Der Vortrag von Ingrid Strobl ist fördernswert

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Am 29. Januar findet ein Vortrag statt, der vom Studierendenrat (StuRa) gefördert wird. Die Referentin wurde vor ca. 30 Jahren wegen terroristischer Gewalttaten verurteilt. Ein Kommentar.

Das wirft die Frage auf, welche Rolle die Vergangenheit von Dozent*innen und Referent*innen an der Uni spielen soll.

Im November hat der StuRa Tübingen beschlossen, einen Vortrag über den Widerstand jüdischer Frauen während des Nationalsozialismus zu fördern. Der Vortrag geht der Frage nach, welche Rolle jüdische Frauen bei der Organisation des Widerstandes spielten und was sie dazu bewegte.

Die Förderung klingt erstmal nicht ungewöhnlich. Doch dieser Vortrag sorgt für Aufregung. Grund dafür ist nicht der Vortrag selbst, sondern, dass er von der umstrittenen Antifa Tübingen Reutlingen mitveranstaltet wird. Und die Dozentin: Ingrid Strobl, Journalistin, Buchautorin – und verurteilte Terroristin. Sie wurde 1989 zu fünf Jahren Haft verurteilt, wegen Unterstützung der Revolutionären Zelle (RZ), einer linksextremistischen Terrororganisation. Und wegen Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag auf das damalige Verwaltungsgebäude der Lufthansa. Das Urteil wurde teilweise aufgehoben, die Reststrafe für die Beihilfe zum Anschlag zur Bewährung ausgesetzt.

Der StuRa hat entschieden, den Antrag zu bewilligen. Allerdings nicht einstimmig. Und die Frage bleibt: Darf die Uni einer verurteilten Terroristin eine Plattform bieten, und darf der StuRa das fördern? Unsere Autorin Hannah Henrici kommentiert.

Darf die Uni einer verurteilten Terroristin eine Plattform bieten, und darf der Stura das fördern? Ich finde, im Fall des Vortrags am 29. Januar darf er das. Wie der StuRa erklärt hat, fördert er Veranstaltungen, keine Gruppen. Die Förderung gilt also nicht der Tübinger Antifa als Mitveranstalterin, sondern dem Vortrag. Und die Veranstaltung selbst finde ich fördernswert. Ingrid Strobl ist Expertin zum Thema Jüdische Frauen im Widerstand gegen den Holocaust und die Nationalsozialisten. Ein wichtiges Thema. Für ihre Sachbücher hat sie jahrelang recherchiert und dutzende Menschen befragt. Und gerade die Uni Tübingen, die eine abschreckende Rolle im Nationalsozialismus gespielt hat, sollte das Thema aufgreifen und aufarbeiten.

Aber es ist wichtig, zu diskutieren, inwiefern die Vergangenheit von Dozierenden eine Rolle an der Uni spielt. Ich denke, das muss von Fall zu Fall abgewogen werden. Es gibt immer noch Kontroversen um den Namen unserer Uni, weil der Namensgeber Eberhard antisemitische Tendenzen hatte. Oder Kontroversen um den Begründer der Politikwissenschaft in Tübingen, Theodor Eschenburg, und seine NS-Vergangenheit. Im Fall von Ingrid Strobl gibt es zwar ein Rechtsurteil, auch wenn es sehr umstritten ist – Zeitungen haben damals von Mangel an Beweisen geschrieben. Aber: Sie leistete ihre Strafe auch ab. Und ich finde, von hier an sollte es auch wieder Chancen geben. Für Ingrid Strobl die Chance, ihren Vortrag zu halten, für die Uni die Chance der Aufarbeitung, und für uns die Chance, einem interessanten Thema näherzukommen. Dass wir von Strobls Vergangenheit wissen und von der Antifa als Mitveranstalterin des Vortrags, hilft uns, dem Vortrag kritisch zu folgen. Aber ich finde, das sollte in der Wissenschaft selbstverständlich sein.

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Über

Hannah Henrici

... studiert seit 2016 Geschichte und Germanistik in Tübingen und arbeitet seit Herbst 2017 bei Cantaloup.fm mit.

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