Unsere Uni ist zu männlich!

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Nur ein Fünftel unserer Profs ist weiblich. Männer dominieren die Uni-Gremien. Woran liegt das und was ist zu tun?

Der 8. März ist Internationaler Frauentag. Nicht unbedingt ein Feiertag, um die Sektkorken knallen zu lassen. Eher erinnert er an die Gleichstellung von Frauen gegenüber Männern – und vor allem, wo es daran mangelt. Beispielsweise in der Wissenschaft: Wir haben zu wenig Professorinnen. Wie der aktuellste Jahresbericht der Universität Tübingen zeigt, waren im Juni 2015 nur 105 Professorinnen angestellt – bei 504 Professuren insgesamt. Das ist etwa ein Fünftel. Wohlgemerkt sind 58% der Studierenden hier weiblich. Es gibt also eine deutliche Ungleichheit zwischen Mann und Frau, wenn es um die wissenschaftliche Karriere geht. Dadurch verliert die Uni gewaltiges wissenschaftliches Potenzial, und suggeriert Mädchen und jungen Frauen, dass sie nichts in Forschung und Lehre zu suchen hätten.

Professorinnen_Professoren

Grafik: Lucas Eiler

Warum sind Frauen so unterrepräsentiert? Was passiert zwischen dem ersten Semester, wenn die Frauen noch in Überzahl sind, und der Professorenstelle? Der Gleichstellungsatlas des Bundesministeriums für Frauen zeigt: Während 2014 noch 45% der Promotionen in Baden-Württemberg durch Frauen erreicht wurden, waren es bei den Habilitationen lediglich 24%. Das muss Gründe haben. Einer ist mit Sicherheit, dass befristete Arbeitsverträge schlichtweg unattraktiv sind, wenn man eine Familie gründen möchte. Gleiches gilt für die Anforderung an Professorinnen und Professoren, zeitlich flexibel zu sein. Die Uni sollte Nachwuchswissenschaftlerinnen in der Mutterschaft unterstützen. Kinderbetreuung, Teilzeitmodelle, Karrieremodelle für beide Partner –  macht die Uni hier genug? Das Problem liegt zusätzlich woanders. Und das dürfte meine Kommilitoninnen nicht weniger frustrieren.

Männlich seit 1477

Der Profesorinnenanteil ist kein reines Tübinger Problem. Deutschlandweit waren es 2015 bloß 23% Professorinnen. Es ist außerdem nichts Neues. Wie viele Nobelpreise in Chemie, Physik oder Medizin bekamen Frauen bislang verliehen? Achtzehn. Von beinahe 600.

Aber es bleibt dennoch ein Tübinger Problem. Das gängige Argument, Frauen interessierten sich nicht genügend für technische Berufe wie Ingenieurswesen oder Informatik, greift in Tübingen nicht. Erschreckend gering ist der Professoren-Frauenanteil nämlich in nahezu all unseren Fakultäten, besonders an der Medizinischen und der Juristischen. Dabei war in diesen Fachbereichen das Geschlechterverhältnis der Studierenden schon vor 20 Jahren ausgeglichen.

Die männliche Prägung zieht sich durch die Universität: Eine Rektorin hatten wir noch nie. Die Universitätsleitung besteht aus drei Männern und immerhin zwei Frauen. In allen Dekanaten zusammen (die für die Entwicklung der Fakultäten und Fachbereiche zuständig sind) finden sich momentan neben 26 Männern zwei Frauen: Dekanin Johanna Rahner (Katholisch-Theologische Fakultät) und Prodekanin Wiltrud Mihatsch (Philosophische Fakultät). Die Dekane, darunter eben nur eine Frau, sind wiederum Teil des Senats der Universität. Der Senat ist das oberste Gremium, entscheidet über Angelegenheiten in Forschung, Studium und Lehre, ernennt Rektoratsmitglieder. Er kann potenzielle Professoren vorschlagen und akzeptieren. Die Mitglieder der Dekanate, also die 26 Männer und die zwei Frauen, sitzen außerdem in den jeweiligen Fakultätsräten. Die Fakultätsräte müssen den Berufungsvorschlägen für neue Professorinnen und Professoren zustimmen. Und damit schließt sich der Kreis.

Professorinnen und Professoren an der Uni Tübingen

Grafik: Lucas Eiler

Das Stichwort lautet „Gläserne Decke“. Das bedeutet: Die Männer lassen die Frauen nicht die Karriereleiter aufsteigen. Der Begriff kommt aus der Wirtschaft. Aber nicht nur Managerposten sind hart umkämpft, sondern auch Professuren, die Jahrzehnte umfassen. Der gesamte wissenschaftliche Karriereweg zielt darauf ab. Dabei sollte es also gerecht zugehen.

Alles eine Frage der Zeit?

Man wird in Zukunft immer häufiger von Wissenschaftlerinnen hören. In allen medizinischen Fächern außer Medizininformatik studieren in Tübingen mehr Frauen, auch Medizintechnik. Klischees werden nach und nach zerbrechen. Aber es braucht mehr als das. Vor allem mehr Tempo.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Uni führt beispielsweise ein „Controlling“ der Berufungs- und Auswahlverfahren für (Junior-)Professorinnen und Professoren durch. Das sieht der Gleichstellungsplan der Universität Tübingen vor, der bis 2018 gilt. Darin ist auch die Erhöhung des Professorinnenanteils als Schwerpunktziel genannt. Im selben Gleichstellungsplan steht aber auch, dass es das Controlling schon seit 2002 gibt, als Erfolg wird gefeiert, das man 2013 bei 18% Professorinnen war. Das zeigt die Langsamkeit, mit der die Frauen in die Wissenschaft gelassen werden. Immerhin: Bis 2018 soll der Professorinnenanteil 30% betragen, so das Ziel, bei Juniorprofessorinnen 40%. Man darf gespannt sein, ob das eingehalten wird.

Dafür müssen sich aber auch genug Frauen bewerben wollen. Hierbei sind Anreize wichtig. Entsprechende Programme laufen bereits, sollten aber dringend ausgebaut werden:

Das Tübinger Athene-Programm
… sorgt seit 2013 dafür, dass Frauen nach der Promotion an der Uni bleiben, beinhaltet Coachings und fördert beispielsweise auch Kinderbetreuung. Es ist auf zwei Jahre begrenzt, und wird aus der Exzellenzinitiative bezahlt. Laut Jahresbericht 2015 wurden lediglich 14 Nachwuchswissenschaftlerinnen aufgenommen. Dem Bericht zufolge wurden bislang zwei vom Programm geförderte Frauen Professorinnen, eine wurde Juniorprofessorin.
Die Tenure-Track-Option in der Juniorprofessur
… bedeutet, dass eine positive Bewertung auch zur ordentlichen Professur führt. Auch das betraf laut Jahresbericht nur sieben Frauen.
Das Margarete von Wrangell-Programm
… umfasst eine Anstellung für fünf Jahre, in denen sich die Geförderten Frauen für eine Professur qualifizieren können. Das gibt es allerdings auch schon seit zwanzig Jahren und nimmt jeweils immer nur zehn Nachwuchswissenschaftlerinnen auf. Das Programm geht vom Land Baden-Württemberg aus, das die Habilitationsprojekte der Unis dafür auswählt. Hier ist Aufgabe des Landes, das Programm auszubauen.

Die Förderungen müssen also ausgeweitet werden, um mehr Frauen die Unterstützung zu sichern. Sonst wird es schwierig mit den 30%. Die Gleichstellung sollte ganz im Geiste unserer Universität sein. Das Hashtag des Internationalen Frauentages #BeBoldForChange erinnert ja stark an das Tübinger Uni-Motto „Attempto!“, “Ich wage es!”. Nur wagen müsste man es endlich einmal.

Das ist ein Artikel unserer noch namenlosen Kolumne, die ihr ab jetzt immer mittwochs auf cantaloup.fm findet. Unsere Autoren kommentieren darin aktuelle Themen aus Hochschulpolitik und Unileben. Habt ihr einen Namensvorschlag? Dann kommentiert diesen Beitrag oder schreibt uns!
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Über

Oliver Schaub

... studiert Allgemeine Rhetorik und Politikwissenschaft. Namensgeber von cantaloup.fm mit hoher Stirn und tiefer Stimme. Seit Oktober 2014 beim Uniradio; von Mai bis Dezember 2016 studentische Hilfskraft mit Schwerpunkt "Text".

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