Cyber Valley Tübingen: Steuergelder, Intransparenz und Rüstungsindustrie

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Die Region Stuttgart-Tübingen möchte sich als Vorreiter in Sachen Technik, insbesondere künstlicher Intelligenz (KI), präsentieren und etablieren. Doch auf wessen Kosten? Ein Kommentar.

Das Cyber Valley wird als Schnittpunkt von Wissenschaft und Wirtschaft beworben, bei dem es um Grundlagenforschung geht. Dabei sollen alle Menschen von den unglaublichen Neuerungen im KI-Bereich profitieren. Ein Märchen, das zu schön klingt, um wahr zu sein.

Wer ist beteiligt?

Firmen, welche bereits für das Cyber Valley eingeplant sind, wären unter anderem die Daimler AG, amazon und die im Rüstungssektor aktive ZF Friedrichshafen AG. Alle bekannt als eifrige Kämpfer für das Gemeinwohl. Beispiele wie die schlechten Arbeitsbedingungen oder die Manipulationsvorwürfe bei Dieselfahrzeugen sprechen dabei für sich. Folglich finde ich es höchst naiv davon auszugehen, dass lediglich Forschung betrieben wird, welche uns allen weiterhilft. Insbesondere die bereits genannte Rüstungsindustrie hat ein enormes Interesse an der Forschung im Bereich der KI. Auf der eigenen Homepage des Cyber Valleys wird zudem hervorgehoben, dass KI das Analysieren von großen Datenmengen massiv erleichtern und verbessern wird. Überwachung und Profiling 2.0, der Albtraum jedes*r Datenschützers*in.

Konzerne ohne Vorteile?

Nachdem Verbände und Initiativen wie die „Informationsstelle Militarisierung e.V.“ oder das „Bündnis gegen das Cyber Valley“ Alarm schlagen, wird nun versucht, sämtliche Ängste zu zerstreuen. Zum Beispiel liegen angeblich sämtliche Patentrechte der Forschungen beim Max-Planck-Institut und die Firmen müssen diese erst erwerben. Ich weiß nicht, wie es sich tatsächlich verhält, aber diese Darstellung halte ich für lachhaft. Ein Unternehmen wie amazon unterstützt die Eröffnung eines neuen Forschungsstandortes, investiert Gelder, befindet sich im globalen Konkurrenzkampf und hat zunächst nichts davon. Ich weiß nicht, wer das so glauben soll.

Daneben werden reihenweise Doktorand*innen in diesem Bereich mit den Unternehmen kooperieren. Die Firmen können sich also den Nachwuchs so heranzüchten, wie es ihnen passt. Eine kritische öffentliche Haltung gegenüber den Firmen, also den Kooperationspartnern, und deren Politik wäre von Universitätsseite aus damit kaum vorstellbar. Des Weiteren ist mir sowieso nicht klar, weshalb diese Giganten Millionenzuschüsse vom Land Baden-Württemberg benötigen. Auch wenn die Firmen bereits Geld in das Projekt mit der Universität investieren, sollte es gänzlich ohne die Unterstützung des Landes auskommen. Denn letztlich werden sie von dem Know-how und den Innovationen profitieren. Deshalb sollten die Firmen für alle Kosten, welche das normale Universitätsbudget überschreiten, aufkommen. Gerade weil das Projekt jedoch vom Land gefördert wird, fände ich ein Mitspracherecht der Bürger*innen wichtig. Allerdings war und ist das nach meinem Kenntnisstand nicht vorgesehen.

Mietpreiserhöhungen für alle

Neben der für mich derzeit unglaubwürdigen Darstellung des Cyber Valleys wäre zudem ein drastischer Anstieg bei den „niedrigen“ Mietpreisen in Tübingen durch die neuen Arbeitsplätze zu erwarten, wie es beim Silicon Valley der Fall ist. Von aller Welt sollen Expert*innen im Cyber Valley anheuern, hier wohnen und natürlich werden sie von den Konzernen entsprechend entlohnt. Aber wen interessiert schon die breite Masse, solange Elitenbildung betrieben werden kann.

Momentan ist das Cyber Valley meiner Meinung nach ein intransparentes Vorhaben, welches möglichst unauffällig durchgewunken wird und dessen Folgen für uns alle nicht absehbar sind. Meiner Ansicht nach müssten die Verträge und Vereinbarungen mit den Firmen vor Abschluss offengelegt sowie die Finanzierung durch das Land gestrichen werden. Zusätzlich sollte vorab ein Konzept entworfen werden, welches insbesondere erschwinglichen Wohnraum in der Region garantiert.

Cyber Valley
Was ist das Cyber Valley?

– ein Projekt als Schnittstelle von Wissenschaft und Industrie
– momentane Kernpartner: amazon, BMW Group, IAV GmbH, Daimler AG, Porsche AG, Robert Bosch GmbH und ZF Friedrichshafen AG
– angegebener Schwerpunkt: Grundlagenfoschung
– künstliche Intelligenz (KI) als Forschungsschwerpunkt
– keine öffentlich einsehbaren Verträge zwischen Universität und Unternehmen
– hohes Interesse der Rüstungsindustrie an KI
– Optimierung der Analyse großer Datenmengen durch KI (Überwachung, Profiling)
– Millionenbeiträge in zweistelliger Höhe durch das Land Ba-Wü
– voraussichtlicher Mietpreisanstieg in der Region

weiterführende Links:

https://www.cyber-valley.de/de
https://nocybervalley.de
http://www.imi-online.de/2018/07/05/9000/
https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Cyber-Valley-Initiative-in-Tuebingen-weist-Vorwuerfe-der-Militarisierung-und-des-Ausverkaufs-zurueck-379807.html
https://deutsch.rt.com/gesellschaft/61306-funf-wochen-undercover-bei-amazon/
https://www.autobild.de/artikel/diesel-manipulation-bei-daimler-news-und-hintergruende-8953599.html
https://www.zeit.de/wirtschaft/2014-01/san-francisco-silicon-valley

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Über

Daniel Anhorn-Weckesser

...studiert Sportmanagement im Master am IfS in Tübingen. Neben der Tätigkeit bei cantaloup ist er als wissenschaftliche Hilfskraft im Bereich der Sportökonomik tätig.

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