Die Fabel vom spendablen Schwaben

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Nicht jedem Vorurteil, das man über seine Mitmenschen hört, sollte man sofort Glauben schenken.

Als Münchnerin im Schwabenland habe ich meine eigenen Erfahrungen mit dem großen Vorurteil über die Schwaben gemacht.

Vor gut einem Jahr bin ich ins Ländle gezogen. Um ehrlich zu sein, habe ich davor über die Schwaben nicht viel gewusst. Ein Vorurteil über uns Bayern lässt sich also schon mal bestätigen: Wir schauen selten über unseren Bundesland-Tellerrand hinaus. Auch wenn Tübingen eine Studentenstadt mit vielen „Reigschmeggde“, also Zugezogenen ist, kommen doch auch einige aus Tübingen selbst oder aus dem Umland. Ich war jetzt mitten unter Schwaben – und über die wird eine Sache immer wieder gesagt: Sie sind geizig! Von Kommentaren wie „Da kommt der Schwabe in mir durch“ bis zu „Typisch Schwabe“ habe ich schon am Anfang meiner Tübinger Zeit einiges gehört. Das führt zu absurden Geschichten: Da liest man schon mal von Müttern, die die Zuckerpäckchen im Café einstecken und dann in die Zuckerdose zu Hause streuen. „Spendabler Schwabe“, das klingt dem Vorurteil nach wie ein Fabelwesen. Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Ein Beispiel ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Eine großzügige Helferin

Foto: Sarah Mohrat

Foto: Sarah Mohrat

Die meisten Studenten kennen die Probleme mit den Tübinger Fahrkartenautomaten kaum, weil sie ein Semesterticket besitzen. Aber jeder andere, der regelmäßig mit den TÜ-Bussen fahren muss, kennt die Verzweiflung, vor den verflixten Automaten im Bus zu stehen und kein Kleingeld mehr zu haben. Mit Geldscheinen kann man sich in dem Moment nichts kaufen. Nur wer so etwas Seltenes wie eine Geldkarte besitzt, kommt da noch an eine Fahrkarte.

Ich habe einmal mein Semesterticket verloren, ein neues konnte ich nicht sofort kaufen, und musste mich deswegen auch erstmal mit den Automaten auseinandersetzen. Es war so: Regelmäßig stehe ich vor dem Automaten und stelle fest, dass ich vergessen habe, mein Kleingeld zu wechseln. Deswegen muss mich bei den anderen Fahrgästen nach Wechselgeld erkundigen. Leider kann mir auch hier niemand weiterhelfen und so stehe ich dieses eine Mal voller Verzweiflung vor dem Automaten. Und siehe da, eine nette, schwäbische Dame, die ich vorher angesprochen hatte, kommt zu mir und meint: „Des Geld kaa I Ihne zwar net wechsla, aber I dät Sie auf oi Fahrt eilada.“ 2,30 € schenkt mir die großzügige Frau.

Man könnte einwenden, dass es sich hierbei um einen Einzelfall gehandelt hat, aber das ist nicht so. Einige Male habe ich den Rest für eine Fahrkarte von anderen Fahrgästen geschenkt bekommen, seien es nun 50 oder 5 Cent gewesen. Einer dieser fabelhaft-hilfsbereiten Schwaben meinte, wenn ich das nächste Mal jemanden in Not an den Ticket-Automaten sehen würde, solle ich das Geld einfach weitergeben. Und genau das habe ich auch vor. Für mich hat sich auf jeden Fall herausgestellt: Schwaben sind nicht geizig, weder mit Geld noch mit guten Taten.

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Über

Sarah Mohrat

... studiert seit 2016 in Tübingen. Kultur, Bücher und Religion sind ihre großen Leidenschaften, die sie bei Cantaloup tatkräftig mit einbringt.

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