Cyber Valley und Künstliche Intelligenz in Tübingen – Wirklich eine existenzielle Gefahr?

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Das Cyber Valley in Tübingen ist eine gute Idee, aber Entwicklungen sollten im Auge behalten werden. Ein Kommentar.

Es besteht die vielleicht einmalige Chance, im Cyber Valley die Forschung an Künstlicher Intelligenz in die richtige Richtung zu lenken. Wir haben hier die Möglichkeit ethische Standards durchzusetzen, die in anderen Teilen der Welt nichts gelten.

Es gibt unbestreitbar viele ethische Fragen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, deren Beantwortung noch nicht klar ist: Wer ist verantwortlich für die Entscheidungen einer Künstlichen Intelligenz (KI)? Wie verhindern wir, dass KI Vorurteile unter anderem rassistischer und sexistischer Art aus dem Datensatz übernimmt, mit dem sie gefüttert wird? Es drängen auch einflussreiche KI-Forscher*innen auf die Diskussion dieser und weiterer Fragen. Grade weil so vieles zurzeit unklar ist, ist es wichtig, dass aus Deutschland und Europa Einfluss auf die Beantwortung dieser Fragen genommen wird. Meiner Meinung nach dürfen wir den USA und China nicht das Feld überlassen. So ist auch eine große Mehrheit der Deutschen dafür, die Forschung im Bereich Künstliche Intelligenz zu verstärken.

Bösartigen Entwicklungen entgegenwirken

Der Ausbau eines unkontrollierbaren Überwachungsstaats mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz ist eine Sorge, die von Gegnern des Cyber Valleys vorgetragen wird. Allerdings beschäftigt sich die erste Arbeitsgruppe an der Uni Tübingen, die im Rahmen des Cyber Valleys gegründet wurde, mit dem Thema “Privacy Preserving Machine Learning”.  Das Ziel dieser Arbeitsgruppe ist, bestehende Algorithmen so zu verändern, dass sie die Privatsphäre nicht verletzen. Die Forschung im Cyber Valley kann konkret helfen, potentiell gesellschaftsschädlichen Entwicklungen von KI etwas entgegenzusetzen.

Keine Auftragsforschung

Die Entscheidung, welche Nachwuchsgruppen im Cyber Valley gefördert werden, liegt nicht in der Hand der Unternehmen. Das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme arbeitet an Grundlagenforschung. Dadurch ist meiner Meinung nach hinreichend sichergestellt, das nicht bloß Auftragsforschung für die Industrie durchgeführt wird. Die Aussage, dass die Unternehmen bloß ein Zweitzugriffsrecht auf Patente haben werden – und dafür zusätzlich zahlen werden müssen –  halte ich für plausibel, da die Unternehmen andere Vorteile haben. Sie profitieren zum Beispiel davon, wenn es in Deutschland viele gut ausgebildete Spezialist*innen für KI gibt. Außerdem scheint es mir derzeit prestigeträchtig, den eigenen Namen in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz zu bringen. Für die Unternehmen kann es daher sinnvoll sein, ins Cyber Valley zu investieren, auch ohne direkt fette Beute abgreifen zu können.

Ein besonderer Fall ist das Engagement der „ZF Friedrichshafen“. Das Unternehmen nutzt ziviles Know-how militärisch. Dadurch kann niemand garantieren, dass Forschung aus Tübingen bald nicht auch in Panzern steckt. Ich verstehe nicht, wie man diese Kooperation für eine gute Idee halten kann und hoffe, dass sie umgehend beendet wird.

Keine zusätzliche Wohnungsnot

Die andere Sorge, die häufig im Zusammenhang mit dem Cyber Valley angeführt wird, betrifft die Wohnungsnot, die unzweifelhaft in Tübingen existiert. Es ist in diesem Zusammenhang immer wieder von 3000 bis 3500 hochbezahlten Arbeitsplätzen im Cyber Valley die Rede. Aber falsche Informationen werden nicht durch Wiederholung richtig: Nur ein Bruchteil dieser Arbeitsplätze –  etwa 500 –   hat mit dem Cyber Valley zu tun.  Tübingen ist bereits ein sehr prominenter Standort für KI-Forschung und entsprechende Ausbildung, verdeutlicht durch den Exzellenzcluster „Maschinelles Lernen“. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass viele dieser Arbeitsplätze von Menschen ausgefüllt werden, die auch in Tübingen studiert haben. Der Vergleich mit dem Silicon Valley, in dem ein vielfaches mehr Menschen arbeiten, als in Tübingen leben, bloß aufgrund der Namensähnlichkeit ist einfach nur albern. Meiner Meinung nach geht vom Cyber Valley keine existentielle Gefahr für Tübingen aus.

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Infos zum Cyber Valley

Das Cyber Valley ist eine Kooperation der Universitäten Stuttgart und Tübingen, dem Land Baden-Württemberg, dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, sowie von Unternehmen aus der Wirtschaft (amazon, BMW AG, Daimler AG, IAV GmbH, Porsche AG, Robert Bosch GmbH, SCHUFA Holding AG und ZF Friedrichshafen AG). Von den etwa 165 Mio. Euro, die in das Cyber Valley investiert werden, kommt etwa ein Drittel aus der Industrie. Dadurch sollen in Stuttgart und Tübingen zehn neue Lehrstühle und zehn Forschungsgruppen entstehen. Die Forscher sind beim Max-Planck-Institut oder einer der Universitäten angestellt. Schwerpunkte der Forschung sind Maschinelles Lernen, Computer Vision und Robotik. Innovationen sollen vor allem zur Gründung von Start-Ups dienen.

Weiterführende Links
– https://tuebingen.mpg.de/neuigkeiten/pressemitteilungen/detail/cyber-valley-zieht-forschungsgruppenleiter-aus-aller-welt-an/

https://nocybervalley.de/wp-content/uploads/2018/12/Gegen-das-Cyber-Valley.pdf

https://www.cyber-valley.de/de/haufig_gestellte_fragen_zu_cyber_valley

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Palmer-Keine-Sonderrabatte-fuer-Amazon-386409.html?bRewritten=true

– https://www.spektrum.de/news/partnership-on-ai-will-kuenstliche-intelligenz-zum-nutzen-der-gesellschaft/1518471

https://www.spektrum.de/news/lange-gesund-leben-dank-ki/1585018

https://gist.github.com/rspeer/ef750e7e407e04894cb3b78a82d66aed#file-how-to-make-a-racist-ai-without-really-trying-ipynb

https://privacy-preserving-machine-learning.github.io/

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