Raus die Maus

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Ein Team aus Tübinger Forscher*innen hat eine neue Methode zum Beobachten von Zellen bei Labormäusen entwickelt.

Die Studie wurde mit dem Ziel durchgeführt, die Anzahl der Versuchstiere zu reduzieren. Die Mäuse sollen länger leben und weniger leiden.

Mäuse sind die beliebtesten Versuchstiere überhaupt: Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft machten sie 2015 fast 73 Prozent der Versuchstiere in Deutschland aus. Das waren mehr als zwei Millionen Mäuse. Doch die zweifelhafte Spitzenposition könnte bald Geschichte sein: Ein Team des Interfakultären Instituts für Biochemie an der Universität Tübingen hat eine sogenannte Reportermauslinie entwickelt. Durch eine genetische Veränderung der Mäuse kann das Verhalten bestimmter Zelltypen in ihnen beobachtet werden, ohne dass die Mäuse dafür getötet und obduziert werden müssen. Daniel Stehle hat an der Studie mitgearbeitet.

Daniel Stehle
„Der Unterschied, den diese Reportermauslinie gegenüber vorherigen auszeichnet, ist, dass wir dieselben Zellen in derselben Maus über die Zeit darstellen können. Das heißt, ich kann diese Zellen in dieser Maus verfolgen.“

Bestimmte Zellen sichtbar machen

Die Forscher*innen nutzen dabei die Positronen-Emissions-Tomografie, kurz PET. Die macht bestimmte Zellen besser sichtbar. Dafür muss ein sogenannter Tracer in den Körper der Maus gelangen. Der Tracer sammelt sich dann nur in dem vom Forscherteam ausgewählten Zelltyp an – und diese Zellen beginnen zu strahlen.

Daniel Stehle
„Wie der Name schon sagt ist der Tracer radioaktiv, genauer strahlt er Beta-Plus-Strahlung aus, das heißt Positronen. Wenn diese Positronen dann in der Zelle auf Elektronen, die ja Teil der Materie sind, treffen, wird eine starke Strahlung ausgesandt, eine starke Photonenstrahlung, die dann wiederum von Detektoren aufgenommen werden kann.“  

PET wird auch schon beim Menschen eingesetzt, beispielsweise zur Krebsdiagnose. Die radioaktive Strahlung ist laut Medizinern nicht gefährlich. Das Tübinger Verfahren für Mäuse lässt sich aber nicht direkt auf den Menschen übertragen, da uns das sogenannte PET-Reporter-Enzym fehlt, auch Thymidinkinase genannt. Das Enzym, das die Forscher*innen den Versuchsmäusen gentechnisch einsetzen, stammt aus einem Virus.

Weniger Versuchstiere

Dr. Martin Thunemann, ein Erstautor der Studie, schätzt, dass solche neuen Bildgebungsverfahren die Anzahl der Labortiere um ganze 80 Prozent senken könnten. Tierschutzüberlegungen haben beim Entwickeln der Studie eine große Rolle gespielt, erklärt Stehle.

Daniel Stehle
„Mit dieser Reporter-Maus-Linie glauben wir einen Beitrag zu leisten, dadurch, dass wir die gleiche Maus verwenden können für die Verfolgung und man nicht an mehreren Stellen die Maus töten muss, um zum Beispiel Metastasen sichtbar zu machen. Dadurch können Mäuse bei diesen Versuchen eingespart werden.“

Trotzdem bleibt der Ton der Wissenschaftler*innen nüchtern. In absehbarer Zeit wird man nicht völlig auf Versuchstiere in der Forschung verzichten können, sagt Stehle. Und doch könnten die Ergebnisse der Studie schon sehr bald einiges verändern.

Daniel Stehle
„Es gibt schon Arbeitsgruppen, die Interesse gezeigt haben an der Maus und bei deren Projekten diese Maus auch eine Reduzierung der Tierzahl mit sich bringen könnte oder höchstwahrscheinlich bringen wird. Insofern hat die Studie durchaus auch schon unmittelbar eine Auswirkung.“ 

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Über

Leoni Schmidt-Enke

... studiert Rhetorik und Internationale Literaturen. Mit Schirm, Charme und Aufnahmegerät ist sie seit Mai 2017 bei cantaloup.fm dabei.

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