Bleibt alles anders: 200 Jahre katholische Theologie

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Die Fragen haben sich verändert, die Relevanz nicht. Die katholisch-theologische Fakultät in Tübingen feiert ihr 200-jähriges Jubiläum.

In ihrem Motto „Nicht ohne die Anderen“ bringt die katholische Theologie einerseits die Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften zum Ausdruck. Andererseits zeigt es notwendige Offenheit zur Veränderung – ohne die es wissenschaftliche Theologie nicht gäbe.

Vor 200 Jahren, nämlich zum Wintersemester 1817, wurde die katholisch-theologische Fakultät der Uni Tübingen gegründet. Seitdem ist so Einiges passiert. Häufig stößt man vor allem auf zwei große Namen: Joseph Ratzinger, besser bekannt als Papst Benedikt XVI., unterrichtete in den Sechzigern einige Jahre in Tübingen. Angeworben hatte ihn der ebenfalls bekannte Theologe Hans Küng, der später so unbequem wurde, dass ihm der Vatikan die Lehrerlaubnis entzog. Für Michael Schüßler, Professor für Praktische Theologie, ist Küng trotzdem ein Vorbild – unter gewissen Bedingungen:

Michael Schüßler

Die heißen Eisen, um die es bei Küng ging, das waren innerkirchliche Fragen, nach der Unfehlbarkeit, nach dem Priestertum der Frau, die zum Teil bis heute ungelöst sind. Aber die Dramatik, mit der Menschen diese heißen Eisen umtreiben, die ist, glaube ich, geschwunden. Die Frage ist eher, was heute noch christlicher Glaube einem fürs Leben sagen kann. Was man von Küng lernen kann, ist, die Fragen der Gegenwart ernst zu nehmen, aber unsere Fragen sind andere.“

Einerseits hat in unserer Zeit der religiöse Fundamentalismus Hochkonjunktur, andererseits schwindet gerade in weiten Teilen Mitteleuropas der Einfluss der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Jeder kann theoretisch selbst entscheiden, woran er glaubt und ob eine Institution wie die Kirche darin eine Rolle spielt. Oft gilt gerade die katholische Kirche als festgefahren in altmodischen Traditionen. Was kann die Theologie also noch bieten?

Michael Schüßler

Die Idee, dass die Kirche und das Evangelium was ist, was immer wieder neu in die Zeit gebracht werden muss, ist was, was in der katholischen Kirche ganz entscheidend entdeckt wurde. Von daher sind die Kirche und die Theologie auch gehalten, nicht einfach ein feststehendes Lehrgebäude unverändert durch die Zeit zu tragen.“

Wilhelmsstift 1841, Lithographie von Ludwig August Helvig

Wilhelmsstift 1841, Lithographie von Ludwig August Helvig

Für Dekanin Johanna Rahner liegt der Mehrwert der Theologie im besonderen Standort zwischen Wissenschaft und Religion:

Johanna Rahner

Deswegen haben die Theologien eine Schnittstellenfunktion nach außen in die Universität, aber nach innen auch in die Religionsgemeinschaften, wo ein aufklärerischer Impuls hineinkommt. Das ist ein starkes Element der Theologie, dieses Aufklärungspotenzial, sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, was man eigentlich denkt, warum man so denkt und wie es im Dialog mit anderen geprüft werden kann.“

Das Motto des Jubiläums lautet „Nicht ohne die Anderen“. Gemeint sind damit zum Beispiel andere Wissenschaftsdisziplinen. Mit Forschern aus anderen Fächern zusammenzuarbeiten, ist sehr verbreitet und laut Rahner für die Theologie heutzutage unverzichtbar.

Johanna Rahner

Wir haben es mit menschlicher Rede über Gott zu tun, nicht mit dem Objekt Gott, und diese menschliche Rede unterliegt genau den Kategorien wie menschliche Rede überhaupt. Das heißt, politische Kontexte, wirtschaftliche Zusammenhänge, all das fließt ein. Um diesen Kontext zu erfassen, brauchen sie die empirischen Wissenschaften. Also es geht einfach Theologie zu treiben heute nicht mehr ohne die anderen Wissenschaften.“

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    Prof. Dr. Johanna Rahner ist Lehrstuhlinhaberin der Professur für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät. Sie lehrte unter anderem auch in Kassel und Bamberg.

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    Professor Michael Schüßler lehrt an der Fakultät für Katholische Theologie in Tübingen. Schon seit seinem Studium liegt der Schwerpunkt seiner Forschung in der Praktischen Theologie, also in der Vermittlung zwischen Wissenschaft und christlicher Realität.

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Über

Leoni Schmidt-Enke

... studiert Rhetorik und Internationale Literaturen. Mit Schirm, Charme und Aufnahmegerät ist sie seit Mai 2017 bei cantaloup.fm dabei.

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