Von Reden sprechen. Norbert Lammert würdigt 50 Jahre Allgemeine Rhetorik

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Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen feierte diese Woche sein 50-jähriges Bestehen. Festredner Norbert Lammert gelang der Spagat zwischen Humor und Nachdenklichkeit.

2017 hat die Tübinger Rhetorik doppelten Grund zum Feiern. Erstens: Allgemeine Rhetorik wird dank Begründer Walter Jens seit nun 50 Jahren an der Universität Tübingen gelehrt. Ein inzwischen in dieser Form einzigartiger Studiengang in Europa, der die Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis von Rhetorik beleuchtet. Zweitens: Der ans Seminar angebundene Verein zur Förderung der Rhetorik in Wissenschaft und Praxis e.V. (“Rhetorikforum”) wird dieses Jahr immerhin 20.

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Leiter des Seminars für Allgemeine Rhetorik und 1. Vorsitzender des Rhetorikforums Prof. Joachim Knape. Foto: Stefan Diaz

Im Zeichen des Doppeljubiläums stand die Rhetoriktagung SaTüR, die jedes Jahr abwechselnd an der Uni Salzburg und der Uni Tübingen stattfindet. Diese Woche behandelten Rhetorik-Seminar, Rhetorikforum sowie der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache e.V. (VRdS) mit Beteiligung von Studierenden das Redenhalten und Redenschreiben in Vorträgen und Workshops.

Die Veranstalter bezogen zwei öffentliche Festlichkeiten mit in die Tagung ein: Donnerstag dozierte der renommierte Germanist und Rhetorikforscher Karl-Heinz Göttert von der Universität zu Köln. Das war Teil der Jubiläums-Ringvorlesung innerhalb des Studium Generale. Freitagabend fand schließlich der offizielle Festakt der Universität statt – mit Bundestagspräsident Norbert Lammert als Festredner.

Auf die Pauke hauen – gegen den Trommelwirbel

Im Festsaal in der Neuen Aula der Universität fanden am Freitag hunderte Gäste zusammen. Darunter war auch Inge Jens, Literaturwissenschaftlerin, Publizistin und Witwe des 2013 verstorbenen Lehrstuhl-Begründers. Zu den weiteren Gästen gehörten Oberbürgermeister Boris Palmer, der Dekan der philosophischen Fakultät Prof. Jürgen Leonhardt, Professoren, Dozenten und Studierende.

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Von links: Prof. Dietmar Till, Moderatorin Saskia Naumann, Prof. Olaf Kramer und Prof. Knape. Foto: Stefan Diaz.

Die Tübinger Prorektorin für Internationales, Prof. Monique Scheer, betonte im Grußwort, offenbar stellvertretend für Rektor Bernd Engler, die Wichtigkeit der Rhetorik für Gesellschaft und Wissenschaft. Sie beschrieb die bedeutende Rolle von Kommunikationsexperten, angesichts erstarkendem Populismus und vermeintlich postfaktischer Zeiten.

Der Leiter des Seminars für Allgemeine Rhetorik und damit Nachfolger von Walter Jens und Gert Ueding, Prof. Joachim Knape, zitierte in seiner Begrüßung der Gäste aus dem Antrag, in dem Jens die Einrichtung eines Studiengangs Allgemeine Rhetorik forderte. Durch mehrere Zitate des Begründers wurde deutlich, dass durchaus ethische und demokratietheoretische Überlegungen zur Tübinger Rhetorik gehören:

Aus dem Gründungsantrag
“Zur Begründung dieses Antrags weise ich darauf hin, dass es auf die Dauer ganz unmöglich ist, zwei so umfangreiche Fächer wie die klassische Philologie und die Rhetorik angemessen vertreten zu können. Wenn man bedenkt, dass an den amerikanischen Universitäten die Rhetorik auf breitester Basis gelehrt wird – es gibt innerhalb der Rhetorik-Institute Fach-Abteilungen für Homiletik, für Fragen der Propaganda, der Geschichte der Rede, des Nachlebens der antiken Rhetorik, der Poetik und Rhetorik, der Werbung etc. – wenn man weiter bedenkt, dass die Disciplin der Rhetorik in gleicher Weise die Kenntnis der mittelalterlichen Briefsteller, der englischen Parlamentsrede oder der Propagandapraktiken des Totalitarismus verlangt, und wenn man sich schließlich vor Augen führt, dass von einer Geschichte der deutschen Predigt bis zu einer Darstellung der rhetorica nova, die im Augenblick in den angelsächsischen Ländern eine große Renaissance erlebt, auf dem Felde der Rhetorik die wichtigsten Aufgaben noch zu tun sind, dann wird leicht einsichtig sein, dass ein Wissenschaftler neben dieser Disciplin unmöglich noch ein zweites Fach versorgen kann. Es erscheint also plausibel, dass – um einen Anfang zu machen – auf deutschem Boden jedenfalls ein selbständiges Institut für Allgemeine Rhetorik eingerichtet wird.” (Walter Jens)
Aus der Rede über demokratische Beredsamkeit von 1988
„Während Diktatoren die Wahrheit schminken und Beredsamkeit durch eine Agitation ersetzen, die, statt Argumente, vorzutragen auf die Macht, die Pistole, die Garrotte verweist, zeigt demokratische Beredsamkeit die Ambivalenz der Probleme, verdeutlicht das Dunkel, das neben dem Licht ist und verweist auf die Kosten der Siege: Viele werden sterben, und in unzähligen Familien wird geweint werden, am Tag, wenn die Kirchenglocken zum Siegesfest läuten.” (Walter Jens)

Herrscht das Volk, regiert die Rede; herrscht der Despotismus, dann regiert der Trommelwirbel. (Walter Jens in seiner Antrittsvorlesung)

Zusammen mit seinen Kollegen, den Professoren Olaf Kramer und Dietmar Till, erläuterte Knape in einer kurzen Podiumsdiskussion die Gültigkeit der historischen Rhetorik-Theorie bei gleichzeitiger Relevanz der modernen Rhetorik-Forschung. So seien beispielsweise der moderne Populismus als “Propaganda light” und Donald Trumps Tweets quasi als “Mini-Reden” zu verstehen, und die Vermittlung von Rhetorik- und Präsentationskompetenz bereits in der Schule von Bedeutung.

Die “Kosten der Siege” – Debatten und das Grundgesetz

Neben Inge Jens war Bundestagspräsident Prof. Norbert Lammert einer der Ehrengäste des Abends. 2016 würdigte das Seminar für Allgemeine Rhetorik seine Rede zum Tag der Deutschen Einheit als “Rede des Jahres”. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass er den Jacob-Grimm-Kulturpreis 2017 für die hohe sprachliche Qualität sowie seine Verdienste um die deutsche Sprache verliehen bekommt.

Wie er selbst anmerkte, hielt Lammert nun seine Festrede zum Thema “Reden in der Demokratie” zwanzig Jahre nach der Festrede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, “Rhetorik in der Demokratie”. Zu dieser Anmerkung passend, erwies sich die Festrede des Abends trotz aller Feierlichkeiten als (selbst-)kritische Analyse von Abgeordneten, Erwartungen an Politiker – und auch vom Selbstverständnis der Rhetoriker.

Foto: Stefan Diaz

Foto: Stefan Diaz

Der Wirkungsmacht von Sprache stellte Lammert das bereits Abgesprochene, Vorbestimmte gegenüber. In den deutschen Parlamenten würden “zu viele Reden gehalten werden und zu wenig debattiert”.

Lammert plädierte am Freitag nicht zum ersten Mal für die Verankerung von Deutsch als Landessprache im Grundgesetz. Vergleichsweise habe es, so impliziert er, schon weitaus weniger reflektierte, eben nicht gründlich debattierte Grundgesetzänderungen geben. Er lobte im gleichen Zug das Deutsche Grundgesetz als “eine der großen Verfassungen der Welt” und hinterfragte die über 50 Ergänzungen seit dessen Entstehung. Das Grundgesetz sei inzwischen doppelt so dick; doppelt so gut sei es mit Sicherheit nicht. Lammert warnte vor Verfassungsänderungen als voreilige, strategische Manöver von großen Koalitionen gegen schwache Oppositionen – mit Fingerzeig auf die jüngst beschlossene Finanzreform, gegen die er gestimmt hatte.

Der Kritik, dass es zurzeit an großen Reden mangele, hielt Lammert entgegen, dass große Fragen wie die der Deutschen Einheit oder der Römischen Verträge momentan schlichtweg geklärt seien. Das äußerte er wiederum nicht ohne selbstironische Spitzen gegen vergleichsweise trivial wirkende aktuelle Tagesordnungen im Bundestag.

Lammert hinterfragt Jens

Für Überraschung bei einigen Zuhörern im Festsaal dürfte gesorgt haben, dass Lammert durchaus auch Grundüberlegungen zur Rhetorik hinterfragte – auch von Walter Jens.

Rede = Demokratie?
In einem Essay schrieb Historiker Joachim Fest: “Wenn Demokratie die Herrschaft durch den offenen Austrag von Meinungsgegensätzen ist, ist die Rede nicht nur ein bloßes Instrument. Sie ist so viel wie die Sache selbst.”

Norbert Lammert widersprach: “Hübsch formuliert, aber maßlos übertrieben. Wie ich überhaupt – nicht nur, aber auch – in der Rhetorik die gelegentliche Neigung beobachte, Wunschdenken mindestens neben, gelegentlich auch an die Stelle empirischer Sachverhalte zu setzen.

Es ist nicht dasselbe, das Reden über eine Sache und die Sache selbst. Weder in freien noch in unfreien Diskursen. Mehrheitsbeschlüsse erfolgen wie Kommandos im Medium der Sprache und haben nun durchaus ähnliche Hintergründe. Sie vermitteln Geltungsansprüche, die auf unterschiedliche Weise zustande kommen und sich jeweils im Medium der Sprache ausdrücken.”

Wahrheitsanspruch im Parlament
Walter Jens sprach in seiner Theodor-Heuss-Preisrede von 1988 über die Verbindung von Wahrheit, Demokratie und Beredsamkeit: “Die Wahrheit also – und zwar ungeschminkt – zu benennen, ist erste Pflicht der parlamentarischen Rede.”

Norbert Lammert griff auch dieses Zitat auf und entgegnete: “Das glaube ich nun nicht. Die hinreichende, ausreichende und auch kaum überbietbare Erwartung an den parlamentarischen Redner ist, Vorhaben zu vermitteln, Anliegen kenntlich zu machen, Auffassungen vorzubereiten, Überzeugungen zu vermitteln, Interessen zu verbreiten. Aber verdammt noch mal nicht, Wahrheiten geltend zu machen!”

Gegen den Trommelwirbel
Auch der eingangs von Knape zitierte Quasi-Leitsatz der Tübinger Rhetorik blieb von Lammert nicht verschont: “‘Wenn das Volk herrsche, regiere die Rede, im Despotismus dominiert der Trommelwirbel’ übersieht, dass der Trommelwirbel in einer erstaunlichen Regelmäßigkeit in demagogischer Rede als Zwillingspärchen auftritt.”

Dass tatsächlich eine Kluft zwischen Idealen und Realität bestehen kann, auch, dass der Übergang zwischen Rhetorik und Propaganda nicht immer trennscharf ist, das sind bekannte Problematiken, denen sich die Allgemeine Rhetorik immer wieder stellen muss. Bereits in der vorangegangenen Podiumsdiskussion erwähnte Joachim Knape die Verantwortung der Rhetoriker, schädliche Kommunikation zu erkennen, benennen und zu entschärfen.

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Zu den Gästen gehörte auch Inge Jens (4. von links). Foto: Stefan Diaz

Insgesamt verkörperte Lammert aber gerade wegen seines kritischen Ansatzes, seiner Verdeutlichung von Problemen und seiner Achtung vor dem Grundgesetz genau die Art von Redner, die Walter Jens offenbar vorschwebte. Mit Esprit vorgetragen, gestaltete Lammert seine Festrede mit vielen humorvollen Passagen aus. Das (inzwischen überholte) Forschungsergebnis, dass nur sieben Prozent der Überzeugung vom Redeinhalt abhingen und der Rest von Körpersprache und Stimme, kommentierte er trocken: “Ich habe deswegen ernsthaft überlegt, ob ich heute Abend nicht besser einen Pantomime-Vortrag halte.” Auf ähnliche Weise scherzte er über unverständliches Beamtendeutsch und sorgte damit für einige Lacher.

Humorvoll schloss Lammert seine Rede, aufbauend auf einem Zitat von Albert Einstein:

“Woher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?“ – Von niemandem verstanden, von allen gemocht… Der Traum aller Politiker!

[…] Für die Wissenschaften und ihre Befunde ist völlig gleichgültig im weitesten Sinne, ob Sie gemocht werden, und beinahe unerheblich, ob Sie verstanden werden. In diesem Sinne verbinde ich meine Glückwünsche zu stolzen 50 Jahren dieses Seminars mit der besonderen Gratulation zu dieser luxuriösen Privilegierung, um die ich Sie täglich beneide, verbunden mit einer hämischen Hoffnung, dass das, was Sie produzieren, wenn schon nicht gemocht, dann doch möglichst verständlich ist.

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Über

Oliver Schaub

... studiert Allgemeine Rhetorik und Politikwissenschaft. Namensgeber von cantaloup.fm mit hoher Stirn und tiefer Stimme. Seit Oktober 2014 beim Uniradio; von Mai bis Dezember 2016 studentische Hilfskraft mit Schwerpunkt "Text".

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