, was dann unter den Nationalsozialisten Ideologie war, sollten da gezeigt werden.

Sagt Thomas Thiemeyer, Professor am Ludwig-Uhland-Institut. Ab 1971 distanzierte sich das Institut vollständig von seiner Vergangenheit. Mit der Neuausrichtung erhielt es seinen jetzigen Namen. Doch es bleiben Spuren. Vor allem ein Gegenstand, den Studierende im Seminarraum des Instituts heute noch benutzen: den sogenannten Tübinger Stuhl:

Adolf Gustav Schneck entwarf den Tübinger Stuhl, den die Stuhlfabrik Schäfer herstellte. Foto: MUT / V. Marquardt

Das Sitzmöbel aus deutscher Rotbuche hat kein modernes Design. Es erinnert an Stühle, wie sie in alten Bauernstuben zu finden waren. Robust und praktisch – ganz ohne Schnörkel. Es soll die deutsche Handwerkstradition symbolisieren.
Foto: MUT / V. Marquardt

Prof. Dr. Thomas Thiemeyer:

Es gab dann eben diese Idee des nationalsozialistischen Mustermöbels. Also ein Möbel, das besonders repräsentativ für die Ideologie ist. Und was am nächstmöglichen und in Reinform das darstellt, für was die Nationalsozialisten einstanden.

Studenten sitzen auf Hakenkreuzen

Die Stühle stellte die Tübinger Stuhlfabrik Schäfer bis in die 1950er-Jahre her. Alle Stühle, die während der NS-Zeit produziert wurden, haben auf der Unterseite der Sitzfläche eine Plakette mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift „Muster-Möbel“. Einige Stühle in den Seminarräumen haben heute noch diese Plakette. Denn so einfach kann man die Tische und Stühle nicht entsorgen, sagt Thiemeyer. Sie stehen unter Denkmalschutz:

Alle Stühle, die die Tübinger Stuhlfabrik Schäfer in der NS-Zeit herstellte, erhielten dieses Siegel auf der Unterseite der Sitzfläche. Einen davon gibt es noch im Ludiwg-Uhland-Institut. Foto: MUT / V. Marquardt

Alle Stühle, die in der NS-Zeit produziert wurden, erhielten dieses Siegel auf der Unterseite der Sitzfläche. Einen davon gibt es noch im Ludiwg-Uhland-Institut.
Foto: MUT / V. Marquardt

Prof. Dr. Thomas Thiemeyer:

Das Mobiliar darf nicht verändert werden, ist unten im Seminarraum auch eingepasst. Da gibt’s eine Holzsäule, um die herum wurden diese Tische eingepasst, sodass das einfach alter Bestand noch ist, der seit den Anfängen des Instituts da ist und heute zu unserem Erbe gehört.

Verfassungsfeindliche Symbolik trifft auf Denkmalschutz. Solange man das transparent macht, kann das Überbleiben der Hakenkreuze Teil der Vergangenheitsbewältigung sein. Besonders im Fall des Festsaals bleibt die Klarheit aber aus. So ist der Festgast doch eher erstaunt, wenn sein Blick von der Bühne über die Orgel zur Decke schweift.


  • Seidl_FotoProf. Dr. Ernst Seidl studierte Kunstgeschichte, Romanistik und Volkskunde an den Universitäten Regensburg, Hamburg und Frankfurt/Main. Seit 2008 ist er Direktor des Museums der Universität Tübingen (MUT). 2004 habilitierte er und ist seit 2016 Lehrstuhlinhaber am Institut für Kunstgeschichte. 2015 hatte das MUT unter seiner Leitung eine Ausstellung mit dem Titel “Forschung, Lehre Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus”.

  • Thiemeyer_FotoProf. Dr. Thomas Thiemeyer studierte Neuere/Neueste Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Politikwissenschaft in Bamberg. Ab 2011 lehrte er als Juniorprofessor, 2016 als Professor am Ludwig-Uhland-Institut Tübingen berufen. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Archiv- und Sammlungsforschung sowie Erinnerungskultur.

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Über

Nico Schäffauer

... studiert seit 2016 Geschichtswissenschaft und Empirische Kulturwissenschaft. Wenn er gerade nicht im Aufnahmestudio sitzt, schwätzt er lieber Schwäbisch und wird sogar von allen cantaloup-Mitarbeitern verstanden ... meistens :D

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