Knochen für die Geisterwelt

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Kunst und Musik sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Aber wie kam der Mensch eigentlich darauf, zu musizieren und den Pinsel zu schwingen?

Manche können gar nicht genug von Monet, van Gogh und Picasso bekommen, für andere ist ihre Kunst völlig sinnfrei. Dasselbe gilt für Musik: Was viele für wohltuende Klänge halten, raubt anderen den Nerv.

Aber wie kam man überhaupt darauf, Musik zu machen? Und wie entstand Kunst?

Archäologen schätzen, dass Kunst und Musik vor
40 000 Jahren ihren Ursprung nahmen. „Der momentane Stand ergibt, dass es damals einen sprunghaften Anstieg von Dingen wie Kunst und Musik gab“, erklärt Professor Harald Floss. Er ist Prähistoriker und forscht am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen.

Die alles entscheidende Begegnung

Vor schätzungsweise 250 000 Jahren entstand die Spezies des Homo Sapiens. Zu einer Zeit, in der er auch noch dem Neandertaler hier in Europa und auch im Vorderen Orient begegnete.

„Und es kann gut sein, dass gerade diese Begegnung zu einer gewissen Competiton, einer Konkurrenzsituation geführt hat, in der man auch versucht hat, sich vom anderen abzugrenzen, seine eigene Identität zu schärfen. Und es kommt meines Erachtens auch nicht von ungefähr, dass gerade in dieser Übergangszeit vom Neandertaler zum Homo sapiens diese Objekte, die wir heute Kunst nennen, auftauchen.“

Die Kunst unserer Vorfahren

Somit waren Skulptur- und Instrumentenbau also kein reiner Zeitvertreib, sondern hatten einen Sinn für die damalige Gesellschaft. Sie waren tiefer im Bewusstsein der Menschen verankert. „Man könnte sie sogar im weitesten Sinne schon als frühe Formen von Religion bezeichnen“, meint Floss. Obwohl der Neandertaler der erste war, der seine Toten bestattete, gab es figürliche Kunst wie die Elfenbeinfiguren der Schwäbischen Alb oder Bilderhöhlen tatsächlich erst vor 40 000 Jahren.

„Die Menschen haben sehr viel Zeit investiert, um diese Dinge herzustellen und wenn solche Sammler- und Jägergruppen sehr viel Zeit in etwas investieren, dann merkt man, dass offensichtlich auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit bestanden hat. Diese Gruppen würden nie so viel Zeit und Aufwand für so etwas investieren, da gibt es ja heutzutage die experimentelle Archäologie, die uns sagt, wie lange es gedauert hat, zum Beispiel solche Kunstwerke herzustellen, wenn man das nicht für einen tieferen Zweck hat benutzen und nutzen können.”

Mehr als zehn Flöten fanden Archäologen in den Höhlen der Schwäbischen Alb. Hergestellt aus Vogelknochen oder Elfenbein, wurden sie in denselben Erdschichten gefunden wie kleine Skulpturen. Kann man daraus schließen, dass Kunst und Musik derselben Zeit entspringen? Genau nachzuweisen ist auch das leider nicht. „Aber ich denke schon, dass diese Flöten und diese Musik mit den frühen Kunstwerken in ein und dieselben Vorgänge eingebunden waren“, vermutet Harald Floss.

Hinab in die Geisterwelt

Interessant ist auch der Fundort der Kunstwerke. Der „Löwenmensch“ vom Höhlenstein, hier auf der Schwäbischen Alb, wurde beispielsweise im hintersten Teil der Höhle gefunden.

Unsere Vorfahren unterschieden also bewusst zwischen Stellen, an denen sie gesiedelt haben und Stellen, an denen sie ins „Dunkle“ und „Unbekannte“ vordringen mussten. „Man gewinnt beinahe den Eindruck, als wollten die Menschen tief in den Untergrund vordringen“, erklärt Floss.

„Da fragt man sich natürlich, was die da suchen. Und es kann schon sein, dass die Höhlen die Gebiete sind, in denen man in die Geisterwelt vordringt, wo man die Ahnen aufsucht und mit denen in Kontakt tritt. Und ich persönlich vermute, dass eben diese frühen Kunstwerke und auch die Musikinstrumente in solche Vorgänge und Riten eingebunden waren.“

Kunst oder Musik – was kam zuerst?

Was davon nun als erstes entstand, ist schwer zu sagen. Vermutlich Musik, weil sich Sprache und Kommunikation allgemein mit Sicherheit vor Skulpturen und Malereien entwickelten. Unsere Vorfahren hatten aber auch nicht dasselbe Verständnis von Kunst wie wir. Ein für uns hochwertiges und ästhetisch ausgearbeitetes Kunstwerk muss nach damaligem Verständnis nicht unbedingt mehr Wert gehabt haben als etwa ein ganz simpel bearbeiteter Knochen.

Auch wenn der Ursprung nicht ganz genau festzumachen ist, verdanken wir also höchst wahrscheinlich der Begegnung von Neandertaler und Homo Sapiens die Kunst und die Musik. Sie machen bis heute einen Teil unserer menschlichen Identität aus. Und wer weiß, wie es sonst alles abgelaufen wäre – gäbe es überhaupt die Mona Lisa und Beethovens fünfte Sinfonie?

  • Harald FlossProfessor Doktor Floss arbeitet seit 1997 an der Universität Tübingen. Er forscht am Institut für Ur- und Frügeschichte und Archäologie des Mittelalters in der Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie.
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Über

...studiert seit 2015 in Tübingen. Sie gehört zu den "Neuen" bei cantaloup.fm und tanzt seither nicht mehr nur zu den Songs im Radio, sondern sitzt auch hinter dem Mikro.

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