Reden ist Silber, Überzeugen ist Gold

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Das Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik wird dieses Jahr 50. Aber womit genau setzen sich die Tübinger Rhetoriker auseinander?

Manipulation, Populismus und Alternative Fakten – Begriffe, die mittlerweile zum Sprachgebrauch gehören. Auch das gehört zum Forschungsgebiet der Tübinger Rhetorik. Sie beschäftigt sich mit der Kommunikation und setzt dabei ihren Schwerpunkt auf Überzeugung.

Walter Jens beantragte im Jahr 1967 die Gründung eines Instituts für Allgemeine Rhetorik. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. 50 Jahre, in denen das Institut Fortschritte gemacht und an Bekanntheit gewonnen hat. In der Form ist es europaweit das Einzige. Aber was genau machen die Tübinger Rhetoriker eigentlich? Dazu Prof. Joachim Knape, seit 1991 Leiter des Seminars:

„Rhetorik ist praktisch gesehen erfolgsorientierte Kommunikation und die Theorie bezieht sich auf diese entsprechenden Arbeits- und Tätigkeitsfelder und theoretisch konzentriert sich das dann im Begriff der Überzeugung.“ 

„Das ist doch das, was man nur in Tübingen studieren kann?“

Außerhalb Deutschlands ist die Rhetorik ein Fach, das sich sogar in Lehrplänen an Schulen wiederfindet und gestärkt wird, so zum Beispiel in den USA. Innerhalb der Landesgrenzen besitzt die Eberhard Karls Universität das einzige Seminar, das den Exotenstudiengang Rhetorik in dieser Form lehrt und fördert.

„Die Alleinstellung der Rhetorik in Tübingen hat zwei Seiten: Einerseits ist es natürlich sehr exklusiv und man kann damit auch sehr konzentriert dann im Grunde genommen so eine Fragestellung bearbeiten an einem Ort. Andererseits wäre es natürlich schön, wenn man in Deutschland das auch woanders studieren könnte. Aber da gibt es natürlich eine Konkurrenz, was Kommunikationswissenschaften und Medienwissenschaft angeht, die im Grunde genommen diese Bereiche besetzen; natürlich mit anderen Fragestellungen. Und insofern wäre es gut, wenn unsere Rhetorikfrage, wie überzeugende Kommunikation stattfindet, auch noch an anderen Standorten so umfassend gelehrt und erforscht würde.“ 

Knape distanziert sich auch vom gängigen Vorurteil, Rhetoriker könnten lediglich Phrasen dreschen, nachdem er selbst das Beispiel Trump aufgriff:

„Das entspricht doch wirklich allen negativen Vorurteilen, die es so gibt und davon grenzen wir uns natürlich ab. Denn in einer Welt, in der man sich was zu sagen hat, muss man auch andere Leute überzeugen können von guten Dingen in der Welt und von dem, was man für wichtig hält und das muss halt seriös betrieben werden und das ist Rhetorik und daher grenzen wir Rhetorik immer streng von Manipulation, Demagogie und Trumpismus ab.“

Aus dem Regal eines Rhetorikstudenten

Das Regal eines Rhetorikstudenten

Theorie & Praxis

Der entscheidende Unterschied zwischen dem Studiengang und Kursen an Rednerschulen ist die Arbeit mit der über zweitausend Jahre alten Theorie und Geschichte der Rhetorik. Daraus können wir nämlich heute noch lernen, sagt Knape:

„Schon in der Antike bei den Griechen gab es ja Redenschreiber, die nicht gut reden konnten und deswegen nur Reden geschrieben haben. Und so gibt es natürlich auch Forscher, die jetzt nicht als die großen Redner unterwegs sind und eher im stillen Kämmerlein vor sich hin forschen und das ist auch in Ordnung.”

Muss dann jemand, der sich fast ausschließlich der Rhetorikforschung widmet, auch ein guter Redner sein?

„Wenn Sie jetzt die Frage zuspitzen, ob ein Rhetorikprofessor auch reden können muss, dann würde ich sagen: Ja. Also sonst sollte er lieber seinen Job aufgeben.“

 „Was macht man dann später damit?“

Flyer der Infoveranstaltung "Yes You Can" - eine Veranstaltung des rhetorikforums rund um Berufsperspektiven Rhetorikstudierender

Flyer zu “Yes You Can” – eine Veranstaltung des rhetorikforums rund um Berufsperspektiven Rhetorikstudierender

Wie die Jobchancen durch Rhetorik stehen, überlegen auch die Tübinger Rhetorikstudierenden von Anfang an. Jonathan zum Beispiel weiß, warum er Germanistik für Rhetorik aufgegeben hat:

„Germanistik hat mir schon immer sehr viel Spaß gemacht, aber wenn ich an meine Jobchancen gedacht hab ist mir immer so ein bisschen die Pumpe gegangen. Mit Rhetorik schätze ich das tatsächlich ein bisschen besser ein, weil das zumindest sprechpraktischer orientiert ist und ich auch tatsächlich mal in die Richtung gehen möchte, Leuten Seminare zu geben, wie man präsentiert, wie man spricht und da wirkt das auch sicher sehr gut.“

Und auch Studentin Meike macht sich bereits Gedanken zu den Jobchancen:

„Vor dem Studium habe ich mir gedacht, dass Rhetorik ganz gut zu meinem Hauptfach Medien-wissenschaften passt und ich habe mich schon immer für die deutsche Sprache interessiert und auch für Geschichte. Und das vereint Rhetorik von den Themenbereichen relativ gut. Jetzt während des Studiums habe ich bemerkt, dass Teilaspekte mich nicht so sehr interessieren, aber ich glaube eben immer noch, dass ich durch Rhetorik relativ gute Chancen habe einen Beruf zu finden.“

Die Berufsbilder der Rhetorikstudierenden sind tatsächlich breit gefächert. Einige werden Rhetoriktrainer oder arbeiten später als Redakteure. Andere wiederum finden den Weg in die PR-Arbeit. Auch die Tätigkeit als Redenschreiber liegt nicht fern. Obwohl es auf der Antike beruht, bietet das Fach Rhetorik also einiges für die Zukunft.

  • Joachim-KnapeJoachim Knape studierte ab 1970 Germanistik, Politikwissenschaft, Philosophie und katholische Theologie in Göttingen, Regensburg und Bamberg. Seit 1991 ist er Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen und Geschäftsführer des Seminars für Allgemeine Rhetorik, sowie erster Vorsitzender des “rhetorikforum”s. Seine Forschung dreht sich um die Rhetoriktheorie, die deutsche Rhetorikgeschichte, die Geschichte der älteren deutschen Sprache und Literatur, den Renaissance-Humanismus und die Ästhetiktheorie.
  • Foto:

    Foto: Julia Wohlgut

    Jonathan Löffelbein studierte in Freiburg Germanistik und wechselte für den Master an die Eberhard Karls Universität um Allgemeine Rhetorik zu studieren. Neben seinem Studium macht er als Poetry Slammer die Bühnen Deutschlands unsicher. Er arbeitet darauf hin später als Rhetoriktrainer tätig zu werden.

  • IMG_3795Meike studiert im zweiten Bachelorsemester Medienwissenschaften und Rhetorik. Über ihren beruflichen Weg ist sie sich noch nicht absolut sicher, zieht aber in Erwägung später in der PR- und Kommunikationsbranche zu arbeiten.

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Über

Rebecca Schau

...studiert seit Oktober 2016 Allgemeine Rhetorik und Medienwissenschaften. Sie ist seit Mai 2017 bei cantaloup.fm, steckt ihre Nase gerne in Organisationsangelegenheiten und mischt im Social Media Bereich mit.

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