Unser Adventskalender – 9. Türchen

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Der cantaloup.fm-Adventskalender ist online! Um euch die Wartezeit auf Weihnachten ein wenig zu versüßen, haben wir für euch genau 24 Überraschungen vorbereitet.

Was wäre das Warten auf Weihnachten ohne eine Weihnachtsgeschichte gehört zu haben?
Da DIE Weihnachtsgeschichte wahrscheinlich schon jeder kennt, haben wir uns heute eine kleine Weihnachtsgeschichte für euch ausgedacht.
Also lehnt euch entspannt zurück und hört mal rein!

Das verschollene Plätzchen

Draußen ist es noch dunkel. In völliger Ruhe fallen große Schneeflocken sanft vom Himmel herab und legen sich in einer glitzernden weißen Decke auf die noch menschenleere Straße. Es ist 06:47 Uhr, der Opa steht gerade in seinem dicken Morgenmantel hinter den Mülltonnen im Garten und genießt heimlich seine erste morgendliche Zigarette zu einem Tässchen schwarzen Kaffee. Die kleine Schwester sucht noch ganz schlaftrunken, aber mit großer Vorfreude das 9. Türchen ihres Adventskalenders. Die große Schwester ist gerade aus der dampfenden Dusche gestiegen und beginnt sich mit dem Handtuch einen Turban um das nasse Haar zu wickeln. Der kleine Bruder schläft noch tief und fest und der Vater steht vor dem Spiegel im Elternschlafzimmer und versucht den untersten Knopf seines etwas zu eng sitzenden Hemdes zu schließen. Nur aus dem Zimmer des großen Bruders ist kein Mucks zu vernehmen. Es ist exakt 06:48, als plötzlich ein lautes Geschrei den kleinen Bruder aus dem tiefen Schlaf aufschrecken und die restlichen Familienmitglieder in der Bewegung erstarren lässt: „Ich glaub ich spinne!!! Alle Mann in die Küche, aber sofort!!!.“ Die Mutter. Jedem Einzelnen jagt ein kleiner Schauer über den Rücken. Nach einem kurzen Moment der Besinnung machen sich alle hektisch auf den Weg in die Küche. Denn jeder weiß: In der Vorweihnachtszeit ist die Mutter besonders gestresst und überaus reizbar. Da möchte es sich lieber niemand mit ihr verscherzen.
Die Mutter wartet schweigend, die Fingernägel ungeduldig auf den Tisch trommelnd, bis sich alle um den Tisch versammelt haben. Der Opa kommt als letzter in die Küche getrappelt und lässt sich keuchend auf den Stuhl neben dem Vater fallen. Mit angespannter Miene mustert die Mutter einen nach dem anderen.
Es sind alle da. Nur der große Bruder scheint, wie so oft, durch Abwesenheit zu glänzen. Rasche, teils ängstliche, teils verwirrte Blicke huschen zwischen den sitzenden Familienmitgliedern hin und her. Was mag denn heute schon wieder los sein? Mit einem verärgerten Seufzer nimmt die Mutter die offene Keksdose, die auf dem Tisch steht, in die Hand und deutet hinein. „Wer hat den Keks aus der Dose geklaut?!“, fragt die Mutter mit einem drohenden Unterton in der Stimme. „Ich bin Veganerin, ich bin es sicher nicht gewesen!“, sagt die große Schwester schnell und lehnt sich, gespannt darauf, wie der Rest sich aus der Affäre ziehen wird, in ihrem Stuhl zurück. „Außerdem heißt es in der Weihnachtszeit Plätzchen, und nicht Kekse“, korrigiert sie die Mutter neckend. Die Mutter schnalzt genervt mit der Zunge. „Also schön, wer hat das PLÄTZCHEN aus der Dose geklaut?“, setzt sie die Frage neu an. Nun richten sich fast zeitgleich alle Blicke auf die kleine Schwester, die sich gerade die Schokolade aus ihrem 9. Adventskalendertürchen in den Mund schieben will. Sie ist die größte Naschkatze der Familie. „Warum schaut ihr alle mich an?“, fragt die kleine Schwester empört und lässt schnell die Hand mit der bereits zu schmelzen beginnenden Schokolade auf die Knie fallen. „Ich habe nichts geklaut, ich wusste ja nicht einmal, dass du Plätzchen gebacken hast!“, verteidigt sie sich mit ernsten Augen. Die Mutter schaut sie skeptisch an: „Ich habe gestern Abend genau 30 Plätzchen für den Kirchenchor gebacken. Jetzt sind es nur noch 29 Plätzchen. Willst du mir etwa erzählen, eins davon hat sich einfach in Luft aufgelöst?“ Die kleine Schwester beginnt nervös auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen „Ich weiß nicht“, sagt sie ohne der Mutter dabei in die Augen zu schauen, „Aber ich war es auf jeden Fall nicht!“
„Wer dann?“, fragt die Mutter ungeduldig. „Vielleicht war es ja der kleine Bruder!“, ruft die kleine Schwester und steckt sich flink das Stück Schokolade in den Mund. „Wer, ich?!“, erwidert der kleine Bruder, „Niemals! Ich war das nicht! Ich habe gestern den ganzen Abend lang mit den Freunden FIFA gezockt, und bin danach direkt schlafen gegangen…  Also natürlich habe ich nicht den ganzen Abend gespielt, davor habe ich noch ewig lang für Mathe gelernt!“, fügt er schnell hinzu, als er sieht, wie die rechte Augenbraue der Mutter langsam nach oben wandert. Dem kleinen Bruder beginnt, wie immer, wenn er meint, ertappt worden zu sein, die Röte ins Gesicht zu steigen. Um einem ungemütlichen Verhör der Mutter zu entgehen, wendet er seine Augen rasch seinen nackten Füßen zu. Genau in diesem Moment schüttelt den Opa ein rasselnder Husten und der kleine Bruder erfasst die Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit der Mutter von sich zu lenken. „Aber der Opa hat sich ganz spät abends noch nach unten geschlichen, vielleicht weiß er ja mehr!“ Der kleine Bruder lächelt dem Opa entschuldigend zu. Prüfend richtet sich der Blick der Mutter auf den Opa, der sich gerade von seinem Hustenanfall erholt hat. Der Oper räuspert sich verlegen „Naja ähm… Also ich wollte nur kurz raus in den Garten, um ein bisschen frische Luft zu schnappen… Ja also im Garten waren jedenfalls keine Plätzchen! Frag doch mal deinen Mann, ob er das Plätzchen verdrückt hat, der Arme sieht in letzter Zeit immer ganz verhungert aus!“, schlägt der Opa vor, lacht laut und stupst den Vater dabei spielerisch mit dem Ellbogen in die Seite.
Fünf Augenpaare richten sich nun erwartungsvoll auf den Vater. Mit einem sehnsüchtigen Blick in den Augen beginnt der Vater zu sprechen: „Ich wünschte, ich hätte das Plätzchen gegessen, das einzige, was ich gestern zu mir genommen habe, waren eine Brezel, eine Banane und eine Mandarine… Du hast mich ja schließlich auf Diät gesetzt!“, fügt er vorwurfsvoll grummelnd hinzu und streicht sich dabei abwesend über den Bauch. Gerade in dem Moment, als die Mutter Luft holt, um den Vater zu tadeln, fliegt die Haustür mit einem lauten Knall ins Schloss. Nach drei Sekunden überraschter Stille ist nun ein Poltern im Flur zu hören, dem ein leises Fluchen folgt. Ganz langsam erscheint der Kopf des großen Bruders in der Küchentür. „Hoppla! Ihr seid ja schon alle wach!“, stellt er amüsiert fest und hält sich dabei mit einer Hand am Türrahmen fest. Mit drei zügigen Schritten steht die Mutter vor ihm. „Wo kommst du her?“, fragt sie forsch und blickt verärgert auf die Küchenuhr. Es ist 07:03 Uhr. Mit einem schiefen Lächeln und einem etwas verklärten Blick kratzt sich der große Bruder ratlos am Hinterkopf. „Ich war unterwegs“, bringt er nach kurzer Bedenk-Pause mit einem Achselzucken hervor. Aus der Richtung des Küchentischs ist unterdrücktes Gekicher zu hören.  Ein zweites Mal an diesem Morgen zieht die Mutter ihre rechte Augenbraue nach oben und seufzt resigniert. Der große Bruder wendet sich zum Gehen ab. Aber die Mutter pfeift ihn zurück. „Halt!“, so einfach lässt sie ihn nicht von dannen ziehen, er ist schließlich der letzte Verdächtige. „Hast du gestern ein Plätzchen aus der Dose hier geklaut?“ Mit ausgestrecktem Finger zeigt sie auf die gemeinte Dose. Der große Bruder schüttelt gähnend den Kopf und versucht den Hickser, der ihm dabei zu entfahren droht, zu unterdrücken. „Was für Plätzchen?“, fragt er verdattert und schüttelt wieder den Kopf. „Ich geh jetzt erst mal schlafen!“ Einen Augenblick später hört man in der Küche die Zimmertür des großen Bruders laut zuschlagen und als wäre dies das Kommando zum Aufbruch gewesen, erheben sich nun auch die anderen Familienmitglieder von ihren Stühlen, steuern flink die Küchentür an und verschwinden wieder im Haus.
Zurück bleiben die Mutter und eine Keksdose mit 29 Plätzchen. „Also wars mal wieder keiner?!“, ruft die Mutter ins Leere und drückt frustriert den Deckel auf die Dose.

  • Hast du vielleicht das Plätzchen aus der Dose geklaut?
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cantaloup.fm

Studentisches Ausbildungsmedium für crossmedialen Journalismus an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

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