Joachim Gauck in Tübingen: Aus Kränkungen können wir lernen

0

Die Evangelisch-Theologische Fakultät Tübingen verlieh Alt-Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag den Leopold-Lucas-Preis. Und würdigt damit sein Eintreten für Freiheit.

Fast schon bescheiden betritt Alt-Bundespräsident Joachim Gauck die Bühne im Festsaal der Neuen Aula. Ein leicht gebeugter Gang. So, als müsse er heute dem Publikum eine Ehre erweisen. Doch es ist genau umgekehrt. „Für sein Eintreten für die Freiheit als Grundbedingung demokratischen Lebens“, wie es der Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät, Prof. Dr. Michael Tilly formulierte, erhielt Joachim Gauck am Dienstag den Leopold-Lucas-Preis.

Der mit 50.000 Euro dotierte Preis ehrt Menschen, die sich im Bereich der Völkerverständigung und der gegenseitigen Toleranz verdient gemacht haben. Seit 1972 wird er regelmäßig verliehen. Seinen Namen hat er von dem jüdischen Rabbiner Dr. Leopold Lucas, der in Tübingen promovierte.  Von den Nazis deportiert, verstarb er 1943 in Theresienstadt. Sein Sohn Generalkonsul Franz D. Lucas, ehemaliger Ehrensenator der Universität Tübingen, rief den Leopold-Lucas-Preis ins Leben. Richard von Weizsäcker oder der Dalai Lama erhielten ihn schon.

Eine ungewöhnliche Pastoren-Karriere

Dieses Mal ging er also an Joachim Gauck. Als dieser an das Rednerpult tritt, wird es still. Mit ruhiger und gleichzeitig kräftiger Stimme beginnt er zu sprechen. Auch nach vielen Jahren kann er den Beruf des Pastors nicht verleugnen. Auch, wenn sein Leben aus keiner gewöhnlichen Pastorenkarriere bestand. Über die Friedensgebete, die er in der DDR in Rostock organisierte, führte sein Weg über das Amt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, bevor er zuletzt von 2012 bis 2017 Bundespräsident war.

Kränkungen, die wieder aufreißen können

Kränkungen, so Gauck, gebe es heute auf der ganzen Welt: Zwischen dem Westen und Muslimen, zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, sogar zwischen Ost- und Westdeutschen Bundesbürgern. „Kränkung entsteht immer an einer verletzbaren Stelle. Sie offenbart einen Mangel. Eine Beschämung, die nicht überwunden ist. Eine Niederlage, die nicht vergessen ist“, sagte Gauck. Diese Kränkung ruhe in der Seele eines Volkes, „die jederzeit wieder aufreißen kann.“  Aber Kränkungen böten die Chance, eigene Fehler zu erkennen. In Deutschland, so Gauck, konnte man das nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehen: Keine Partei strebte Rache an den Siegermächten an. Keine Partei verfolgte eine radikalisierte Politik. Joachim Gauck betonte, Deutschland habe aus den Fehlern der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus gelernt.

Trotz des schwierigen Themas endete Gaucks Rede optimistisch: „Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden und sie wird noch vielfältiger werden. Vielfalt bringt Neues, Belebendes, Erweiterndes.“ Genauso wichtig sei es, sich darüber bewusst zu sein, welche Werte eine Gesellschaft verbinden. „Das, was eine Gesellschaft in ihrem Innern stark macht, ist auch immer die Stärke ihrer Mitglieder. Ist ihr Selbstbewusstsein, ihr Zutrauen zu sich selbst.“

Teilen.

Über

Nico Schäffauer

... studiert seit 2016 Geschichtswissenschaft und Empirische Kulturwissenschaft. Wenn er gerade nicht im Aufnahmestudio sitzt, schwätzt er lieber Schwäbisch und wird sogar von allen cantaloup-Mitarbeitern verstanden ... meistens :D

Hinterlasse einen Kommentar