Zwischen Misstrauen und Mystik: Die Entstehung der Schrift

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Ob Keilschrift oder Schriftzeichen, geschrieben wurde schon vor 3000 Jahren. Doch ist Schrift nicht gleich Schrift und die Verwendung könnte unterschiedlicher kaum sein.

Fisch, Zinnlöffel und eine Bratpfanne. Das steht auf dem wohl ältesten noch erhaltenen Einkaufszettel. Er ist etwa 400 Jahre alt. Bis heute schreiben wir alle möglichen Dinge auf. Was wir im Supermarkt besorgen müssen, allerlei Notizen, Liebesbriefe oder auch literarische Werke. Eine Selbstverständlichkeit für den Menschen. Und auch eine Hilfe, denn wir müssen uns nicht mehr alles merken, was uns zu Ohren kommt oder uns beschäftigt. Gerade für die Erinnerungskultur spielt Schrift eine wichtige Rolle. Mündliche Überlieferungen können durch die Niederschrift festgehalten werden und sind nicht mehr stetiger Veränderung ausgesetzt. Das Schreiben verhindert quasi eine endlose Partie „Stille Post“. Zwar stammt der älteste Einkaufszettel aus dem 17. Jahrhundert, die Erscheinung von Schrift ist aber viel älter. Sie versetzt uns in die Zeit lange vor Christi Geburt.

Ich schreibe, also bin ich

Schrift gehört zu den Merkmalen, die eine Kultur zur Hochkultur erhoben, also zu einer komplexeren Gesellschaftsform vor vielen hundert Jahren. Das Schreiben begünstigte zum Beispiel Buchhaltung, und damit auch den Handel. Schrift lässt sich in allen frühen Hochkulturen nachweisen und fasziniert bis heute: seien es die Keilschrift in Mesopotamien, die Hieroglyphen der Ägypter oder die Schriftzeichen in China.

Die beiden früheren Schriftsysteme Keilschrift und Schriftzeichen zeigen, dass Schrift historisch betrachtet in verschiedenen Bereichen Anwendung fand. Forscher datieren die Keilschriften auf ca. 3000 v.Chr. und Schriftzeichen auf etwa 1250 v.Chr. zurück. Sie gehen davon aus, dass es auch früher schon Schrift gegeben hat, sie aber nicht mehr nachweisbar ist, zum Beispiel weil die Materialien die Zeit nicht überdauerten. Was uns bleibt, sind Tafeln und Schildkrötenpanzer – und eine Menge Rätsel.

Schauplatz Uruk
Fundstück aus der Uruk-III-Zeit/ Foto: Museum der Universität Tübingen MUT / Valentin Marquardt

Fundstück aus der Uruk-III-Zeit/ Foto: Museum der Universität Tübingen MUT / Valentin Marquardt

Das Reich Uruk um 3000 v.Chr. ist der erste Fundort auf der Suche nach dem Ursprung der Schrift. Vieles aus dieser Zeit sei noch unbekannt, meint Prof. Andreas Fuchs von den Altorientalischen Philologie der Universität Tübingen. Aber: Hier soll bereits Schrift aufgekommen sein. Die Erfindung der Keilschrift ist allerdings nicht die Erfindung der Schrift schlechthin, sondern einer Schrift. Angefangen hat die Keilschrift in der Uruk-Zeit mit einer Bilderschrift in der Wirtschaftsverwaltung. Die Priester hätten die Schrift nicht erfunden, so Fuchs, sondern die Geschäftsleute:

“Die Entwicklung der Schrift, oder die Vorläufer, sind Ausdruck des Misstrauens: Man möchte sich gegen Betrug wappnen.”

Vertrauen ist gut, Mitschrift ist besser

Wurde beispielsweise eine Herde Schafe in die Nachbarstadt gebracht, so erhielt der Bote zunächst ein versiegeltes Gefäß, in dem Zählsteine die genaue Zahl der Schafe angaben. Für jedes Schaf gab es einen runden Stein mit einem Kreuz in der Mitte. So konnte der Empfänger genau kontrollieren, ob auch alle Schafe ankamen und nicht eins auf dem Weg „verloren“ ging. Die Zählsteine wurden später durch Schriftstücke ersetzt. So sparte man sich die Herstellung der Steinchen. Auch wenn die Ländereien vor allem in Tempeln verwaltet wurden, hatte die Schrift zunächst keinen religiösen Nutzen, erklärt Andreas Fuchs:

“Es geht nicht um Religion. Die Priester haben die Schrift gar nicht erfunden, die haben sie sogar erst relativ spät verwendet. In Mesopotamien müssen Sie davon ausgehen, dass eigentlich wichtige Dinge auch im kultischen und religiösen Bereich mündlich tradiert wurden – nicht schriftlich.”

Quittung über 38700 Liter Gerste/ Foto: Museum der Universität Tübingen MUT / Valentin Marquardt

Quittung über 38700 Liter Gerste/ Foto: Museum der Universität Tübingen MUT / Valentin Marquardt

Das Religiöse und Kulturelle fand weiterhin nur mündlich statt. Erst 500 Jahre nach der Entwicklung der Keilschrift kamen erste Privatdokumente auf. Auch sie beziehen sich laut Fuchs weitestgehend auf Kauf- und Verkaufsnachweise. Private Briefe fand man nur wenige.

Schreiben ist Macht

Damals ging es weniger um Informationsverbreitung für die Massen als um eine Informationssicherung für eine begrenzte Anzahl von Menschen. Weite Teile der Bevölkerung, aber auch manche Könige, konnten weder lesen noch schreiben. Die Herrscher mussten Schreiber anstellen, die ihnen auch vorlasen. Der schriftliche Austausch war auch zwischen den einzelnen Königshäusern möglich:

“Das Auffällige an dieser Schrift ist, dass obwohl man davon ausgeht, dass es gar kein geeintes Mesopotamien gab, die Schrift absolut einheitlich von allen verwendet wird.”

Die Menschen schrieben auf Ton. Das ist gar nicht so leicht. Besonders schwierig ist es, Kurven und Kreise mit dem Keil zu zeichnen. Vor diesem Problem standen auch die Schreiber der damaligen Zeit. So habe man Bögen und Kurven in verschiedene gerade Linien aufgebrochen, um schneller schreiben zu können, meint Fuchs. Dadurch wurden die Zeichen schnell abstrakt und waren mitunter nur noch schwierig zu erkennen.

Das Ende der Keilschrift – der Beginn der chinesischen Schrift

Mit der Eroberung der Region durch Alexander den Großen im 4. Jahrhundert v.Chr. und der Einführung monotheistischer Religionen und Tempel verschwanden die alten Tempelanlagen. Und somit die Zentren der Keilschrift.

Schrift photo

Foto: 悠遊山城.樹玫瑰.庭園美食. – 殷   甲骨文(こうこうつぶん) (CC Attribution License)

Bevor die Keilschrift um etwa 1000 v.Chr. langsam aber sicher endete, begann die Geschichte der chinesischen Schrift. Zumindest lassen sich die ersten chinesischen Schriftzeichen in Form vom Orakelknochen auf die Jahre um 1250 v.Chr. datieren. Wie in Mesopotamien sind auch in China Einritzungen auf Tonscherben gefunden worden, die um 3000 v.Chr. entstanden sein müssen. Laut dem Tübinger Sinologen Prof. Achim Mittag könnten auch diese nicht zweifelsfrei als erste schriftliche Zeugnisse angesehen werden. Ihm zufolge lässt die Komplexität der Orakelknochen den Schluss zu, dass es bereits vorher schon Schrift gegeben haben muss. Im Gegensatz zur Keilschrift, die im Laufe der Zeit verschwand, entwickelte sich die Orakelschrift fortwährend weiter. Bis hin zur heutigen chinesischen Schrift.

Ein Fest für die Götter

Die Orakelschrift, benannt nach den Orakelknochen, findet im Ritual ihre Anwendung. Wurde die Keilschrift erst deutlich später für das religiöse Ritual genutzt, weisen bereits die ersten Fundstücke der chinesischen Schriften eine solche Funktion auf. Es waren die Shang-Könige (ungefähr 1600 bis 1046 v.Chr.), die regelmäßige Orakelbefragungen anleiteten. Es ging hoch her, wenn der König zur Orakelbefragung bat. Die wurde nämlich stets von opulenten Festen begleitet. Das Ritual diente dazu, den Opfertarif mit den Ahnen auszuhandeln, so Mittag: Wie viele Hammel müssen geschlachtet und Sklaven getötet werden, damit die Zahnschmerzen der Mutter verschwinden? Oder: Was können wir tun, damit es morgen Regen gibt? Um das beim Ritual zu beantworten, erhitzte der Priester Knochen und Schildkrötenpanzer. Dabei entstehende Risse und Geräusche deutete der Herrscher. Die Schrift diente dazu, das Ergebnis niederzuschreiben, um es mit Aktenvermerk und Datumanzeige für die Zukunft festzuhalten.

Nach chinesischer Überlieferung soll der vieräugige und achtpupillige Minister Cangjie die Schrift erfunden haben. Mit seinen Augen beobachtete er Himmel und Erde gleichzeitig. Die Vogel- und Tierspuren haben ihn der Sage nach zur Schrift inspiriert. Schrift wurde in China auch etwas Mythisches, Magisches zugeschrieben, sagt Mittag:

“Was man in China nennen kann, ist dieser religiöse und sakrale Charakter der Schrift. Also, dass der Schrift immer etwas Magisches innewohnte. […] Beschriebenes Papier durfte nicht achtlos herumgelegt werden und durfte auch nicht achtlos weggeschmissen werden. [Beschriebenes] Papier wurde immer in speziellen Öfen verbrannt.”

Der Zahn der Zeit

Alltägliche Notizen und auch persönliche Briefe sind in China ab dem 4. Jahrhundert v.Chr. bekannt. Allerdings bleiben sie, zumindest in den Fundstücken, in der Minderheit. Das liegt auch am Material. Überliefert sind heute die frühesten Schriften auf Knochen und Panzer, später auf Bambusstäben sowie in Bronze. Materialien, die haltbar sind. Andere Schreibunterlagen wie Seide und Papier sind deutlich anfälliger für den Zahn der Zeit und mitunter heute einfach nicht mehr auffindbar. Sie wurden aber im Gegensatz zu den Knochen nicht nur für religiöse Rituale verwendet.

Auch die staatliche Verwaltung und Erkenntnisse in der Astronomie wurden schriftlich festgehalten. Gerade die ausgefeilte Schrift, so Mittag, legt die Vermutung nahe, dass andere Schreibmaterialien im staatlich-administrativen Bereiche bereits lange eingesetzt wurden.

Mehr als ein Liebesbrief

Mesopotamien und China zeigen, dass Schrift für den Staat und die Entwicklung der Zivilisation eine große Rolle spielten. Dabei kann der Schrift je nach Kultur eine andere Funktion zuteil werden – ob wirtschaftlich oder religiös. Klar ist aber auch, dass die Gabe des Schreibens immer nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugänglich war. Das wurde oft mit Machtfragen verbunden. Wer im früheren China in die Verwaltung wollte, musste der Schrift mächtig sein und sich der sagenumwobenen Erfindung des mystischen Ministers Cangjie zuwenden: Schrift wird in China bis heute als Kulturgut begriffen, auf welches das chinesische Volk bis heute stolz ist. Es ist stolz auf die über 3000 jährige Geschichte der eigenen Schrift, die immer wieder reformiert und modifiziert wurde, aber bis heute Bestand hat. Schrift ist mehr als nur ein Einkaufszettel oder ein Liebesbrief. Schrift ist Erinnerung, ist Macht, ist Kultur, ja sogar Identität.

  • Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft von cantaloup.fm und dem Museum der Universität Tübingen (MUT) zur Jahresausstellung 2017. Die Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des MUT, Ursprünge – Schritte der Menschheit, ist vom 20. Mai bis zum 3. Dezember 2017 geöffnet. Ursprünge möchte anhand von “Epochemarkern” die Entwicklung der Menschheit nachvollziehen. Die Themen der Ausstellung reichen von der Entstehung des aufrechten Gangs und den Ursprüngen von Kunst, Religion, Musik und Schrift bis hin zur Globalisierung.
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Über

Frederik Schmitz

... ist Sinologie-Student (M.A) und China-Freak aus Düsseldorf, der seit 2016 in Tübingen lebt und studiert. Genau so lange (kurz ;) ) ist er auch beim Uniradio cantaloup.fm dabei.

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