Das Zeicheninstitut muss bleiben!

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Der Leiter des Zeicheninstituts Frido Hohberger geht Ende September in Rente – vielleicht ohne Nachfolger. Das wäre ein Armutszeugnis für die Uni. Ein Kommentar.

Oktober 2013. Das Wintersemester beginnt, verschüchterte Erstis gehen durch die Hallen der Neue Aula. In einem der oberen Stockwerke sitzt Frido Hohberger. Er sitzt einer Studentin gegenüber. Sie zeichnet ein Selbstportrait. Eigentlich zeichnen Hohberger und sie gemeinsam. Während sie einen Bleistift hält, lenkt er ihre Hand und führt sie über das Papier. Hohberger nimmt Studierende buchstäblich an die Hand und bringt ihnen das Zeichnen näher. Nach diesem Eindruck beim Dies Universitatis trage ich mich für einen seiner Zeichenkurse ein. Ich bin einer der Erstis.

Von Schließung bedroht

Als ich anfing, im Zeicheninstitut zu lernen, dachte ich: So muss das Studium sein. In den Vorlesungen und Seminaren meiner Studienfächer präge ich mir Theorien ein und lerne, wissenschaftlich zu arbeiten. Und abends kommt das Zeichnen. Fernab von ECTS-Punkten, Noten, Prüfungen.

Während ich mich als naiver Ersti auf so etwas wie eine humanistische Ausbildung freue, weiß ich zu dem Zeitpunkt nicht, dass Frido Hohberger 2017 in Rente geht. Und dass alles, was danach mit dem Zeicheninstitut passiert, von Geld, Räumlichkeiten und Senatsbeschlüssen abhängt.

Bislang ist unklar, ob das Zeicheninstitut überlebt. Foto: Zeicheninstitut Tübingen

Bislang ist unklar, ob das Zeicheninstitut überlebt. Foto: Zeicheninstitut Tübingen

Tatsächlich gibt es bislang keine Gewissheit, wie es mit dem Institut weitergeht. Zwei Monate vor Hohbergers Verrentung haben seine Schüler allen Grund, nervös zu werden. Eine neue Stelle ist nämlich nicht ausgeschrieben. Der Spitzenverband der deutschen Kulturverbände, der Kulturrat, hat das Zeicheninstitut in seine Rote Liste bedrohter Kultureinrichtungen aufgenommen. Das bundesweit einzige universitäre Zeicheninstitut sei von Schließung bedroht, heißt es dort. Obwohl es seit 200 Jahren existiert. Wie kann eine Exzellenz-Uni das zulassen?

Gegen das Interesse der Studierenden

Eigentlich müsste es ureigenes Interesse der Universitätsleitung sein, das Institut in seiner Form zu erhalten. So viel kann eine neue Stelle nicht kosten, dass man den kulturellen und pädagogischen Wert des Instituts riskiert. Im Schwäbischen Tagblatt hieß es kürzlich, dass die Uni anstelle eines neuen Leiters ein sogenanntes „Artist in Residence“-Konzept möchte. Die Pressestelle der Universität hat das noch nicht bestätigt; Gewissheit gibt es erst nach einer kommenden Senatssitzung der Universität. Das „Artist in Residence“-Konzept bedeutet befristete Lehraufträge an unterschiedliche Künstler. Dadurch könnte sich die Uni mit vielen Künstlernamen schmücken. Am Wesen des Instituts schießt die Idee aber vorbei.

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Studierende besprechen nach dem Zeichenkurs ihre neuen Werke. Foto: Zeicheninstitut Tübingen

Nicht jeder gute Künstler ist auch ein guter Pädagoge

Zum einen wird das Zeicheninstitut weder langfristig repräsentiert, noch verwaltet. Zum anderen ist die Beständigkeit, die mit einem langjährigen Zeichenlehrer einhergeht, pädagogisch bedeutsam. Studierende und Lehrer bauen eine Verbindung auf. Die Studierenden vertrauen Hohberger, und er nimmt sich viel Zeit für Feedback, begleitet die künstlerische (und damit auch persönliche) Entwicklung des Einzelnen oft jahrelang. Er nimmt sie eben an die Hand. Es wird ohnehin schwierig werden, einen würdigen Ersatz zu finden. Mit ständig wechselnden Gastlehrern wird es schlichtweg unmöglich.

Frido Hohberger gibt Feedback zu den Bildern seiner Schüler. Foto: Zeicheninstitut Tübingen

Frido Hohberger gibt Feedback zu den Bildern seiner Schüler. Foto: Zeicheninstitut Tübingen

So viel kann eine neue Stelle nicht kosten, dass man den kulturellen und pädagogischen Wert des Instituts riskiert.

Hohbergers Zeichenschüler haben eine Petition gestartet, unter der viele Leute schreiben, was ihnen das Institut in seiner Form persönlich bedeutet. Sie sagen deutlich: Es muss ein neuer Leiter her. Ich unterschreibe das gerne, auch wenn es mich überraschen würde, wenn eine solche Petition die Uni-Gremien kümmert.

Retten Sie die Lehre!

Im Zeicheninstitut konnte bislang jeder einen Ausgleich zum Unistress finden, aus jedem Fach, jedem Semester, ob Tübinger oder Austauschstudent. Das Institut fördert Kreativität, Beobachtungsgabe und Geduld. Das sind wichtige Eigenschaften. Warum also nicht schon längst eine neue Stelle ausgeschrieben ist? Weil an unserer Universität die Lehre vernachlässigt wird. Dabei ist sie genauso Teil des universitären Alltags wie Forschung. Nur fließt dahin wesentlich mehr Geld. In der Lehre? Kürzungen der Tutorenstunden, befristete und schlecht bezahlte Lehraufträge, und und und.

Die Zeichenschüler bangen. Sie sehen das Institut schrumpfen (2012 gab es etwa noch Keramikkurse mit Brennöfen), werden lange im Unklaren gelassen und verlieren vermutlich eine Ansprechperson, die sie über die Jahre hinweg schult. Falls das „Artist in Residence“-Konzept nicht aufgeht, fällt das Zeicheninstitut vermutlich ganz weg. Beim Uniradio ist sehr ähnliches passiert: Die Verrentung der Leiterin im Blick, wurde zunächst die Sendelizenz entzogen, dann eine Halbtagsstelle aufgelöst, das Budget heruntergefahren, und schließlich die Institution aufgelöst. Die Stelle der Leiterin, die Geldmittel: Längst anderswo verplant.

Ich bitte den Senat der Universität, das Institut in seiner jetzigen Form zu erhalten. Andernfalls sind alle Nachhaltigkeits- und Exzellenzkampagnen nur scheinheilig.

Was für eine Uni wollen wir?

Die Universität sollte solche außerfakultären Einrichtungen schützen und fördern. Weil sie ein wichtiger Teil der Lehre sind, die den Studenten mehr vermittelt als nur wissenschaftlichen Austausch. Die sogenannten Soft-Skills und Erfahrung. Ja, sogar die Persönlichkeit der Studierenden wird dort geschärft. Ich bitte den Senat der Universität, das Institut in seiner jetzigen Form zu erhalten. Andernfalls sind alle Nachhaltigkeits- und Exzellenzkampagnen nur scheinheilig. Andernfalls ist die Uni weniger Bildungseinrichtung als Betrieb.

Ich möchte nicht, dass ein Universitätsabschluss in Zukunft nur bedeutet, als Fachidiot möglichst schnell möglichst viele ECTS-Punkte gesammelt zu haben, ohne Blick nach links und rechts. Wenn es für 200 Jahre alte, einzigartige Institute keinen Respekt an dieser Uni gibt, verkümmert sie bereits zur Exzellenzmaschine: herausragend in einzelnen Forschungsbereichen, aber seelenlos.

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Über

Oliver Schaub

... studiert Allgemeine Rhetorik und Politikwissenschaft. Namensgeber von cantaloup.fm mit hoher Stirn und tiefer Stimme. Seit Oktober 2014 beim Uniradio; von Mai bis Dezember 2016 studentische Hilfskraft mit Schwerpunkt "Text".

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