Selfies knipsen, wo andere sterben mussten

0
Gedenkstätten wie ehemalige KZs sind tatsächlich ein beliebtes Selfie-Motiv für Besucher. Tübinger Masterstudentinnen setzen sich im Blogformat damit auseinander.
Selfies an Gedenkstätten – ein Thema, das Anfang 2017 in den Medien groß wurde, als der Satiriker Shahak Shapira mit seinem Projekt Yolocaust Wellen schlug. Shapira kritisierte, dass das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas häufig nur als beliebtes Fotomotiv wahrgenommen wird.

Foto: Jace Grandinetti

Ein beliebtes Fotomotiv. Foto: Jace Grandinetti

Viele junge Menschen posieren freudig zwischen den Betonpfeilern, und posten anschließend ihr Selfie. Shapira hat einige dieser Fotos bearbeitet und die lächelnden Fotografen in grausame Bilder aus den Konzentrationslagern eingefügt. Das jugendliche Mantra YOLO, You only live once, hab einfach Spaß, wirkt im Kontext der Leichenfotos besonders pietätlos.
Mit Gedenkstätten-Selfies setzen sich jetzt auch acht Tübinger Masterstudentinnen der empirischen Kulturwissenschaft am Ludwig-Uhland-Institut auseinander. Aber anders als Shapira wollen sie keine Position beziehen. Sie wollen in ihrem Blog Doing Selfie die Möglichkeit geben, verschiedene Seiten des Themas zu beleuchten.
Das erklärt eine der Bloggerinnen, Maria Blenich:

„Aus unserer kulturwissenschaftlichen Perspektive sind Selfies weder schlecht noch gut. Wir beobachteten, dass Menschen Selfies machen. Das ist eine Praktik, die an ganz vielen Orten stattfindet, sei es jetzt vor dem Eiffelturm oder vor dem Tor in der KZ-Gedenkstätte in Dachau. Und wir beobachten das, wir beschreiben das und im gleichen Zuge bewerten wir es aber nicht.“

Ein Blick über den Tellerrand

Der Blog soll dem Leser die Möglichkeit geben, sich eine eigene Meinung zu bilden anhand der Artikel, die zur Verfügung gestellt werden. Die Artikel decken verschiedene Perspektiven ab, aber auch verschiedene wissenschaftliche Methoden und Theorien. Ein Artikel zum Beispiel beschäftigt sich mit den Selfies aus ethnografischem Blickwinkel. Darin erklärt der Autor unter anderem, warum die Frage nach der Angemessenheit von Selfies vor Gedenkstätten viel zu komplex ist, um sie nur mit einem der beiden Extreme „angemessen“ oder „unangemessen“ zu beantworten.

Die Idee für den Blog ist aus dem dreisemestrigen Projekt „Holocaustgedenken in der Migrationsgesellschaft“ entstanden, in dessen Rahmen sich die Studierenden intensiv mit den Erinnerungspraktiken in unserer heutigen Gesellschaft auseinandersetzten. Bei der Recherchearbeit für das Projekt stießen sie auch auf die Aktion Yolocaust von Shahak Shapira.

Maria Blenich:

„Das war dann natürlich für uns extrem spannend, weil uns das ja auch beschäftigt. Wie erinnern Menschen? Was heißt Angemessenheit? Wir waren auch innerhalb des Projekts einige Male in der KZ-Gedenkstätte in Dachau und haben dort teilnehmend beobachtet und viele Menschen beobachtet die dort auch Selfies machen.“

Ein Phänomen unserer Zeit

Die Suche nach dem Hashtag #auschwitz ergibt über 260.000 Treffer auf Instagram. Selfies an Gedenkstätten sind heute also recht verbreitet. Aber ist das eine negative Entwicklung? Sind Selfies an Erinnerungsstätten unangebracht, weil pietätlos, oder sind sie ein legitimer Teil der heutigen Erinnerungskultur? Hier scheiden sich die Geister. Ist die Hauptsache, dass überhaupt der Toten gedacht wird, oder ist das Selfieschießen überhaupt kein Akt des Gedenkens?

moritz-schumacher-260245(1)

Foto: Moritz Schumacher

Für Marlene Kirschbaum vom Doing-Selfie-Team ist die Diskussion um das Gedenken der Holocaustopfer jedenfalls aktuell:

„Wir halten dieses Thema für wichtig, weil es offensichtlich ein Thema ist, das nicht verschwindet. Wenn man jetzt im Jahr 2017 sagt, man beschäftigt sich mit dem Holocaust, dann denkt man immer erst mal: 1945, das ist aber schon eine Weile her. Aber, wenn man sich dann tatsächlich genauer damit auseinandersetzt, stellt man fest, dass alle paar Wochen irgendein Diskurs dazu aufploppt.“
Ein kurzer Blick in die aktuelle Politik bestätigt das. In einer politischen Atmosphäre, in der der AfD-Politiker Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert, das Holocaustmahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ nennt und in seiner Partei bleiben darf, während sein Parteivorsitzender Alexander Gauland davon spricht, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz in Anatolien zu „entsorgen“, wird klar: Es ist wichtig, sich der Geschichte bewusst zu sein und die Erinnerung an den Holocaust nicht verblassen zu lassen. Ob Selfies einem dabei helfen, bleibt fragwürdig.
Aber: Die Studentinnen liefern mit ihrem Blog Doing Selfie einen Beitrag zur Verständigung und sorgen dafür, dass die Diskussion nicht zum Stillstand kommt.

  • Doing Selfie_Groß

    Hintere Reihe von links nach rechts:
    Berit Zimmerling, Rosalie Möller, Maria Blenich, Marlene Kirschbaum

    Vordere Reihe von links nach rechts:
    Sarah Ullrich, Hannah Gröner, Hannah Danneman, Oksana Hinka

Das könnte Dich auch interessieren

Teilen.

Über

Conrad Nunnenmacher

... studiert seit dem Wintersemester 2016/17 Allgemeine Rhetorik und Germanistik in Tübingen und arbeit seit Februar 2017 als freier Mitarbeiter für cantaloup.fm. Er ist unter anderem für den Social Media-Auftritt und die Organisation zuständig.

Hinterlasse einen Kommentar