Studien über Studien

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Auf die Anzahl publizierter Artikel wird in der Wissenschaft zunehmend Wert gelegt. Ist die Qualität dabei aber noch sichergestellt?

Vor allem aufgrund der Erwartung Neues zu erforschen, galt es bisher als wenig innovativ, Studien zu wiederholen. Ein Umdenken müsste dafür sorgen, bisherige Ergebnisse genauer zu überprüfen.

Die Replikationskrise

Vulkanausbrüche kann man nicht wiederholen, um sie wissenschaftlich zu überprüfen.
Aber: Experimente zu wiederholen, ist ein wichtiges Prüfverfahren in der Wissenschaft.
Da wiederholt durchgeführte Studien in den letzten Jahren unterschiedliche Ergebnisse lieferten, spricht man in diesem Zusammenhang von einer „Replikationskrise“.

Dr. Wickelmaier:
„Einen wesentlichen Anteil an der Replikationskrise, oder dem Begriff Replikationskrise, hatte eine Studie, die 2015 in [der Fachzeitschrift] Science erschienen ist. Von 100 Studien, die versucht wurden nachzumachen, konnte man nur ein Drittel replizieren, d.h. nur ein Drittel der Ergebnisse wurde wieder so bestätigt, wie die Originalstudien sie gefunden haben.“ 

Von Originalstudien abweichende Ergebnisse sind nicht ausschließlich auf Fehlverhalten oder Unachtsamkeit zurückzuführen. Unterschiede entstehen beispielsweise auch durch eine Studienwiederholung in einem anderen Land. Besorgniserregend ist das trotzdem. Denn auch das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft kann darunter leiden.


Große Erwartungen

Die genannten Studien betreffen hier die Psychologie. Alleine steht sie damit jedoch nicht da. Aufsätze zählen in der Wissenschaft als Währung. Mehr Publikationen in bekannten Fachzeitschriften führen zu mehr finanzieller Förderung sowie Anerkennung für die Wissenschaftler.

Dr. Wickelmaier:
„Das geht auch schon früh los, z.B beim Wettlauf um Doktorandenstellen oder Postdocstellen, manche einfach voraussetzen, dass eine Doktorarbeit publiziert werden muss. Und das in class A Journals, also besonders guten Journals.”

So schreibt auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft in einer Stellungnahme dazu, dass der Wettbewerbs- und Beschleunigungsdruck etwas zu publizieren steige. Sorgfältige Forschung braucht allerdings Zeit. Somit steht dann die Qualität im Vordergrund. Dazu gehört auch das Publizieren von sogenannten neutralen oder negativen Ergebnissen.


Neue Publikationswege

Ein Umdenken hat bei vereinzelten Fachzeitschriften bereits begonnen.

Dr. Wickelmaier:
„Ich denke, was sich wirklich sichtbar verändert hat, ist, dass es diese neuen Publikationsformate der präregistrierten Studien mittlerweile gibt, wo man vorher Methoden und Einleitung [bei der Fachzeitschrift] einreicht und das begutachten lässt. Und wenn das akzeptiert ist, dann wird publiziert, unabhängig vom Ergebnis, ob es [das Gewünschte] herauskommt oder nicht.“ 

Momentan ist das jedoch noch optional. Es sollte, so Dr. Wickelmaier, außerdem für jeden nachvollziehbar sein, wie aus Rohdaten publizierte Ergebnisse werden. Das ermöglicht auch das Wiederholen einer Studie. Derzeit sind aber oft weder die Rohdaten noch die Vorgehensweise einsehbar.

Fachzeitschriften publizieren lieber Neuheiten der Forschung und keine Studien, die es so schon gab. Das verhindert den Anreiz, Studien überhaupt zu wiederholen.

Die Problematik betrifft gerade auch Universitäten. Dort sind viele Mitarbeiterverträge befristet. Die Zeit, sich profilieren zu können, ist dadurch begrenzt. Hinzu kommt die Erwartung, statistisch bedeutsame Ergebnisse zu erhalten, um publizieren zu können.

Dr. Wickelmaier:
„Weiter in der Wissenschaft zu bleiben, heißt publizieren. Diese Anreizstrukturen zu durchbrechen, das scheint mir schwierig“.

  • Dr. Florian Wickelmaier

    Foto: Homepage der Universität Tübingen

    Dr. Florian Wickelmaier lehrt im Fachbereich Psychologie seit 2006 u.a. Statistik und Computergestützte Methoden an der Universität Tübingen.

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Über

Julia Weiss

...studiert seit 2016 Psychologie an der Uni Tübingen mit Wahlfach Germanistik und ist seit zwei Semestern bei cantaloup.fm.

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