Studium Generale: Verschwörungstheorien

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Jeder Dritte glaubte 2016 in Deutschland an Verschwörungstheorien. Das ermittelte die Leipziger „Mitte-Studie“.

Vor 100 Jahren waren sie alltäglich, vor 50 Jahren stigmatisiert und heute gewinnen sie wieder an Glaubwürdigkeit. Professor Michael Butter präsentiert seine Forschung zu Verschwörungstheorien am Donnerstag in der Studium Generale-Reihe „The Times They Are A-Changin’ – Aktuelle Zeitdiagnosen“.

Die Mondlandung wurde eigentlich im Studio gefilmt. Kondensstreifen am Himmel sind giftige Chemikalien. Und der elfte September? Das war doch die US-Regierung, oder? Verschwörungstheorien hat jeder schon mal gehört und jede*r dritte Deutsche glaubt an die ein oder andere. Michael Butter, Professor der Amerikanistik an der Universität Tübingen erforscht dieses Phänomen.

Michael Butter:

„Es ist so, dass Verschwörungstheorien lange Zeit ein völlig normales Wissen waren. Das heißt, das war fest im Mainstream etabliert. Und erst in den westlichen Ländern, nach dem Zweiten Weltkrieg, werden Verschwörungstheorien delegitimiert. Es hat auf jeden Fall zu tun mit der Erfahrung des Holocaust, weil ja das nationalsozialistische Regime zum Großteil auch auf einer Verschwörungstheorie basierte von der jüdischen Weltverschwörung.“ 

„Verschwörungstheorien waren lange Zeit völlig normales Wissen“

Diese Entwicklung der Delegitimierung kehrt sich laut Butter seit ein paar Jahren um, Verschwörungstheorien sind wieder präsenter. Das Internet hat diesen Schritt begünstigt: Dort können sich Gleichgesinnte leicht finden und Teilöffentlichkeiten bilden, in denen die Wahrheit ganz anders dargestellt wird als in den traditionellen Medien, wie Butter erklärt:

Michael Butter:

„Das ist vielleicht das eigentliche Problem. Ich glaube nicht, dass Verschwörungstheorien das eigentliche Problem sind, sondern dass diese Fragmentierung von Gesellschaft das ist, was wirklich eine Herausforderung ist, grade für demokratische Gesellschaften.“ 

Verschiedene Realitäten existieren nebeneinander

In den neueren populistischen Bewegungen wie Pegida, AfD oder dem Front National seien Verschwörungstheorien besonders verbreitet, erklärt Butter. Hier passt seiner Meinung nach das Wort „Verschwörungsgerücht“ besser. Die Populisten würden einfach mit Anschuldigungen um sich werfen, zwar ohne Beweise, dafür aber mit einer Strategie, wie Butter erklärt:

Michael Butter:

„Gerade für diejenigen, die vielleicht Verschwörungstheorien auch populistisch instrumentalisieren, so wie Trump das macht – ich glaube er benutzt das wirklich sehr strategisch – da ist es manchmal geschickter, gar nicht so viele Beweise zu liefern. Denn so eine vage Anschuldigung, mit der können sich vielleicht mehr Leute anfreunden als mit den spezifischen Beweisen und außerdem lässt sich so eine vage Anschuldigung auch immer leichter abstreiten, da kann man dann sagen ‚Da bin ich falsch verstanden worden, das hab‘ ich gar nicht gemeint.‘“

Populisten nutzen Verschwörungstheorien für sich

Sich durch Verschwörungstheorien die Welt zu erklären gibt Menschen das Gefühl, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, denn der Einfluss auf das eigene Schicksal ist begrenzt. Für viele Menschen sei es leichter, an Komplotte zu glauben, statt das zu akzeptieren, meint Butter. Verschwörungstheorien scheinen eine ganz einfache Lösung zu bieten: Die Verschwörer, die angeblich heimlich im Hinterzimmer Böses planen, müssten weg, damit die Welt wieder in Ordnung sei.

Michael Butter:

„Man kann mit dem Finger auf Leute zeigen und sagen ‚Die sind daran schuld‘ und das führt dann dazu, dass Verschwörungstheorien bei allem Pessimismus letztendlich auch einigermaßen optimistisch sind. Denn wenn wir sagen, das sind große strukturelle Verschiebungen, für die niemand letztendlich verantwortlich sind, sind das ja auch Prozesse, die sich nicht umkehren lassen. Wenn man sagt, da stecken diese Verschwörer dahinter, dann kann man diese Verschwörer zumindest potenziell besiegen.“ 

Diese Vereinfachung passt gut in die Denkweisen und Strategien von Populisten. Verschwörungstheorien, die von Populisten genutzt werden, könnten in naher Zukunft noch eine große Rolle spielen.

  • Michael Butter

    Michael Butter

    Michael Butter ist seit 2014 Professor der Amerikanistik an der Universität Tübingen. Er lehrte vorher bereits in Bonn, Wuppertal und Freiburg. Seit 2008 beschäftigt Butter sich mit Verschwörungstheorien, aktuell in einem europaweiten Projekt an dem 120 Wissenschaftler*innen aus 36 Ländern teilnehmen

  • Im Wintersemester 2014/ 15 bot das Studium Generale selbst Anlass für Kritik: In der kontroversen Reihe “Clash of Civilizations” sprach unter anderem Daniele Ganser über 9/ 11, gefilmt von Ken Jebsen von KenFM. Beide Personen werden häufig als Verschwörungstheoretiker bezeichnet beziehungsweise beschuldigt, entsprechende Theorien zu verbreiten.

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Über

Leoni Schmidt-Enke

... studiert Rhetorik und Internationale Literaturen. Mit Schirm, Charme und Aufnahmegerät ist sie seit Mai 2017 bei cantaloup.fm dabei.

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