“Aber morgen fang’ ich an!” – Das Problem Prokrastination

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Immer das Gleiche: Trotz aller guten Vorsätze schieben wir unliebsame Pflichten vor uns her, bis uns alles über den Kopf wächst. Aber warum? 

„Okay, los geht’s mit der Hausarbeitenrecherche. Aber halt, da liegt ja noch der Abwasch. Und wie das Zimmer wieder aussieht!“
Das Aufschieben unangenehmer oder aufwändiger Arbeiten kennt wahrscheinlich jeder. Hochmotiviert schreiben wir To-Do-Listen und erstellen Pläne, schließlich rücken Deadlines und Klausuren immer näher. Aber genau im entscheidenden Moment setzt eine Art merkwürdiger Automatismus ein und wir suchen uns mehr oder weniger sinnvolle Ersatz-Tätigkeiten. So mancher putzt dann die Küche blitzblank, um ja nicht an Essay oder Protokoll weiterschreiben zu müssen. Das Problem: die eigentlichen Pflichten verschwinden dadurch nicht. Ebenso wenig wie das schlechte Gewissen.

Tübingens psychotherapeutische Beratungsstellen sind überlaufen mit Studierenden. Häufiger Grund ist das ständige Vertagen wichtiger Aufgaben, auch Prokrastination genannt. Den Fachbegriff für „Aufschieberitis“ gebrauchen wir Studierende oft inflationär, gerne scherzhaft. Manche überbieten sich geradezu mit ihren Geschichten vom „Prokrastinieren“. Dabei ist vielen nicht bewusst, dass der Begriff ursprünglich eine ernsthafte Arbeitsstörung bezeichnet. Psychologen unterscheiden zwischen gelegentlichem Hinauszögern von Tätigkeiten und extremem Aufschiebeverhalten, also Prokrastination. Die kann bei Betroffenen nämlich nicht nur zu Problemen in Job und Studium führen, sondern auch zu großem Leidensdruck. Das erklärt Stefan Balz, Diplompsychologe und Berater beim Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim:

“Also Sie können darauf natürlich auch reagieren mit Stimmungsverschlechterung, bis hin auch zu depressiven Verstimmungen. Es können sich Ängste einstellen, Versagensängste… Wobei die wiederum – für sich genommen – oft auch schon wieder Prokrastinationsgrund sind. Weil wenn Sie irgendwo primär befürchten, mit einer Aufgabe zu scheitern, dann wird es schon wieder schwieriger, sich der Aufgabe letztendlich auch zuzuwenden.”

Für viele ein ernsthaftes Problem

Prokrastination ist in ihren Ausprägungen sehr unterschiedlich. Im schlimmsten Fall geraten Betroffene in einen Teufelskreis, verbunden mit starken psychischen und körperlichen Beschwerden. Laut einer Studie der Uni Münster leiden nur etwa 10% der Befragten an der extremsten Form von Prokrastination. Trotzdem ist es sinnvoll, erste Anzeichen zu erkennen, um das eigene Trödeln gar nicht erst ausarten zu lassen.

“Es gibt so einen Impuls, sich darum nicht zu kümmern, zu sagen “ja, vielleicht ist es heute noch nicht notwendig, das anzufangen, das reicht morgen auch noch”, morgen ist dann aber auch noch nicht der Tag zum Anfangen, sondern dann wird es die nächste Woche… Wenn Sie das so als Muster erkennen können, dann lohnt es sich sicherlich, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen.”

Laut Balz wird Prokrastination dann kritisch, wenn sie zu Leiden führt und Betroffene so beeinträchtigt, dass sie ihre Aufgaben nicht fristgerecht erfüllen können. Oder gar nicht mehr.

Warum haben andere gar keine Probleme, ich aber sehr große?”

notes-514998_960_720Verschiedene Veranlagungen begünstigen das Aufschieben. Zum Beispiel, ob man Probleme hat, eigene Handlungen zu steuern und Prioritäten zu setzen. So haben etwa impulsive Menschen oder Personen mit ADS oder ADHS größere Schwierigkeiten, sich rechtzeitig aufzuraffen.


Je dringlicher die vernachlässigte Aufgabe, desto größer im Anschluss die Selbstvorwürfe: Man hätte früher anfangen sollen, war einfach zu faul.

Faulheit ist aber nicht zwingend das Problem, so Stefan Balz.

Ich würde ausdrücklich davor warnen wollen, das als Phänomen von Faulheit zu betrachten. Prokrastination ist wirklich für viele ein sehr ernsthaftes Problem und in den seltensten Fällen primär Ausdruck von Faulheit. Wir sehen hier ganz oft Studierende, die ungeheuer fleißig sind, auch in anderen Bereichen, und die trotzdem große Schwierigkeiten haben, ihr Arbeiten zu organisieren. Das hat viel damit zu tun, dass eben die Selbstorganisation beim Studieren viel mehr gefragt ist als beispielsweise bei einer Angestelltentätigkeit.

Als Tipp für Aufschieber rät der Psychologe zu einem „zweigleisigen“ Vorgehen: Zum einen ist es wichtig, sich genau über den Grund für das Zögern klar zu werden und daran zu arbeiten. Zum anderen sollte man versuchen, mehr Struktur in die Tätigkeiten zu bringen. Davon abgesehen müssen wir Studenten anfangen, ernsthafter mit dem Thema umzugehen. Das gut gemeinte „So geht’s mir auch“ ersetzt kein gemeinsames Anpacken. Vor allem gilt: sich nicht selbst fertigmachen, sondern sich gegenseitig motivieren. Und jetzt an die Arbeit!

Du vermutest, du bist von Prokrastination betroffen?
Die Uni Münster hat eine eigene Prokrastinationsambulanz. Auf deren Internetseite findest du einen Selbsttest zur Einschätzung. Im Ernstfall solltest du mit einem Facharzt oder Therapeuten sprechen.

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Über

Simone Schulte

...studiert Allgemeine Rhetorik und Japanologie. In ihrer Freizeit ist sie nicht selten hin- und hergerissen zwischen realer und virtueller Welt. Neugierige Chaotin, die seit Mai 2017 bei Cantaloup.fm mitmischt.

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