Rotkäppchen und der gute Wolf

0
Die pensionierte Janina nimmt es mit den Jägern und Wilderern auf. Doch dann scheint sich ihr Problem von alleine zu lösen.

Denn die Jäger sterben einer nach dem anderen. Lohnt sich der polnische Film „Pokot“? Was will uns die polnische Regisseurin Agnieszka Holland mit ihrem Märchen vom guten Wolf und bösen Jäger sagen? Erfahrt es in der Rezension unseres Autors Christopher van der Meyden.

Waidmanns Heil?

*Vogelgezwitscher*

Hach, die Natur. So ruhig und idyllisch. Frische Luft, die Vögel singen. Hier sagen sich noch Hase und Fuchs gute Nacht.

*Gewehrschuss, Motorengeräusch. Reifen auf Kies*

Wenn da nicht diese Menschen wären, mit ihren Waffen und großen Autos.

Diese Stimmung vermittelt der polnische Film Pokot, zu Deutsch: Die Spur. Die Hauptfigur, die pensionierte Janina Duszejko lebt in ihrer Hütte im Wald mit ihren zwei Hunden. Sie geht gerne auf lange Waldspaziergänge, schaut sich den Sonnenaufgang auf der Wiese an. Doch schnell tritt sie in Kontakt mit dem Rest der Menschheit. Vor allem mit dem männlichen Teil. Bürgermeister, Pfarrer, Wachtmeister oder Bordellbetreiber, alle gehen sie gemeinsam auf die Jagd. Schonzeiten? Naturschutz? Interessiert kaum. Nur Janina fällt aus der Reihe, wenn sie zum Beispiel einen Mord an einem Wildschwein in der Schonzeit melden will. Als erst ihre Hunde verschwinden und dann ihr Nachbar, auch ein Wilderer, auf mysteriöse Weise stirbt, hat sie einen verwegenen Gedanken: Die Natur wehrt sich! Nach und nach kommen alle Jäger des Dorfes um. Am Tatort: Reh- und Wildschweinspuren.


Ein Märchen über Wut

Doch darf man sich von der Natur-Thematik des Filmes nicht täuschen lassen. Viel tiefer lässt der Film der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland in die männliche Gesellschaft Polens blicken. Passend zum neofaschistischen Rechtsruck der polnischen Politik zeigt Pokot, wie eine Gesellschaft verroht. Die Welt der Jäger wird zum Sinnbild für übertriebene Männlichkeit, die kaum Platz lässt für Emotionen oder Empathie. Doch dieser Männlichkeitswahn wird zum Gift, an dem die Männer nach und nach sterben. Wer eigentlich der Mörder oder die Mörderin ist, ist in der Erzählung aber zweitrangig. Spätestens wenn Janina im Wolfskostüm auf einer Kostümparty auftaucht, ihren Freund als Rotkäppchen im Schlepptau, wird klar, welche Art Geschichte Agnieszka Hollands eigentlich erzählen will: Dieser Film ist ein Märchen. Ein Märchen über Wut, wie die Regisseurin selbst sagt. Aber die Rollen sind vertauscht. Der Jäger ist nicht der Held, der die Großmutter rettet, er ist der Bösewicht. Der Wolf, oder in diesem Fall die Wölfin, ist die Retterin in diesem Film, denn sie rettet Rotkäppchen und die anderen Protagonisten. So wird der Film zur feministischen Neuinterpretation eines klassischen Märchens. Und es stellt sich die Frage: Ist Rotkäppchen nur eine Propaganda-Geschichte des Jägers? Warum zog die Großmutter denn so tief in den Wald?

Pokot ist ein intelligenter Film. Er zeigt viele Facetten der polnischen Gesellschaft ohne große Gesten. Stattdessen wartet er auf mit fast schon meditativen Aufnahmen der polnischen Landschaft, in die man sich Stück für Stück verliebt bis zum letzten Käfer. Umso mehr fühlt man den Schmerz Janinas, wenn auch nur ein Stück davon zerstört wird.

Melonen Kinorezension

Der Film läuft am Mittwoch, 22.11. zur Eröffunung des 17. Filmfestivals Frauenwelten um 19:30 Uhr, am Samstag, 25.11. um 18:00 Uhr im Kino Waldhorn in Rottenburg und nochmal am Mittwoch 27.11. um 20:30 Uhr. Tickets kosten 8,50€ und ermäßigt 7€.

Teilen.

Über

Christopher Van der Meyden

...studiert seit 2012 Geschichte und Philosophie und arbeitet seit Sommer 2014 bei cantaloup.fm.

Hinterlasse einen Kommentar