Studium Generale: Vom Islam lernen

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Kaum ein Thema wird in Deutschland so kontrovers diskutiert wie der Islam. Die gesellschaftliche Debatte ist aufgeladen mit Emotionen und Vorurteilen.

Woran es der Debatte fehlt: Fakten und theologisches Wissen. Für die Studium-Generale-Reihe „Von den Weltreligionen lernen“ spricht Professor Muez Khalfaoui am Donnerstag um 20 c.t. im Kupferbau über Sozialethik im Islam.

Soziale Verantwortung: Die islamische Sozialethik im europäischen Kontext.

Der Islam ist die zweitgrößte Weltreligion. Seine Ideen prägen seit Jahrhunderten ganze Gesellschaften und damit die Welt. Doch spätestens seit dem elften September 2001 beziehen sich Debatten über den Islam hauptsächlich auf Extremismus. Dabei wird vieles, was den Islam ausmacht, unter den Tisch gekehrt. Professor Mouez Khalfaoui ist Studiendekan am Zentrum für islamische Theologie Tübingen. Er wünscht sich eine akademische Debatte über die Situation von Muslimen in Europa.

Professor Muez Khalfaoui:
Muslime haben einen Anteil an dieser Schuld, dass sie von sich aus oft nicht so viel machen, dass sie eine bessere Präsenz in der Gesellschaft schaffen. Die andere Seite, die Mehrheitsgesellschaft hat wenig Wissen über den Islam und Muslime. Das bemerken wir oft. Und man reduziert den Islam und die Muslime auf die Scharia zum Beispiel oder man hat bestimmte Klischees und Vorwürfe gegen Ausländer, die eigentlich nicht zutreffend sind. Die Situation ist weiterhin problematisch und braucht einen akademischen Ansatz.”

Eine akademische Diskussion über die Rolle von Islam und Muslimen in Europa ist wichtig. Aber ist ein Hörsaal der richtige Ort dafür? Gibt es an der Uni nicht sowieso schon ein besseres Islamverständnis als in der Gesamtgesellschaft?

Professor Muez Khalfaoui:
Selbst dort, wo man denkt, dass das Islamverständnis besser ist, muss man weiter daran arbeiten. Akademiker haben eine Rolle, die Ansätze zu verstehen und zu einem besseren Zusammenhalt und einem besseren Verständnis beizutragen. Das ist der Beitrag im Studium Generale. Sowohl Akademiker sind dabei vertreten, Studierende und auch die Laien aus der Gesellschaft, mitten der Gesellschaft, sind dort vorhanden. Der Ansatz muss nicht sehr akademisch sein. Man greift die Themen aus der Wirklichkeit auf und reflektiert und diskutiert.”

Professor Mouez Khalfaoui möchte zeigen: Der Islam fordert von Muslimen, sich gut zu verhalten. Das ist ein Prinzip, das man übrigens in allen Kulturen findet, so Khalfaoui. Muslime seien hier und überall verpflichtet, sich für Werte wie Demokratie, Glaubensfreiheit und Menschenrechte einzusetzen. Leider wird der Islam häufig politisch instrumentalisiert. In keinem mehrheitlich muslimischen Land werden all die genannten Werte von staatlicher Seite aus umgesetzt.

Professor Muez Khalfaoui:
Deshalb greifen wir auf kein Modell aus dem muslimischen Kontext zurück, sondern greifen auf die Lehre zurück. Es gab vor ein paar Jahren eine Studie, in der die Werte des Islam zusammengefasst wurden und gefragt: „Wo sind diese Werte vertreten?“ Und dann war Schweden der Staat, wo diese Werte, islamische Werte, vorhanden sind. Nicht Saudi-Arabien oder Tunesien. Diese Werte, wie Freiheit, Glaubwürdigkeit, Vertrauen sind nicht kontextgebunden. Die Prinzipien sind da, aber es steht nicht im Koran, dass die Gleichberechtigung vorhanden ist, man kann das interpretieren.”

Professor Mouez Khalfaouis Aufgabe als Theologe ist es, den Koran zu kennen und in einem Kontext zu interpretieren. Er muss darauf aufmerksam machen, dass der Koran zu einer anderen Zeit entstanden ist. Aber richtig interpretiert, kann er nach wie vor aktuell sein.

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    Mouez Khalfaoui

    Mouez Khalfaoui ist seit 2013 Studiendekan am Zentrum für Islamische Theologie der Uni Tübingen. Der gebürtige Tunesier arbeitete parallel zu seiner wissenschaftlichen Karriere als Journalist, Lehrer und Diplomat. Er forschte und lehrte in Tunesien, Indien, England, Deutschland und den USA. Am Zentrum für Islamische Theologie Tübingen leitet Mouez Khalfaoui den Lehrstuhl „Islamisches Recht.“

Ein Beitrag von Johannes Kolb.

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Studentisches Ausbildungsmedium für crossmedialen Journalismus an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

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