Verteufeln die Medien den Islam?

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Bei einer Podiumsdiskussion in Tübingen diskutierten die Teilnehmer, wie Medien den Blick auf den Islam prägen.Seit 2001 ist der Islam ein dauerhaft präsentes Thema in den deutschen Medien. Wie gehen sie mit dem sensiblen Thema um, und was sollte sich im Umgang ändern? In Tübingen fand dazu eine Podiumsdiskussion  statt, unter dem Motto: „Die stille Dämonisierung des Islams“:

Zwischen Islam und Medien gibt es ein gespanntes Verhältnis. Spätestens seit 9/11 wirft das Fragen auf:

Wie entstehen die Bilder, die mit dem Islam verknüpft werden, in unseren Köpfen? Wie viel Schuld tragen Medien bei der Entstehung von Vorurteilen? Welche Rolle spielt die Gesellschaft?

Dr. Wagner hält einen einführenden Vortrag / Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Dr. Wagner hält einen einführenden Vortrag / Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Diese Fragen haben sich auch die zwei Hochschulgruppen gestellt: you-manity und die Muslimische Hochschulgruppe Tübingen. Im Juli veranstalteten sie eine Podiumsdiskussion unter dem Titel :„Die stille Dämonisierung des Islams“. Zentrale Frage: Wie wird der Islam in den Medien thematisiert? Im Weltethos Institut Tübingen diskutierten:  Dr. Constantin Wagner, Mitarbeiter am Institut für Medienverantwortung, der Journalist der Islamischen Zeitung Tarek Baé, die Bildungsreferentin Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank sowie der Politikwissenschaftler Professor Thomas Diez.

Die mediale Aufmerksamkeit, die dem Islam zuteil wird, wirkt sich meist negativ auf ihn aus, erklärt Constantin Wagner:

 „Wenn man sich mit dem Islambild beschäftigt, und das haben eine Vielzahl von Studien festgestellt, dann sieht man, dass negativ stereotypisierende Berichterstattung kein Randphänomen, sondern ein Massenphänomen ist, was auch über politische Differenzen, also link-rechts-Schema von Zeitungen, hinweg besteht. Und Muslime werden darin häufig als homogene Gruppe dargestellt, die tendenziell bedrohlich und gleichzeitig rückständig ist.”

Dr. Constantin Wagner

Dr. Constantin Wagner hat Soziologie und Sozialpsychologie in Frankfurt am Main und Genf studiert. Außerdem legte er ein Zweitstudium in Religionswissenschaft / Ethnologie / Politikwissenschaft in Frankfurt ab. Er war bereits wissenschaftlicher Mitarbeiter in Braunschweig und St. Gallen, wo er promovierte. Seit 2008 ist freier Mitarbeiter am Institut für Medienverantwortung.

Konsequenz dieser negativen Stereotypisierung ist eine antimuslimische Einstellung, die sich nicht nur bei Rechtspopulisten äußert, sondern auch in Großteilen der Gesellschaft. Auch tätliche Angriffe auf Moscheen etwa durch Brandanschläge zählt Dr. Wagner zu den Folgen.

Er weist darauf hin, wie Bilder die Wahrnehmung beeinflussen. Zeitschriftencover, die Moscheekuppeln und Muslime abbilden, suggerieren häufig deren Gefährlichkeit.

In Schulbüchern sehen wir Frauen mit Kopftüchern, wenn es um Integration, aber nicht, wenn es um Politik geht.

Saba-Nur Cheema spricht von einer Rassifizierung des Islams. Die kann dazu führen, dass muslimische Jugendliche erst recht auf Konfrontation gehen: Wenn nämlich das Muslim-Sein Hauptmerkmal ihrer Identität wird, das sie verteidigen wollen. Saba-Nur Cheema setzt sich in ihrer Arbeit mit diesen Jugendlichen auseinander: Sie sieht es als Problem, wenn junge Muslime ihren Lehrerinnen nicht die Hand schütteln – aber nicht als religiöses:

Warum das aber gemacht wird, das wäre eigentlich viel spannender. Was sind die Motivationen hinter diesen vermeintlich extremen Handlungen oder Äußerungen? Und die sind meist weniger religiös motiviert, als Provokation, Verstehensangebote, ‚mir geht es nicht gut, ich will Aufmerksamkeit kriegen‘, und so weiter“ 

Dass auch manche erwachsenen Muslime den Handschlag mit Frauen verweigern, kommt nicht zur Sprache. Dennoch zeigt sich, dass manche Problematiken mehrere Ursachen haben können, die schwer zu bestimmen sind. Nicht ganz trennscharf sind auch die Begriffe, die mit dem Islam zusammenhängen, findet Journalist Tarek Baé. Als Beispiel nennt er das Wort „Islamist“:

Der Journalist Tarek Baé diskutiert mit /Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Der Journalist Tarek Baé erklärt die begrifflichen Schwierigkeiten /Muslimische Studierendengruppe Tübingen

„Islamist ist ein sehr undefinierter Begriff. Das ist ein Aspekt. Der ist undefiniert, und da kann man sich jetzt drüber streiten. Das ist einer der Begriffe, den könnte ich benutzen, die sich in der Grauzone bewegen, und wo wir nicht einfach nur sagen können: Das sind jetzt die Medien. Beispielsweise der Verfassungsschutzbericht geht ähnlich absurd mit dem Begriff um. Wie auch die Politik im Allgemeinen.“ 

Medien sind für das gezeichnete Islambild nicht zu verteufeln, da sind sich auch Dr. Wagner und Prof. Dr. Thomas Diez einig. Auch Medienvertreter sind einzelne Journalisten. Sie verfolgen kein gemeinsames, böses Ziel, den Islam schlecht darzustellen. Aber wie entsteht das negative Image, wenn es nicht rein mediengemacht ist? Dazu Thomas Diez:

Prof. Dr. Thomas Diez erklärt, wie Medien funktionieren / Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Prof. Dr. Thomas Diez erklärt, wie Medien funktionieren / Muslimische Studierendengruppe Tübingen

„Medien sind Spiegelbilder und reproduzieren bestimmte Ansichten in der Bevölkerung. Von daher sind sie auch darin einzubetten. Sie haben einen Einfluss darauf, aber sie nehmen natürlich auch Dinge auf, die in der Bevölkerung sind. Einige Sätze, die heute Abend schon gefallen sind, sind Sätze, die vielleicht gar nicht von den Medien stammen, sondern von Politikern, zum Beispiel. Die werden dann von Medien widergegeben. Aber bereits da ist das Problem, was schreibe ich jetzt den Medien zu, und was schreibe ich den Politikern zu? 

Prof. Dr. Thomas Diez

Thomas Diez ist Professor an der Universität Tübingen für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen. Davor er war bereits an Universitäten in Sussex, Birmingham, und München tätig. Er veröffentlichte mehrfach Forschungswerke, anderem zu einem seiner Schwerpunkte: Die Beziehung zwischen europäischer in der internationalen Politik.

Auch Medien haben Regeln, an die sie sich halten müssen. Moderatorin Ayse Tas verweist mehrfach auf den Pressekodex. Der gilt als Richtlinie für Journalisten. Obwohl der Pressekodex geändert wurde, um Minderheiten besser zu schützen, gestaltet sich die Umsetzung oft schwierig. Etwa die Frage, ob die Nationalität oder Religionszugehörigkeit des Täters oder des Opfers nennenswert sind. Letztendlich entscheiden die Journalisten – und legen den Kodex aus. Constantin Wagner erklärt:

Dr. Wagner ergreift das Wort /Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Dr. Wagner ergreift das Wort /Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Grundsätzlich steht da erstmal drinnen: Ich darf die Gruppenzugehörigkeit von einer Person nicht erwähnen, wenn sie nicht relevant ist für den Tatbestand oder für das, was ich berichten darf. Jetzt ist die Frage, wenn jetzt jemand, der als Muslim gelesen werden kann, einen Supermarkt ausraubt, würden Sie wahrscheinlich sagen und ich wahrscheinlich sagen: Das hat damit nichts zu tun, es sollte nicht geschrieben werden dürfen: ‚Muslim raubt Supermarkt aus‘. Es gibt aber auch Leute, die sagen, ‚ja, das hat doch was miteinander zu tun‘.

Eine Forderung des Abends: Minderheiten sollten auch die Möglichkeit haben, sich medial selbst darzustellen. Wie sieht das nun im konkreten Fall des Islams und der Muslime aus? Saba Nur-Cheema sieht den Lösungsansatz in der Bildung, denn ohne können viele Muslime gar nicht erst in den Journalismus einsteigen:

Saba-Nur Cheema sieht das Problem in der Bildung / Muslimische Studierendengruppe Tübingen

Saba-Nur Cheema sieht das Problem in der Bildung / Muslimische Studierendengruppe Tübingen

“Es fängt eigentlich in der Schule an, es fängt in der Grundschule an. Wie ist der Umgang (weil wir bei dem Beispiel sind) mit muslimischen Jugendlichen, mit muslimischen Kindern?  Wer hat den Zugang zu höherer Bildung? Wer macht Abitur? Und wer kann letztendlich dann auch an die Hochschule und bestimmte Fächer studieren? Das ist ohnehin empirisch belegt, dass junge Menschen mit einem “anders klingenden Namen” benachteiligt  sind im Bildungssystem und ihnen wird eher empfohlen, nicht auf ein Gymnasium zu gehen.“

Am Ende des Abends sind sich die Gäste einig: Muslime sollten auch selbst Zugang zur Medienwelt haben, um ein differenzierteres Bild zu zeigen.


  • 14-11-12 Logo PNG Transparenz + TextYou-manity ist ein studentisches Netzwerk, dass es in Tübingen, Berlin und Bochum gibt. Der Verein beschäftigt sich mit der globalen Armut und Ungleichheit. Hauptthemen sind aktuell die globale Gesundheit, Entwicklungszusammenarbeit sowie Flucht &Integration. Im Jahr 2011 wurde You-manity von der Universität mit dem Sonderpreis für studentisches Engagement geehrt.

  • mstlogo_PNGDie Hochschulgruppe Muslimische Studierendengruppe Tübingen vereint verschiedenste Muslime und legt Wert darauf, auch Nicht-Muslime willkommen zu heißen. Unter dem Leitsatz „vernetzen, fördern und fordern“ strebt die Gruppe eine Vernetzung der Studenten an und fördert die Organisation von verschiedenen Veranstaltungen, Seminare und Workshop, bei denen sie zur aktiven Teilnahme und zum Denken auffordern möchte.

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Über

Sarah Mohrat

... studiert seit 2016 in Tübingen. Kultur, Bücher und Religion sind ihre großen Leidenschaften, die sie bei Cantaloup tatkräftig mit einbringt.

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