Fit für die Uni? Ein Jahr Refugee-Kurs

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Letztes Jahr gab es an der Uni Tübingen zum ersten Mal einen Refugee-Kurs, der Flüchtlinge auf ein Studium vorbereiten sollte. Was hat sich seitdem getan?

Neun Monate bauten die Teilnehmer ihre Deutschkenntnisse aus, besuchten ein interkulturelles Orientierungsprogramm und informierten sich über ihre angestrebten Studienfächer. Studieren tun jetzt aber längst nicht alle.

Joseph Yateem:

„Wir haben als Kinder immer gesagt, wir werden zusammen Ärzte werden und dann eine Gemeinschaftspraxis zusammen aufmachen.“ 

Joseph Yateem möchte es seinem Bruder gleichtun und Medizin studieren. Um Flüchtlinge wie ihn auf ein Studium vorzubereiten, hat die Uni Tübingen letztes Jahr zum ersten Mal einen Refugee-Kurs angeboten. Der erste Kurs ist bereits zu Ende. Die Programm-Verantwortliche Christine Rubas zieht eine positive Bilanz:

Christine Rubas:

„Wir haben vier Teilnehmer in einen Ausbildungsplatz vermitteln können, vier sind aufs Studienkolleg und wir haben auch einige, die ein Studium jetzt begonnen haben. Also das ist ein Riesenerfolg für unser Programm, weil das ganz wenigen Programmen gelungen ist. Und ich denke, das ist deswegen, weil wir so einen ganzheitlichen Ansatz gefahren sind. Wir haben nicht nur auf Deutschunterricht gesetzt, sondern auf Englisch, auf Mathe, auf interkulturelle Kompetenzen.“ 

Im letzten Kurs stammten die meisten Teilnehmer aus Syrien. Eigenständiges und wissenschaftliches Arbeiten sind sie häufig nicht gewohnt. Auch die deutsche Sprachprüfung war für die 45 Kurs-Teilnehmer eine große Hürde. Nicht alle erreichten das C1-Niveau des europäischen Referenzrahmens.

Christine Rubas:

„Also insgesamt hatten wir etwa 14-15 Leute, die dann direkt studieren konnten mit diesem C1-Zertifikat. Und die anderen sind ,nur auf ein B2-Niveau gekommen. Aber ich sag jetzt mal ‚nur‘ in Anführungsstrichen, weil das eine Leistung ist. “ 

Auch dieses Jahr gibt es wieder einen Refugee-Kurs. 40 Flüchtlinge nehmen daran teil. Der Andrang war aber deutlich größer: 300 Flüchtlinge hatten sich beworben. Dennoch gibt es keine Überlegungen, das Programm auszuweiten. Wer einen Platz bekommen hat, kann dafür von einigen Neuerungen profitieren. Im diesjährigen Kurs spricht zum Beispiel ein Psychotherapeut mit den Teilnehmern. Er hilft ihnen dabei, mit ihren psychischen Belastungen umzugehen: der Krieg in Syrien oder dem Irak, die Flucht, aber auch das Gerenne zwischen den Ämtern in Deutschland. Beratung gibt es auch zum Bildungsweg.

Christine Rubas:

„In Deutschland ist es ja so, dass wir ganz viele Ausbildungs-, Studienwege haben. Und all das ist zum Beispiel unseren syrischen Teilnehmern nicht klar. Und das haben wir auch als Auftrag genommen, darüber erstmal aufzuklären. Vielleicht ist nicht für jeden das Studium das Richtige.“ [

Wer trotzdem studieren möchte, konkurriert mit vielen anderen internationalen Bewerbern um eine Handvoll Plätze. Besonders gering sind die Chancen in Medizin; genau in dem Fach, das die meisten Teilnehmer des letzten Kurses anstrebten. Joseph gibt aber nicht auf: Er macht gerade ein Praktikum beim Nürtinger Krankenhaus.

Joseph Yateem:

„Ich war zum Beispiel in einer Knie-OP; ich habe zugesehen. Die Schwestern haben gedacht, ich werde da umfallen. Aber ich habe so ganz interessiert zugesehen ‒ die Ärzte waren überrascht. Sie haben das Knie aufgeschnitten und für mich war das ganz normal, als ich dem zugesehen habe.“ 

Weshalb das Refugee-Programm nicht ausgeweitet wird
Die Zahl der Bewerber würde für vier bis fünf Kurse ausreichen. Dennoch gibt es nur einen. Grund dafür:
– Nicht genügend Räume an der Uni
– Finanzielle Mittel begrenzt
Der Kurs finanziert sich über ein Förderprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Das Programm nennt sich „Integra” (Integration von Flüchtlingen ins Fachstudium). https://www.daad.de/der-daad/fluechtlinge/infos/de/41996-foerderprogramm-integration-von-fluechtlingen-ins-fachstudium-integra/
  • Dr. Christine Rubas hat das Vorstudium für Flüchtlinge, den Refugee-Kurs, konzipiert. Seit Oktober 2015 arbeitet sie für die Stabsstelle für Flüchtlingskoordination, zuvor war sie Interkulturelle Trainerin und Beraterin bei dem Tübinger Programm “International and European Studies”.

  • Foto Joseph Yateem

    Joseph Yateem ist 20 Jahre alt und wuchs im syrischen Aleppo auf. Nachdem er sein Abitur mit 1,3 bestanden hatte, floh er gemeinsam mit seinem Vater nach Deutschland, wo er im September 2015 ankam. Letztes Jahr nahm er dann am Tübinger Refugee-Programm teil.

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Über

studiert Germanistik und Allgemeine Rhetorik. Sie ist seit 2017 bei cantaloup.fm dabei.

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