Forschungsarbeit zur NS-Vergangenheit des ehemaligen OB Hans Gmelin beendet

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Mehr als sechs Jahre hat der Tübinger Historiker Niklas Krawinkel zur Biographie des ehemaligen Tübinger Oberbürgermeisters Hans Gmelin geforscht. Nun liegt der vollständige Forschungsbericht vor.

Vor allem die Rolle Gmelins im Dritten Reich steht im Fokus der Arbeit. Durch seine juristische Ausbildung war Gmelin vor allem als Diplomat in der Slowakei tätig. Dort war er auch an der Organisation der Deportation slowakischer Juden beteiligt, von denen ein Großteil im Konzentrationslager Auschwitz umkam. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Hans Gmelin im Zuge der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft. Von 1954 bis 1974 war er Oberbürgermeister Tübingens. 1975 wurde Gmelin Ehrenbürger der Stadt Tübingen.

Der mehr als 500 Seiten umfassende Forschungsbericht wurde am Montag im Ratssaal im Tübinger Rathaus vorgestellt.

Hans Gmelin begann sein Jura-Studium 1930 an der Universität Tübingen und trat der Studentenverbindung Normannia bei. 1931 schloss er sich der Stahlhelm-Hochschulgruppe an, welche der Deutschnationalen Volkspartei nahe stand, und wurde 1933 auf deren Liste in den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) gewählt. Im gleichen Jahr wurde Gmelin in die Sturmabteilung, eine paramilitärische Kampforganisation, übernommen. Ab 1941 arbeitete Gmelin als Adjutant und später als Gesandtschaftsrat (heute Botschafter genannt) in der Deutschen Gesandtschaft Pressburg (Bratislava) in der Slowakei. Dort verhandelte er unter anderem ein Abkommen zwischen der slowakischen Regierung und dem deutschen Reich, was zur Deportation von mehr als 57 000 slowakischer Juden nach Auschwitz führte. Die Verhandlungen wurden später als Erfolgsmodell für alle weiteren Deportationen deutscher Juden gesehen.

Nach Kriegsende kam Gmelin zunächst ins Lager für zivile Kriegsgefangene in Balingen/Bisingen und arbeitete dann in der Spedition seines Schwagers. Er wurde während der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft, da er vor allem wegen seiner Leistungen als Jurist und nicht seiner Gesinnung in den höheren Dienst kam. 1954 wurde Hans Gmelin mit 54,8% der Stimmen zum Oberbürgermeister (OB) gewählt. Schon bei seiner Wahl als auch bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde 1975 nach dem Ende seiner Amtszeit als OB von Tübingen wurde seine Rolle im nationalsozialistischen Regime kritisch diskutiert. Der jüngste Vorstoß, Hans Gmelin die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen, stammt von der Gemeinderatsfraktion der Linken vom 4. Dezember 2017.

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Über

Christopher Van der Meyden

...studiert seit 2012 Geschichte und Philosophie und arbeitet seit Sommer 2014 bei cantaloup.fm.

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