Vom Ende der Sterblichkeit

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Kalendersprüche sagen uns, dass wir im Jetzt leben sollen. An gestern zu denken, das ist verpönt. Ist das nicht ein Jammer? Ein Essay.

„Gestern liebt ich / Heute leid ich / Morgen sterb ich: / Dennoch denk ich / Heut und morgen / Gern an gestern“

Lessings „Lied aus dem Spanischen“ ist etwa 340 Jahre alt, und immer noch ist es für jeden nachvollziehbar. Die Begriffe gestern, heute und morgen sind schon immer stark besetzt: Gestern ist verloren. Morgen wartet der Tod. Was machen wir also heute mit unserem Leben?

Übermut Unsterblichkeit

Das Wissen um Vergänglichkeit spiegelt sich in unserer Literatur wider, solange es sie gibt: Das Epos von Gilgamesch ist fast viertausend Jahre alt. Es spielt sich in Uruk ab, einer Hochkultur im Mesopotamien des Altertums. In Keilschrift geschrieben, ist es eine der ältesten verschriftlichten Erzählungen der Menschen. Und es handelt genau von der Frage: Was machen wir mit unserem Leben? Der Tyrann Gilgamesch versucht das ewige Leben zu erlangen, indem er unsterbliche Wesen im Paradies befragt. Die Unsterblichkeit erlangt er nicht. Nach einer langen Reise erkennt er aber, dass er ein guter Herrscher werden muss, um sich einen unsterblichen Namen zu machen.

Das Gilgamesch-Epos übt auch starke Kritik am Menschen: Der vermeintlich zivilisierte Mensch verliert in der Geschichte den Anschluss zur Umwelt, zerstört sie im Übermut, macht mehr, als die Götter erlauben. Man muss nicht an Sintfluten und sonstige Götterstrafen glauben, um sich zu fragen, wo der Mensch Halt macht. Ist er nicht das Tier, das sich aufgerichtet hat, um ewig zu wandern – auf der Suche nach immer mehr?

Fundstück aus der Uruk-III-Zeit/ Foto: Museum der Universität Tübingen MUT / Valentin Marquardt

Fundstück aus der Uruk-III-Zeit/ Foto: Museum der Universität Tübingen MUT / Valentin Marquardt

Der Mensch ist klein

Wie sich der Mensch nach und nach entwickelt hat, das wird in Tübingen anschaulich. In der Ausstellung des Unimuseums („Ursprünge“) kann man sich in Demut üben: Vor einem Meteoritenfragment, das etwa 4,5 Milliarden Jahre alt ist, wirkt unser Tun so lächerlich klein. In die Vergangenheit zu schauen heißt auch, sich das klarzumachen. Nur etwa 40.000 Jahre alt sind die ältesten menschlichen Artefakte, wie die Wildpferdfigur aus Elfenbein oder die Knochenflöte, die in Tübingen zu sehen sind.

So klingt das älteste gefundene Musikinstrument der Menschen
Hörprobe der Vogelknochenflöte “Seeberger’s Lied” von Anna Friederike Potengowski aus dem neuen Album “Edge of Time” (Delphian Records)

Foto: MUT

Foto: MUT

So sieht 40.000 Jahre alte Kunst aus (3D)
Das Vogelherdpferd aus Mammutelfenbein ist ca. 40.000 Jahre alt. Foto: MUT/ Liptak

Das Vogelherdpferd aus Mammutelfenbein ist ca. 40.000 Jahre alt. Foto: MUT/ Liptak

Die Menschheitsgeschichte ist ein Schatz voller Medaillen – die ja bekanntlich immer zwei Seiten haben: Wir erfinden den Ackerbau, und plündern unsere Erde. Die Globalisierung ermöglicht den Austausch aller Völker der Welt miteinander, und ist doch blutig vorangebracht. Mit der Digitalisierung sprengen wir die Grenzen des Physischen, und schaffen gleichzeitig neue Ausmaße des Krieges. Und Despoten können Demokratie ausnutzen, unseren schönsten Entwurf des Zusammenlebens. Ein Blick zurück zu unseren Ursprüngen kann dabei helfen, unseren Kompass immer wieder zu kalibrieren, um nicht zu weit zu gehen.

Der Mensch ist des Menschen Wolf. Foto: MUT

Der Mensch ist des Menschen Wolf. Foto: MUT

Der Name bleibt

Gerade im Politischen zeigt sich, wie wichtig Historiker für heutige Entscheidungen sind. Eben weil sie etwa die Vergangenheit eines Landes kennen, sind ihre Analysen und Einschätzungen von Wert. Weil sie die Vergangenheit eines anderen Landes kennen, könnten sie Parallelen ziehen und rechtzeitig warnen, wenn die Demokratie durch immer gleiche Manöver langsam ausgehebelt wird.

Hilft bei allen Entscheidungen nicht überhaupt die Frage: Wie soll man sich an uns erinnern? Denn dass man in guter Erinnerung bleibt, ist uns Menschen doch auch ein Trost: Wenn gestern verloren ist, morgen der Tod wartet und heute die Zeit knapp wird. Einige babylonische Bauwerke bestanden komplett aus Ziegeln mit dem Stempel des Herrschers. Ein solcher Ziegel liegt im Unimuseum. Der Name bleibt also. Zumindest ein Weilchen von ein paar Jahrtausenden.

Dieser Meteorit ist 4,5 Milliarden alt. Was ist der Mensch dagegen? Foto: MUT

Dieser Meteorit ist 4,5 Milliarden alt. Was ist der Mensch dagegen?
Foto: MUT

Glück ist ein Bestseller

Unsere Gegenwart ist davon geprägt, dass gestern, heute und morgen anders bewertet werden, als es längste Zeit der Fall gewesen ist. Für die einen ist Zukunft das höchste Gut: Im Silicon Valley und jedem anderen Ort des Wettbewerbs kann es gar nicht schnell genug gehen mit dem Fortschritt. Für Individuen ist häufig das Jetzt am wichtigsten: Kalendersprüche, Ratgeberbücher, spirituelle Seminare: Die Wertschätzung der Gegenwart verkauft sich gut. „Glück“ ist ein Bestseller. Und gegenwärtig das oberste Ziel von Millionen Menschen. Allzu oft wird auf dem angeblichen Weg zum Glück gepredigt: Bloß nicht an gestern denken! Mach, was dich glücklich macht! YOLO! Dabei sollte man sich nicht davor scheuen, einen Blick zurück zu werfen.

Die Vergangenheit ist alles, was wir haben. Selbst die schmerzhafte, selbst das Verlorene. Wer nie zurückschaut, wird immer die gleichen Fehler machen. Und warum nicht ein wenig schweben im Nebel der Erinnerung?

Mach was draus, sagt die Menschheit

Und wenn der Tod morgen gar nicht kommt? Das ist Zukunftsmusik, aber an den Partituren schreibt man bereits fleißig. Unsere Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahrhunderten verdreifacht, und Technologie-Giganten wie Google steigen in die Biotechnologie ein, um das noch viel weiter zu führen. Die Frage ist vielleicht eher, ob wir ein ewiges Leben überhaupt wollen. Dann wäre die Frage, was wir vor unserem Tod erreichen wollen, die vielleicht wichtigste Frage des Menschen überhaupt, einfach hinfällig. Am vielleicht schönsten hinterfragt das ein Liebeslied von Jason Isbell, “If we were vampires”:

If we were vampires and death was a joke/ We’d go out on the sidewalk and smoke/ And laugh at all the lovers and their plans/ I wouldn’t feel the need to hold your hand/ Maybe time running out is a gift

Wenn der Tod auf morgen wartet, dann ist es wichtig, heute etwas Sinnvolles zu tun. Die Treppe zur Zukunft weiterbauen, aber in guter Erinnerung bleiben. Und, natürlich: Gern an gestern denken.

  • Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft von cantaloup.fm und dem Museum der Universität Tübingen (MUT) zur Jahresausstellung 2017. Die Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des MUT, Ursprünge – Schritte der Menschheit, ist vom 20. Mai bis zum 3. Dezember 2017 geöffnet. Ursprünge möchte anhand von “Epochemarkern” die Entwicklung der Menschheit nachvollziehen. Die Themen der Ausstellung reichen von der Entstehung des aufrechten Gangs und den Ursprüngen von Kunst, Religion, Musik und Schrift bis hin zur Globalisierung.
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Über

Oliver Schaub

... studiert Allgemeine Rhetorik und Politikwissenschaft. Namensgeber von cantaloup.fm mit hoher Stirn und tiefer Stimme. Seit Oktober 2014 beim Uniradio; von Mai bis Dezember 2016 studentische Hilfskraft mit Schwerpunkt "Text".

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