Krankenhaus Europa

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Im Publikum stoßen Gläser an: „Auf Europa“. Man erahnt einen kleinen Vorgeschmack auf das, was der Abend im Tübinger Sparkassencarré bietet.

Um 20 Uhr betritt Schriftsteller Robert Menasse die Bühne für seine Lesung.
Menasse, das wird schnell klar, ist eher Europäer als Österreicher. Sein neuestes Buch „Die Hauptstadt“ gilt als der erste EU-Roman. Menasse gewann damit dieses Jahr den Deutschen Buchpreis

„Schleichende Revolution“

Die Veranstaltung beginnt mit der unterhaltsamen Lesung des Prologs durch den Autor. Bereits mit dem Einstieg zeichnet er mittels vieler Charaktere ein facettenreiches Bild der EU. Zu Beginn des Buches kreuzen sich die Wege aller Protagonisten in Brüssel. Im Zentrum des Buchs steht die Planung einer Jubiläumsfeier, die den Ruf der Europäischen Kommission aufbessern soll. Die Erzählung beginnt so unmittelbar im Geschehen wie sie den Leser auch wieder entlässt. Zusammengehalten wird alles durch das Motiv Europa. Warum, das hat Menasse in Tübingen erklärt:

Robert Menasse:
„Es hat zwar immer wieder größere Staaten gegeben, große Reiche und die hatten Haupt- oder Residenzstädte und dort sind die Gesetze für dieses Reich gemacht worden, aber noch nie hat es den Anspruch gegeben, einem ganzen Kontinent einen gemeinsamen Rechtszustand zu geben. Und da habe ich mir gedacht, das ist  eigentlich seltsam, dass einem das nicht klarer vor Augen steht, dass das eigentlich eine Revolution darstellt, historisch gesehen. Und nur weil das in vielen kleinen Schritten passiert, also eine schleichende Revolution ist, so ist es ja doch eine Revolution. Da war mir auf einmal klar, ich muss mir das anschauen. Ich möchte wissen, wie das funktioniert oder warum auch so vieles nicht funktioniert. Das ist ja auch so, man muss ja nichts schönreden. Und da habe ich beschlossen, nach Brüssel zu gehen, das war ganz einfach.“

Ist die EU mit all ihren Beamten literaturtauglich? Offensichtlich.

Robert Menasse:
 „Es ist ein menschengemachtes Projekt und alles was menschengemacht ist, muss man erzählen können“.

Das Buch zeigt ein Panorama der politischen Welt, eines Netzwerks über die Grenzen der Institution EU hinaus. Es ist gleichzeitig ein Stadtroman über Brüssel.

Ein weiterer Bestandteil des Romans ist Auschwitz.

Robert Menasse:
„Wir halten uns viel zu wenig vor Augen, welche Bedeutung Auschwitz auch für die Gründung und die Entwicklung des europäischen Projekts hatte und hat.“ 

An Auschwitz habe sich gezeigt, was in letzter und radikalster Konsequenz, der Nationalismus und Rassismus für Verbrechen zu begehen imstande ist.
Menasse versucht dabei gar nicht erst, das Leid zu schildern, weil er, wie er sagt, dem nicht gerecht werden könne. Er erzählt, wie es heute ist, wenn man als Besucher im Januar dorthin kommt und es einen selbst im warmen Mantel unglaublich fröstelt.

„Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe“ (aus „Die Hauptstadt“)

Dass der Deutsche Buchpreis neben einer literarischen Würdigung dieses Jahr auch ein politisches Statement ist, scheint naheliegend. „Die Hauptstadt“ hat als EU-Roman zwar den Anspruch, realitätsgetreu zu sein. Menasse hat mehrere Jahre in Brüssel recherchiert und über hundert Beamte gesprochen. Wie in seinen früheren Werken erhält man aber auch im neuesten den  Anstoß, Europa weiterzudenken. Die Rede ist von einem europäischen Pass für alle, nachnationaler Ökonomie und gemeinsamer Fiskalpolitik. Sogar einer möglichen europäischen Hauptstadt in Auschwitz. „Nie wieder Auschwitz“ gilt dabei als Grundsatz für ein gemeinsames Europa.

Robert Menasse:
„Wir diskutieren überhaupt nicht darüber, was passiert, wenn der Letzte, der bezeugen kann, was da passiert ist, tot ist. Es besteht die Gefahr, und da muss man aufpassen, dass das nicht ins Mythische absinkt, so wie die Punischen Kriege.“

Zwischen Ernst und Satire

Trotz dieser Gefahr wirkt das Buch nie belehrend. Menasse gelingt die Balance zwischen aufrichtigem Respekt vor der EU, melancholischen Momenten und bissigem Humor. Klare Sprache, wechselndes Erzähltempo und ein allwissender Erzähler machen den Roman kurzweilig. Der Leser bekommt zudem einen Eindruck vom Umgangston, der in den Institutionen herrscht. Das Buch thematisiert auch die Kultur und damit sich selbst. Durchaus mit Seitenhieben: zum Beispiel, wenn sich „die“ Kulturnation Österreich darüber beschwert, das EU-Kultur-Ressort zugewiesen zu bekommen, weil das mit einem kleinen Budget einhergeht. Groß ist die Freude, als es dann doch noch das Ressort für Regionalpolitik wird.

Der „Mann ohne Eigenschaften“

Genauso bissig sind die Verweise zu Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, den die Beamten im Buch gerne lesen. Das fehlende Gesicht, so Menasse, unterscheide die EU nämlich von den Nationalstaaten. Den Bürgern fehle ein Bild derjenigen, die die Entscheidungen treffen. Folglich nehmen sie die EU auch abstrakter wahr.

Bei der Lesung lässt Menasse die Fragerunde zum Schluss aus – um lange EU-Referate zu vermeiden. Stattdessen liest er noch einmal vor:
Der letzte Abschnitt der Lesung schildert einen Europäischen Beamten im Krankenhaus „Europa“. Das Krankenhaus gibt es wirklich. So finden sich in Menasses Roman zahlreiche kluge Allegorien zur EU. Ein Buchzitat, das in Erinnerung bleibt:

„Das Europa ist das beste Krankenhaus, hier finden sie immer etwas.“

Robert Menasse: “Die Hauptstadt”
Suhrkamp Verlag, Berlin
459 Seiten, 24,oo€
ISBN: 978-3-518-42758-3
Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Nachdem er sechs Jahre als Dozent an der Universität Sao Paolo tätig war, kehrte er 1988 zurück nach Wien. Dort lebt er seitdem. Neben Romanen verfasst er auch zahlreiche Essays und Kritiken. Zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge hielt Menasse die Festrede vor dem Europäischen Parlament.

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Über

Julia Weiss

...studiert seit 2016 Psychologie an der Uni Tübingen mit Wahlfach Germanistik und ist seit zwei Semestern bei cantaloup.fm.

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