Erasmus – eine organisatorische Odyssee

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Das Erasmus-Programm wird dieses Jahr 30. Das sind 30 Jahre interkultureller Austausch zwischen Studierenden in Europa. Und 30 Jahre Bürokratie vom Feinsten. Ein Kommentar.

In der Theorie ist es ganz einfach. Wer während des Studiums ins Ausland möchte, sucht sich seine europäische Lieblingsuni aus, bewirbt sich und geht für ein oder zwei Semester dort hin. So habe ich mir das zumindest vorgestellt. Dann hat mich die bürokratische Wirklichkeit eingeholt.

Gut, dass das Bewerbungsverfahren etwas komplizierter ist als in meiner naiven Erwartung, verstehe ich. Mit ein bisschen gutem Willen auch die Tatsache, dass ich mich für einen Auslandsaufenthalt insgesamt drei Mal bewerben muss: Erst in Tübingen bei meinem Institut. Wenn das mich nominiert, an der Partneruni im Ausland. Und wenn die mich nimmt, in Tübingen für das Mobilitäts-Stipendium, also für die Finanzierung des Aufenthalts.

Im Informationsdickicht

Unverständlich ist für mich aber, warum Informationen rund um die Bewerbung prinzipiell unklar und schwer zugänglich sein müssen. Etwas deutlichere Formulierungen hätten mich vor einigem Kopfzerbrechen gerettet: Ich wollte mich nach der Nominierung durch mein Institut an meiner Gasthochschule bewerben. Dazu wies mich die Partneruni an, mich im Online-Portal anzumelden und die nötigen Unterlagen hochzuladen. Die Webseite der Uni Tübingen wiederum erklärte mir, dass ich mich dafür nur registrieren kann, wenn ich von meiner Gasthochschule schon angenommen worden bin. Ein Teufelskreis. Der sich nie ergeben hätte, wenn irgendwo erwähnt worden wäre, dass jede Universität ein eigenes Online-Portal für Erasmus hat.

Los geht die Formular-Schnitzeljagd

Selbst das wäre noch zu verzeihen, wenn die notwendigen Formulare wenigstens leicht zu beschaffen wären. Stattdessen war ich wochenlang damit beschäftigt, mir einen Stempel für mein selbst erstelltes englischsprachiges Transcript of Records zu erkämpfen. Dass dieses Dokument für fast jede Gastuni ein Standard in der Bewerbung ist, bedeutet nicht, dass es in Tübingen auch einen offiziellen Weg gibt, an das Dokument zu kommen. Im Prüfungsamt weisen sie nur darauf hin, dass sie keine Datenabschrift auf Englisch erstellen könnten und man das von Hand übersetzen müsse. Und obwohl das Transcript sogar auf der Webseite der Uni genannt wird, gibt es auch hier keine Verlinkung zur Vorlage. Den Grund erfuhr ich vom Dezernat III, Internationale Angelegenheiten: Jedes Institut hat eine eigene Regelung dafür, wie diese Transcripts auszusehen haben.

Geht Erasmus nicht auch einfacher?

Da stellt sich mir die Frage, warum? Warum haben die Institute einzelne Regeln? Warum kann das Erasmus-Programm, über das inzwischen jährlich etwa 200.000 Studierende ins Ausland gehen, nicht so einheitlich geregelt werden, dass die Bewerbung nicht einer Schnitzeljagd gleicht?

Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass man die Bürokratie abschaffen könnte. Und ich verstehe auch, warum viele der Formulare und Bewerbungen an verschiedenen Stellen notwendig sind. Ich glaube aber auch, dass man das Bewerbungsverfahren deutlich vereinfachen könnte, wenn die Informationen dazu übersichtlich und verständlich formuliert wären. Das ist gar nicht so schwierig umzusetzen. Wie wäre es beispielsweise mit einem Download-Bereich auf der Webseite? Ein „Hier findet ihr Vorlagen für die Formulare, die ihr für eure Bewerbung braucht“-Ordner, und das institutsübergreifend.

Klar ist für mich: Dieses Chaos schreckt einen schnell vor dem Auslandssemester ab. Und das ist schade. Schließlich ist ein Erasmus-Aufenthalt etwas absolut Erstrebenswertes und wenn ich nicht selbst vom Konzept Erasmus überzeugt wäre, würde ich mich auch gar nicht erst dafür bewerben. Mit dem Programm überwinden wir die staatlichen Grenzen zwischen uns und allen anderen Studierenden in Europa. Ich persönlich fände es schön, wenn die Organisation dann nicht zur unnötig großen Hürde wird.

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Über

Charlotte Geißler

... ist seit Anfang 2016 bei cantaloup.fm und auch im Social-Media-Team tätig. Ihre Begeisterung für das Schreiben und für den Journalismus kann sie hier praktisch umsetzen.

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