Exhibitionist im Brechtbau: Wir stellen die falschen Fragen

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Sexuelle Belästigung in Form von Exhibitionismus gibt es leider auch an unserer Uni. Wie gehen wir damit am besten um?

Unsere Autorin vermisst ein klares Statement der Universität, das sich ausnahmsweise mal nicht an Opfer, sondern an Täter richtet.

Plötzlich waren sie da: Die gelben Zettel mit der Überschrift „Sexuelle Belästigung!“ hängen im Brechtbau an Türen, auf der Liegewiese und neben dem Aufzug. Dabei ist „plötzlich“ eigentlich das falsche Wort. Denn immer wieder gab es in den letzten Monaten Meldungen über einen Exhibitionisten, der im Brechtbau Frauen belästigt haben soll. Deshalb ist es eher verwunderlich, dass es bisher keine andere offizielle Stellungnahme gibt. Wer den Zettel liest, wird vor sexueller Belästigung gewarnt. Außerdem findet man dort eine Liste an Beratungs- und Kontaktmöglichkeiten.

Warum gibt es kein offizielles Statement der Uni?

Das Brechtbauplenum, ein Zusammenschluss verschiedener Fachschaften der Philosophischen Fakultät, hat den Text verfasst. Im Klartext: Hier warnen also Studierende andere Studierende. Die Uni selbst schweigt bisher zu den Vorfällen.

Bekannt ist, dass es sich wahrscheinlich immer um den gleichen Mann handelte. Die Täterbeschreibung lautet: 30 bis 35 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß, dunkelhäutig. Das Opfer dagegen war jedes Mal ein anderes und deshalb kam es zu verschiedenen Reaktionen. Eine Frau lief beispielsweise weg, eine andere sprach den Täter an, woraufhin er flüchtete. Aber: Beide verständigten die Polizei – ein wichtiger und richtiger Schritt, um den Täter zu fassen.

Recherchiert man zum Thema Exhibitionismus, findet man noch viele andere Tipps, wie sich Opfer einer solchen Belästigung am besten verhalten sollen: Manche Experten raten dazu, den Exhibitionisten komplett zu ignorieren, weiterzugehen und dann die Polizei einzuschalten. Andere dagegen finden es wichtig, dem Täter verbal zu signalisieren, dass das was er tut nicht in Ordnung ist. Und irgendwo heißt es dann, als junge Frau sollte man nachts am besten immer in der Nähe von vertrauenserweckenden Personen bleiben. Aber sind solche Ratschläge wirklich hilfreich und vor allem: Sind sie angebracht?

Nur der Täter trägt die Verantwortung

Das Opfer kann sich in so einer Situation gar nicht „richtig“ verhalten. Er oder sie hat sowieso nichts falsch gemacht. Solche Anweisungen suggerieren: Wenn die Situation weiter eskaliert, hat das Opfer durch seine „falsche“ Reaktion eine Mitschuld. Doch die Schuld liegt auch dann allein beim Täter. Manchen Menschen mag ein solcher Expertenrat eine gewisse Sicherheit geben – und das hat auch seine Berechtigung. Es ist wichtig, zu wissen, wie man sich am besten Hilfe von anderen Passanten holen kann. Eine gute Methode dafür ist, bestimmte Menschen direkt anzusprechen: „Sie da! Mit der grünen Mütze! Helfen Sie mir!“

Es ist allerdings immer noch der Täter, der für sein Verhalten Verantwortung übernehmen muss. Deshalb hat auch der sicher gut gemeinte Zettel des Brechtbauplenums meiner Meinung nach einen fahlen Beigeschmack. Ja, es ist wichtig, ein Problem anzusprechen, über das die offizielle Seite bisher geschwiegen hat und das viele Studierende im Alltag beschäftigt oder sogar direkt betrifft. Es ist auch toll, auf Beratungsangebote aufmerksam zu machen, die den Opfern helfen können. Doch die Botschaft richtet sich leider nur an potenzielle Betroffene und mit keinem Wort an den Täter. Sexuelle Belästigung ist keine Naturgewalt, mit der Frau und Mann eben rechnen müssen, wenn sie sich aus dem Haus trauen. Sie ist die direkte Entscheidung einer Einzelperson – auch dann, wenn diese Person psychische Probleme hat. Deshalb sollte immer wieder klargemacht werden – und zwar von allen möglichen Seiten, besonders aber von der, die bisher schweigt – dass Menschen, die andere sexuell belästigen an der Universität Tübingen nicht willkommen sind.

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Über

Leoni Schmidt-Enke

... studiert Rhetorik und Internationale Literaturen. Mit Schirm, Charme und Aufnahmegerät ist sie seit Mai 2017 bei cantaloup.fm dabei.

2 Kommentare

  1. Recherchiert man zum Thema Verkehrsunfälle auf Zebrastreifen, findet man noch viele andere Tipps, wie sich Schulkinder bei einer solchen Gefahr am besten verhalten sollen: Manche Experten raten dazu, den immer nach links und rechts zu schauen, auch am Zebrastreifen. Andere dagegen finden es wichtig, dass Kinder gut sichtbare Kleidung tragen. Und irgendwo heißt es dann, man solle, wenn ein Auto auf einen zurast, zur Seite springen. Aber sind solche Ratschläge wirklich hilfreich und vor allem: Sind sie angebracht?

    Nur der Fahrer trägt die Verantwortung

    Das Kind kann sich in so einer Situation gar nicht „richtig“ verhalten. Er oder sie hat sowieso nichts falsch gemacht. Solche Anweisungen suggerieren: Wenn es zu einem Unfall kommt, hat das Kind durch seine „falsche“ Reaktion eine Mitschuld. Doch die Schuld liegt auch dann allein beim Fahrer. Manchen Menschen mag ein solcher Expertenrat eine gewisse Sicherheit geben – und das hat auch seine Berechtigung. Es ist wichtig, zu wissen, wie man am sichersten über die Straße gehen kann. Eine gute Methode dafür ist, an Ampeln die Straße zu überqueren.

    Es ist allerdings immer noch der Fahrer, der für sein Verhalten Verantwortung übernehmen muss. Deshalb hat auch der sicher gut gemeinte Expertenrat meiner Meinung nach einen fahlen Beigeschmack. Ja, es ist wichtig, ein Problem anzusprechen, das viele Kinder und Eltern im Alltag beschäftigt oder sogar direkt betrifft. Es ist auch toll, Tipps zu bekommen, die den Opfern helfen können. Doch die Botschaft richtet sich leider nur an potenzielle Betroffene und mit keinem Wort an den Täter. Autofahren ist keine Naturgewalt, mit der Kinder eben rechnen müssen, wenn sie sich aus dem Haus trauen. Sie ist die direkte Entscheidung einer Einzelperson – auch dann, wenn diese Person psychische Probleme hat. Deshalb sollte immer wieder klargemacht werden – und zwar von allen möglichen Seiten, besonders aber von der, die bisher schweigt – dass Menschen, die überfahren an der Universität Tübingen nicht willkommen sind.

    • Leoni Schmidt-Enke
      Leoni Schmidt-Enke um

      An dieser Analogie hinkt so einiges. Sexuelle Belästigung ist kein Unfall. Im Straßenverkehr gibt es Fälle, bei denen beide Seiten eine Schuld trifft, auch wenn eine der Seiten (hier in dieser Analogie der Fußgänger) den größeren Schaden davonträgt. Es gibt natürlich aber auch Fälle, in denen nur der Autofahrer Schuld hat und auch hier finde ich es wichtiger, Fahrschüler*innen einen ordentlichen Umgang mit den Verkehr beizubringen, als Fußgänger*innen (darauf, dass du in deinem Kommentar von Kindern sprichst will ich an dieser Stelle gar nicht eingehen, das dient nur der Dramatisierung und ist darüberhinaus eine wirklich unangebrachte Gleichsetzung von Belästigungsopfern (a.k.a. Frauen) mit Kindern), denn die Autofahrer*innen haben ja ein viel größeres Potenzial, Schaden anzurichten.
      “Und irgendwo heißt es dann, man solle, wenn ein Auto auf einen zurast, zur Seite springen.” Das ist eine komplette Verdrehung meines Satzes, die passende Analogie wäre etwa “Und irgendwo heißt es dann, man solle sein Kind überhaupt nicht mehr allein auf die Straße lassen.” Schließlich geht es um eine starke Einschränkung der Freiheit, wenn man als junge Frau nachts nicht mehr allein unterwegs sein kann. Hier wird es als natürlicher Schutzmechanismus vor einer unmittelbaren Bedrohung dargestellt, was es aber nicht ist und auch nicht sein darf!

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