Eine andere Geschichte

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Ein Abend voller Doppelgänger, Anekdoten und dem Stoff, aus dem Geschichten sind. Peter Stamm stellte im Gespräch mit seinem Lektor sein neues Buch „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ vor.

Es handelt sich bei dem Buch nicht um eine späte Fortsetzung von „Agnes“, das in Baden-Württemberg Pflichtlektüre war, greift aber dennoch ähnliche Themen auf.

Es wirkt, als würden zwei Freunde auf der Bühne sitzen, die sich auch gerne einmal widersprechen, verbessern oder ins Wort fallen: Lektor Oliver Vogel und Schriftsteller Peter Stamm im Tübinger Museum. Die Idee zu Stamms neuem Buch „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ entstand in Stockholm, als er Odine Johne traf. Sie ist die Hauptdarstellerin im Film zu seinem früheren Buch „Agnes“.

Peter Stamm:
„Und dann hab ich sie getroffen und zwar am Waldfriedhof und wir haben geredet und es war so ein bisschen auch eine Doppelgängergeschichte, weil ich plötzlich eine Figur vor mir hatte, die aus meinem Buch stammte und die doch plötzlich so ein Eigenleben bekommen hat.”

Nicht nur die Entstehungsgeschichte und das Buch selbst, auch die Lesung ist vom Doppelgängermotiv geprägt. Etwa, wenn von zwei Peter Stamms die Rede ist, einem von vor 20 Jahren und einem von heute.

Wenn sich Geschichte wiederholt

Stamms novellenartiger Roman spielt auch auf mehreren Zeitebenen. Christoph, ein alter Mann, begegnet im Traum seiner ehemaligen Geliebten Magdalena. Sein jüngeres Ich trifft Lena auf einem Friedhof und macht mit ihr einen Spaziergang durch Stockholm. Die Geschichte, die er ihr dabei erzählt, beginnt 14 Jahre früher. Und diese Geschichte ist ihre gemeinsame Liebesgeschichte, die er bereits erlebt hat und die sie in diesen Tagen mit seinem noch jüngeren Ich erlebt, also auf einer dritten Zeitebene. So kompliziert, wie das klingt, ist es auch.

Nach und nach verschwimmen die Erzählebenen des Buches. Man könnte es dem Lektor gleichtun und während des Lesens eine  Zeitleiste führen, um der Handlung zu folgen. Stamm spielt ein Spiel mit seinen Lesern. Dahinter steckt wohl die Begeisterung des Autors für Unordnung.

Peter Stamm:
„Ich kann nicht mit Planung schreiben. Ich muss wirklich aus dem Text heraus schreiben und das kann dann manchmal ganz schwierig werden. Vielleicht schreibe ich darum auch nur so kurze Bücher.”

Die Kunst macht sich zum Thema

Man kann das Buch als Selbstlegitimation sehen. Stamm beschreibt den Verdruss darüber, dass nichts Neues mehr erzählt werden kann, weil alles schon da war. Die Geschichte wiederholt sich gewissermaßen. Sie wiederholt sich sowohl innerhalb des Buches als auch in Bezug auf frühere Werke. Wer „Agnes“ kennt, sieht einige Parallelen.

Auch Ironie ist eine Art, das Buch zu lesen. Man kann sich als Leser ganz auf das Buch einlassen und das Verwirrspiel mitspielen. Botschaften vermitteln möchte Peter Stamm nicht. Politische Romane zum Beispiel lehnt er ab. Wichtige Themen in seinen Büchern sind Identität, Entfremdung, Realität und Fiktion.

Peter Stamm:
„Ich bin so wie ein Wissenschaftler, der so ‘ne ganz spezielle Richtung oder [ein]spezielles Thema verfolgt. Es ist schon eine bestimmte Art, die mich interessiert, beim Schreiben, aber auch beim Lesen.“ 

„Helden machen keine guten Geschichten“ (Peter Stamm)

Ein gutes Gefühl bleibt am Ende des Buches nicht. Vielmehr hat man das Bedürfnis, noch einmal von vorne beginnen zu müssen, um seine Gedanken ordnen zu können. Für Peter Stamm steht vielmehr die Form im Vordergrund.

Peter Stamm:
„Also es braucht einen Inhalt, aber es geht nicht so sehr darum, was der ist. Ich meine, es ist wie, sagen wir Van Gogh. Wenn der einen Menschen gemalt hat, der hat einfach den Erstbesten genommen und hat dann große Kunst daraus gemacht.“

Es lohnt sich, auf das Verwirrspiel einzugehen und das Buch zu lesen. Gleichgültig liest man es nicht.

Peter Stamm ist 1963 geboren und studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie. Er lebte u.a. in Paris und New York. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor in der Schweiz. Er war von 2014 bis 2018 der einzige zeitgenössische Autor der Abiturschwerpunktlektüren an allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg.

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Über

Julia Weiss

...studiert seit 2016 Psychologie an der Uni Tübingen mit Wahlfach Germanistik und ist seit zwei Semestern bei cantaloup.fm.

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