„Ethik der Lust“ – Martin Walser in Tübingen. Ein Kommentar.

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Ein 91-Jähriger Mann, der seit über einem halben Jahrhundert Bücher schreibt, im Gespräch über Ethik und Lust. Verständliche Antworten blieb Martin Walser dem Publikum schuldig, findet unsere Autorin.

Martin Walser wurde in den 50er Jahren beim Suhrkamp Verlag bekannt. Seit Beginn seiner schriftstellerischen Karriere ist er ein umstrittener Autor gewesen. Ich wollte diesen zugleich oft geehrten wie auch kritisierten Schriftsteller selbst sehen und sprechen hören. Außerdem war auch er lange vor meiner Zeit an der Universität Tübingen immatrikuliert, was eine gewisse Verbundenheit erzeugte.

Hintergrund
Es scheint, als sei Kritik Martin Walsers ständiger Wegbegleiter, sowohl von ihm als auch an ihm. Ein oft genanntes Beispiel ist seine Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998. In ihr kritisierte er eine „Instrumentalisierung des Holocausts“, die den Effekt des Wegschauens hätte. Auch mit seinem Privatleben hat Walser für Aufsehen gesorgt. So wurde 2009 bekannt, dass er der leibliche Vater des Journalisten und Verlegers Jakob Augstein ist, rechtlicher Sohn des Spiegel Gründers Rudolf Augstein.

Wieder in Tübingen

Das Forum Scientiarum hat den 91-Jährigen im Rahmen einer dreitägigen Tagung in den Kupferbau eingeladen. Das Thema des Abends sowie der gesamten Tagung war „Ethik der Lust“. Man wolle laut Walser über Lust so sprechen, dass es „anständig” sei. Dann sei es Ethik.

Zu Beginn waren mehr Zuhörer da, als der Saal Platz bot. Etwas verspätet betrat Walser mit Gehstock und in Begleitung seines Biografen und Gesprächspartners Jörg Magenau das Podium. In Walsers Büchern geht es oft um Liebe, Erotik und außereheliche Beziehungen. Deswegen sprach ihn das Thema der Veranstaltung sofort an. Die kurzen themenbezogenen Ausschnitte aus vier seiner Bücher haben mich dann dennoch überrascht. In seinen „Tagebüchern“ geht es weniger um konkrete Ereignisse, als um die Sprache und Momenteindrücke. Die Art aber, wie er die Gedanken eines Mannes beschreibt, der eine Frau erobert hat, war mir befremdlich. Auch die anderen Textausschnitte waren teilweise sehr derb. Aus heutiger Sicht würde ich den ersten vorgelesenen Textausschnitt als frauenabwertend bezeichnen. Viele Zuschauer wirkten aus meiner Sicht entsetzt. Der Autor selbst hat sich heute ein Stück weit von der Erzählung distanziert. Vorgelesen hat er es aber trotzdem.

“Man ist nicht fähig zur Ethik, wenn man es mit Lust zu tun hat” (Martin Walser)

Nach der Lesung hatte Jörg Magenau sichtlich Mühe, verständliche Antworten von Walser zu bekommen. Der Autor hat fast ausschließlich in weitschweifigen und schwer verständlichen Sätzen gesprochen. Bei vielen Fragen verwies er nur darauf, dass er nicht näher darauf eingehen wolle. Auch die Frage des wissenschaftlichen Leiters des Forum Scientiarum, Dr. Niels Weidtmann, hat er nicht konkret beantwortet.

Suche nach Worten

Es war meiner Meinung nach enttäuschend, da viele Inhalte zum Themenabend „Ethik der Lust“ schwammig blieben. Walser hat viel mit Worten jongliert, dabei aber keinen für mich erkennbaren roten Faden verfolgt. Wie man nun so „anständig“ über Lust sprechen könne, dass es Ethik sei, ist an dem Abend leider nicht deutlich geworden.
Die Veranstaltung dauerte länger als geplant. Gegen Ende wurde auch das Publikum unruhig und einige haben den Saal verlassen. Der Applaus am Ende war dennoch groß. Bereut habe ich den Besuch der Veranstaltung nicht, im Gegenteil. Die gemischten Gefühle, mit denen mich der Autor zurückgelassen hat, haben mein Interesse und meine Neugierde auf seine Bücher umso mehr geweckt. Dazu kommt das Interesse an ihm als einem Menschen, der von der Nachkriegszeit bis heute die deutsche Literatur geprägt hat.

Walser photo

Martin Walser mit Günter Grass. Foto: Das blaue Sofa – BSB 2007: Gruppe 47. Sechzig Jahre danach (CC Attribution License)

… Martin Walser ist 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren worden. Im Zweiten Weltkrieg war er zunächst Flakhelfer, dann Gebirgsjäger. Während seines Studiums der Geschichte, Literatur und Philosophie an der Theologisch-Philosophischen Hochschule Regensburg und der Universität Tübingen hat er erste Erfahrungen mit Radio und Fernsehen gemacht. 1953 wurde er Mitglied der literarischen “Gruppe 47“. Sein erster Roman „Ehen in Philippsburg“ wurde mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Weitere bekannte Werke sind „Ein fliehendes Pferd“ (1978), „Ein springender Brunnen“ (1998) und „Tod eines Kritikers“ (2002). Sein neuestes Werk heißt “Spätdienst” (2018).

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Über

Julia Weiss

...studiert seit 2016 Psychologie an der Uni Tübingen mit Wahlfach Germanistik und ist seit zwei Semestern bei cantaloup.fm.

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